Titelthema: Digital Humanities

Rotkäppchen 2.0 - Teil 1

Von Lilo Berg

Ob Märchenforschung, Linguistik oder Archäologie: Immer mehr Geisteswissenschaftler nutzen die Methoden der Digital Humanities. Das führt zu neuen Erkenntnissen, aber auch zu Widerstand.

Illustration von Gustave Doré aus dem Märchenbuch „Les Contes de Perrault“, Paris 1862
Illustration von Gustave Doré aus
dem Märchenbuch „Les Contes de
Perrault“, Paris 1862

„Es war einmal ein kleines, süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der es nur ansah, am allerliebsten aber seine Großmutter.“ So beginnt „Rotkäppchen“, eines der populärsten deutschen Märchen. Vor 200 Jahren erschien es für den deutschsprachigen Raum erstmals in gedruckter Form. Jacob und Wilhelm Grimm hatten die Geschichte gehört und aufgezeichnet, ebenso wie viele andere bis dahin nur mündlich überlieferte Erzählungen. Im Jahr 1812 veröffentlichten die Brüder ihre berühmten „Kinder- und Hausmärchen“, die in immer neuen Auflagen bis heute fortleben.

Auf Deutschland beschränkt waren die Märchen jedoch keineswegs, das fiel schon den Grimms auf. Es gab erstaunliche Parallelen zu volkstümlichen Erzählungen in den slawischen Ländern, in Persien, Arabien und Indien. Angeregt durch die beiden Philologen begann im 19. Jahrhundert eine weltweite Sammelaktion. Angehäuft wurde ein Schatz von mehr als 2 000 Märchen, darunter auch zahlreiche Geschichten, die an „Rotkäppchen“ erinnern. Aus den vielen Varianten destillierten Forscher später zwei Hauptgruppen heraus: einen vorwiegend europäischen Typ und einen weiteren Typ, in dem es nicht wie im europäischen um ein Mädchen, sondern um mehrere Kinder geht. Aber stimmt diese Aufteilung überhaupt, fragten alsbald skeptische Kollegen. Entwickelten sich die Varianten unabhängig voneinander? Oder stammen sie alle von einem Urmärchen ab?

140 Millionen Bücher wurden bisher publiziert.

„Es ist die alte Frage nach dem Stammbaum“, sagt der Göttinger Germanist Gerhard Lauer, der selbst viel zu Märchen geforscht hat. Schon die Brüder Grimm hatten diese Frage aufgeworfen, aber mangels Überblick und geeigneter Methoden nicht befriedigend beantworten können. Eine methodisch besonders originelle Antwort wurde erst kürzlich gefunden, von ihr soll später noch die Rede sein. Zu verdanken ist sie einer neuen Forschungsrichtung namens Digital Humanities.

Diese Disziplin etabliert sich allmählich auch in Deutschland, und Gerhard Lauer ist einer ihrer Protagonisten. Früher hat auch er nach klassisch geisteswissenschaftlicher Art mit Schreibstift und Karteikästen gearbeitet, inzwischen nutzt er fast ausschließlich die computergestützten Verfahren der Digital Humanities. „Damit bereitet die quantitative Analyse großer Datenmengen kaum noch Probleme“, sagt der Göttinger Literaturwissenschaftler.

Roberto Busa 1956 an der Yale University
Roberto Busa 1956 an der Yale
University

Foto: siehe rechte Spalte unter
Roberto Busa

Begonnen hat die Bewegung in den späten 1940er-Jahren. Damals machte Pater Roberto Busa sich mithilfe von Computern an ein gewaltiges Editionsprojekt, eine 56-bändige Ausgabe der Werke von Thomas von Aquin. Tatsächlich erreichte der italienische Geistliche sein Ziel schneller, als es auf klassischem Wege möglich gewesen wäre. In Deutschland kamen die ersten Impulse wenige Jahre später von einer Forschergruppe um Wilhelm Ott an der Universität Tübingen. Einen starken Schub brachten in den 1990er-Jahren das World Wide Web, E-Mail und hochleistungsfähige Computer, später dann der immer einfachere und kostengünstigere Internetzugang.

