Schwerpunkt

Was wir zu wissen glaubten

Von Kilian Kirchgessner

60 Jahre Humboldt-Stiftung, das ist auch eine Geschichte der Forschung. Wie hat sich das Wissen seit damals verändert, mit welchen Prognosen lag die Forschung richtig und welche Erwartungen wurden enttäuscht?

Gestern zum Mond, heute zum Mars

Die Mondlandung war 1953 höchstens ein Hirngespinst, und doch gab es Wissenschaftler, die sie präzise vorhersagen konnten: Amerikanische Forscher beobachteten die Höchstgeschwindigkeiten, die Menschen über die Jahrhunderte erzielt hatten – zu Fuß, in der Kutsche, per Eisenbahn, Auto und Flugzeug. Daraus rechneten sie 1953 hoch, dass vier Jahre später eine Geschwindigkeit erreicht werden könnte, die dazu ausreichen würde, die Erdatmosphäre zu verlassen. Eine Mondlandung sei wenige Jahre später machbar. Sie behielten auf das Jahr genau recht: Im Jahr 1957 schoss die Sowjetunion den Satelliten Sputnik in die Umlaufbahn, 1959 landete die Sonde Lunik auf dem Mond. Damit begann das goldene Zeitalter der Weltraumfahrt. Und heute? Obwohl an den Weltraumprogrammen immer mehr gespart wird, ist die Zeit der großen Erfolge noch nicht vorbei. 2012 landete der NASA-Rover Curiosity (Foto rechts) auf dem Mars und liefert seither immer neue Daten; derzeit wird die erste bemannte Mars-Mission vorbereitet.

Herz-OP: gestern Pionierleistung, heute Routine

Als John Gibbon 1953 zum Skalpell griff, haben nicht viele darauf gewettet, dass seine 18-jährige Patientin die Operation überlebt. Zum ersten Mal in der Medizingeschichte hat Gibbon ein stillstehendes Herz operiert; das Blut zirkulierte dank einer Herz-Lungen-Maschine (Foto links) während des 45-minütigen Eingriffs weiter. Dass die Operation gelang, war ein Meilenstein in der Medizingeschichte und im Bereich der Kardiologie der Startschuss für etliche weitere Entwicklungen. Der erste Herzschrittmacher etwa wurde 1958 implantiert, auch das eine Operation mit größtem Risiko. Heute sind solche Eingriffe Routine – 2011 wurden allein in Deutschland fast 15 000 Herzschrittmacher (Foto rechts) implantiert. Hochtechnisierte kardiologische Abteilungen gibt es längst nicht mehr nur an Uni-Kliniken, sondern oft auch in kleineren Krankenhäusern. Operationen mit angeschlossener Herz-Lungen-Maschine, vor 60 Jahren als Pioniertat von John Gibbon in aller Welt gefeiert, finden heute tagtäglich statt.

Medientheorie 2.0 für die Welt von Twitter und Co.

Die Welt der Massenmedien war um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch recht überschaubar. 1948 hat Harold Lasswell seine berühmte Formel veröffentlicht, die als Grundlage der Kommunikationswissenschaft gilt: „Wer sagt was durch welches Medium zu wem und mit welcher Wirkung?“ Entlang dieser Kette wurde über Jahrzehnte die Wirkung von Medien untersucht. In dieser Anfangszeit vermutete man, dass die Massenmedien direkt auf die Nutzer wirkten; so als würde ihnen eine Spritze (hypodermic needle) gesetzt. Heute ist Harold Lasswell endgültig überholt. Längst sind nicht mehr die Massenmedien die alleinigen Gatekeeper (auch das ein Begriff aus der Anfangszeit der Kommunikationswissenschaft), die entscheiden, was das geneigte Publikum erfährt. Twitter und Facebook, Blogs und Leserreporter krempeln die Medienwelt um – und die Wirkungsforschung muss sich alte Fragen wieder neu stellen.

Der nächste Erreger wartet schon

Penicillin hatte in den 1950er-Jahren eine erstaunliche Nebenwirkung: Es wirkte, da sind sich Forscher rückblickend sicher, als Katalysator für die sexuelle Revolution. Das Antibiotikum, entdeckt 1928, schaffte es in den Jahrzehnten danach, die Syphilis zurückzudrängen. Dass die Gefahr einer Ansteckung bei sexuellen Kontakten damit immer geringer wurde, führte zu einer ersten sexuellen Revolution. Als dann in den 1960er-Jahren mit der Antibabypille neben der Gefahr einer Infektion auch noch das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft wegfiel, nahm die Revolution noch mehr an Fahrt auf. Das Schreckgespenst der Syphilis indes wurde einige Jahrzehnte später abgelöst – durch AIDS. Die Immunschwächekrankheit ist für die Wissenschaftler von heute eine der großen Herausforderungen. Während es schon Medikamente gibt, mit denen sich die Folgen eindämmen lassen, gilt AIDS immer noch als unheilbar. Forschergruppen in aller Welt arbeiten daran, das zu ändern.

Neue Elemente aus dem Teilchenbeschleuniger

Sie heißen Darmstadtium, Ununseptium, Curium, Mendelevium oder Fermium – insgesamt 18 chemische Elemente wurden seit 1955 entdeckt, das ist ein stolzer Teil der 118 heute bekannten Elemente. Bis zurück ins Mittelalter reicht die Suche nach den Elementen, die seit 1869 im Periodensystem geordnet werden. Wenige von ihnen – Gold zum Beispiel, Helium oder Sauerstoff – kommen elementar in der Natur vor, die meisten wurden in Laboren als Ergebnisse von chemischen Reaktionen aus ihren Verbindungen hergestellt – etwa Arsen oder Kalium. Bei den vielen Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte allerdings reichten diese Techniken nicht mehr aus: Die neuen Elemente, die sogenannten Transurane, werden in Kernreaktoren und Teilchenbeschleunigern (Foto rechts) erzeugt. Die meisten sind nur für Sekunden oder Bruchteile von Sekunden überhaupt vorhanden.

aus Humboldt Kosmos 100/2013