Schwerpunkt

Ein (fast) unwiderstehliches Angebot

Von Georg Scholl

Dank der Humboldt-Professur lockt Deutschland internationale Forscherstars mit traumhaften Angeboten. Eine Bilanz der ersten fünf Jahre.

Grafik: Humboldt-Stiftung
Grafik: Humboldt-Stiftung

„Deutschlands Nobelpreise vergeben“, schrieb die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Titelseite, als die Alexander von Humboldt-Professuren vor rund fünf Jahren erstmals verliehen wurden. Deutschlands Nobelpreise? Der Vergleich trifft zu und zielt zugleich weit daneben. Einerseits sind die Ausgezeichneten genau wie beim Nobelpreis ganz oben angekommen. Einen höher dotierten Forschungspreis als die bis zu fünf Millionen schwere Alexander von Humboldt-Professur kann man in Deutschland nicht erhalten. Auch nach internationalen Maßstäben ist diese Summe spitze. Andererseits wird mit der Humboldt-Professur keine Lebensleistung oder eine möglicherweise schon Jahrzehnte zurückliegende innovative Theorie gewürdigt wie beim Nobelpreis. Ein Humboldt-Professor soll noch viele Jahre produktives Forschen vor sich haben; manche von ihnen sind nicht einmal 40 Jahre alt.

So wie in Stockholm kann man sich auch bei Humboldt nicht selbst bewerben, die Kandidaten werden nominiert. Und zwar von deutschen Universitäten, die einen bestimmten Forscher oder eine Forscherin aus dem Ausland gewinnen wollen und hierfür mit einem Plan zur Einbindung des Preisträgers in ein strategisches Konzept überzeugen müssen: Wie kann der Kandidat zur Internationalisierung der Universität beitragen und ihr helfen, in einem bestimmten Bereich zur Weltspitze aufzuschließen? Welche Strukturen, seien es Labors, Großgeräte oder Arbeitsgruppen, sollen entstehen? Wie kann der Nominierte als Kristallisationskeim wirken und welche Mittel stehen bereit, um sein Team mit weiteren Spezialisten zu verstärken? Wie ist die langfristige Perspektive über die fünf Jahre hinaus, in denen das Preisgeld fließt? Dieses Konzept ist ebenso wichtig wie die Exzellenz des Kandidaten.

Grafik: Humboldt-Stiftung
Grafik: Humboldt-Stiftung

Geld ist nicht alles

So ist die Humboldt-Professur, auch wenn sie exzellente Forscherinnen und Forscher würdigt, tatsächlich kein Forschungspreis im althergebrachten Sinn. Wenn es sich beim Nobelpreis um einen Rolls- Royce handelt, dann ist die Humboldt-Professur ein Tesla. Sie ist ein modernes Instrument im globalen Standortwettbewerb um die besten Ideen und Köpfe. Sie gibt deutschen Universitäten die nötigen Mittel, um auf dem internationalen Forschertransfermarkt erfolgreich mitzubieten. Sie sollen so attraktive Rahmenbedingungen schaffen können, dass sich die auch in ihrer Heimat mit Bleibeangeboten Umworbenen am Ende für Aachen entscheiden statt für New York, für Hamburg statt Harvard oder für Bonn statt Cambridge. Dennoch geht manches Rennen verloren. Etwa jede vierte Berufungsverhandlung scheitert und der Humboldt-Professor in spe entscheidet sich, doch nicht nach Deutschland zu kommen. Längst nicht immer liegt es am Geld.

Welche Faktoren über Erfolg und Misserfolg des globalen Headhuntings entscheiden und welche Erwartungen an den Preis sich erfüllt haben und welche nicht, hat die Humboldt-Stiftung in einer ersten Zwischenbilanz untersucht. Die ersten im Jahr 2009 Ausgezeichneten schließen gerade ihre fünfjährige Zeit als Preisträger ab. Als Vorarbeit zu einer großen Evaluation, die für das Jahr 2015 geplant ist, wurden die aktuellen Preisträger und Universitäten zu ihren Erfahrungen befragt und bibliometrische Analysen durchgeführt. Dies sind die wichtigsten Ergebnisse:

Grafik: Humboldt-Stiftung
Grafik: Humboldt-Stiftung

Für die meisten der befragten Professoren war das deutsche Angebot so attraktiv, dass die bisherige Heimateinrichtung kein konkurrenzfähiges Bleibeangebot machen konnte. Hinzu kommt das bereits entstandene international hohe Renommee der Auszeichnung, das eine Humboldt-Professur zu einem Angebot macht, „das man nicht abschlagen kann“, so einer der Professoren in der Befragung. Doch es gibt auch solche, die beim Gehalt Abschläge hinnehmen. Vor allem, wenn sie aus den USA kommen, dem Hauptherkunftsland der Preisträger. Schließlich ist das dortige Gehaltsgefüge immer noch vergleichsweise hoch, obwohl es seit der Finanzkrise nachgegeben hat und selbst die großen Eliteuniversitäten finanziell Federn lassen mussten. Dafür kann Deutschland mit beruflicher Sicherheit punkten. Professoren werden hierzulande in der Regel auf Lebenszeit verbeamtet. Außerdem ist der Druck, anwendungsbezogen zu forschen, geringer. So gilt Deutschland als Paradies der Grundlagenforschung. Viele Humboldt-Professoren preisen dementsprechend die Freiräume für kreatives Forschen ohne Rechtfertigungsdruck (siehe: Stardom vs. Bescheidenheit).

Das Ringen mit der Bürokratie

Wichtig sind außerdem kulturelle Faktoren. Über die Hälfte der bis 2013 Ausgezeichneten sind deutscher Abstammung oder Deutschland seit Langem verbunden, etwa durch frühere Aufenthalte, deutsche Ehepartner oder weil sie bereits Deutsch sprechen. Viele befinden sich in einer Lebensphase, in der ein Umzug ins Ausland mit Sack und Pack zu einem Einschnitt führt, der wohlüberlegt sein will: Stimmt die Familie dem Wechsel zu? Wie sind die beruflichen Perspektiven für mitreisende Partner? Wie geht es mit der Ausbildung der Kinder weiter? In einigen Fällen scheiterten die Verhandlungen denn auch am Veto des Ehepartners. Wiederholt wurde das eher schlechte Image Deutschlands in puncto Familienfreundlichkeit und Karriereperspektiven für Frauen erwähnt. Auch hierin könnte ein Grund für den unterdurchschnittlichen Frauenanteil unter den Professoren liegen (siehe: Oben ist noch Platz).

„Die Preisträger sind bestens vernetzt – international und vor Ort.“

Wenn die Humboldt- Professoren eines beklagen, so ist es die deutsche Bürokratie. Die internen Abläufe der Hochschulen werden oft als ineffizient und kräftezehrend erlebt. Einige Preisträger monieren die intransparente Verwendung von Mitteln und zähen Auseinandersetzungen mit der Verwaltung. Streit gibt es zum Beispiel um den Einsatz der 15-prozentigen Verwaltungspauschale, die zum Preisgeld gehört und eigentlich dazu gedacht ist, ein Maximum an Flexibilität zu bieten. So können hiervon Rückstellungen für zukünftige Gehaltszahlungen oder Dual Career-Angebote finanziert werden. Die Humboldt-Stiftung empfiehlt mittlerweile, diese Mittel auch für die Anstellung eines Wissenschaftsmanagers zu nutzen, der die Preisträger von administrativen Aufgaben entlastet und bei der Personal- und Budgetplanung unterstützt.

Grafik: Humboldt-Stiftung
Grafik: Humboldt-Stiftung

Die Ziele Exzellenz und Internationalisierung werden erreicht

Die bibliometrischen Analysen zeigen, dass die Humboldt-Professoren international herausragende und gut vernetzte Forscher sind. Sie kooperieren viel mit Partnern im Ausland, nicht nur in Form von gemeinsamen Publikationen, sondern auch bei der Beantragung von Drittmitteln, der Begutachtung von Dissertationen oder der Organisation von Tagungen. Auch ihre Arbeitsgruppen sind sehr international; in der Regel stammen mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder aus dem Ausland.

Die meisten Preisträger sind vor Ort sehr gut vernetzt und engagieren sich an ihrer neuen Universität, etwa durch die Übernahme von Leitungspositionen oder bei der Ausbildung junger Talente. Alle Teilnehmer der Befragung hatten seit Antritt ihrer Professur Promotions- oder Habilitationsarbeiten betreut. Die meisten fühlen sich fachlich und privat gut in Deutschland integriert und sind mit der der Umsetzung der strategischen Universitätskonzepte zufrieden.

* Förderperiode von 2009 bis 2013 (alle Grafiken)

aus Humboldt Kosmos 101/2013