In den Geisteswissenschaften erkannten die Linguisten und Archäologen als Erste die Vorzüge der neuen Werkzeuge. In ihren Disziplinen sind das digitale Konservieren von Texten und Objekten und das Analysieren der Daten am Computer fest etabliert. Aber auch Arabisten, Juristen und Kunsthistoriker, Soziologen, Theologen und Wirtschaftsinformatiker – Vertreter praktisch aller Geistes- und Sozialwissenschaften – kommen auf den Geschmack. Sie experimentieren mit den Methoden der e-Humanities, wie die Bewegung auch genannt wird, und manche bezeichnen sich sogar als Digital Humanists.

18% der jemals publizierten Bücher sind digitalisiert.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ist in Deutschland eine große digitale Werkstatt entstanden. In ihr wird gescannt, gemessen, gespeichert, geplant und gerechnet, was das Zeug hält. In Hamburg durchstöbert der Literaturwissenschaftler Jan Christoph Meister mit selbst entwickelten Algorithmen eine große Sammlung ausgewählter Erzählungen des 19. Jahrhunderts: Er will wissen, seit wann das seelische Erleben eine Rolle in der Literatur spielt. In Trier inspiziert die Mediävistin Claudine Moulin ihre digitale Schatzkammer: Sie enthält 500 der schönsten Handschriften des Mittelalters und steht allen Interessierten offen, rund um die Uhr. In Berlin ist der Archäologe Reinhard Förtsch dabei, von Zerstörung bedrohte syrische Kulturgüter digital zu konservieren, damit sie künftig leichter restauriert werden können. In Leipzig überlegt der Altphilologe Gregory Crane, wie er noch mehr Menschen für antike Texte und sein virtuelles Übersetzungslabor begeistern kann. Und in Würzburg erfasst der Germanist Fotis Jannidis mit Computerhilfe die Häufigkeit von „der“, „die“, „das“ und weiteren Allerweltswörtern in Romanen. So erstaunlich es klingt: Diese Information genügt, um Romane voneinander unterscheiden und unbekannte Werke ihren Autoren zuordnen zu können.

Jetzt online verfügbar: reich verzierte Handschriften aus dem 11. bis 15. Jahrhundert
Jetzt online verfügbar: reich ver-
zierte Handschriften aus dem 11.
bis 15. Jahrhundert

Abbildungen: Stadtbibliothek und
Stadtarchiv Trier

„Deutschland spielt eine wichtige Rolle in der globalen Digital-Humanities-Szene“, sagt John Nerbonne. Der Computerlinguist und Humboldt-Forschungspreisträger war bis vor Kurzem Präsident der European Association for Digital Humanities und ist ein Pionier der Bewegung. Als Wissenschaftler an der Universität Groningen, Niederlande, interessiert ihn, wie sprachliche Gewohnheiten sich ausbreiten und was derzeit mit den europäischen Dialekten passiert. Dass sie verflachen, ahnt man, und doch ist die Geschwindigkeit dieser Entwicklung erschreckend: Innerhalb nur gut einer Generation, so konnte das Team um Nerbonne nachweisen, kam es etwa in Schweden zu einem massiven Verlust an mundartlicher Vielfalt. Der Linguist preist die neuen Möglichkeiten der globalen, interdisziplinären Zusammenarbeit und nutzt ganz selbstverständlich Methoden aus Mathematik und Informationstechnik. So gelingt es ihm, auch mit einem vergleichsweise kleinen Team riesige Datenmengen zügig auszuwerten. Überhaupt, sagt John Nerbonne, sei das Arbeiten auf großer Skala ein Hauptvorteil der Digital Humanities.


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Gerhard Lauer
Professor Dr. Gerhard Lauer
Universität Göttingen
Foto: privat

Märchen sind nur eines unter vielen Forschungsthemen von Gerhard Lauer. Doch ob der Literaturwissenschaftler zu Franz Kafka forscht oder untersucht, was spannende Literatur im Gehirn bewirkt – immer nutzt er auch Methoden der Digitalen Geisteswissenschaften. Die nötige Infrastruktur hat er als Gründungsdirektor des Göttingen Centre for Digital Humanities zusammen mit anderen Institutionen in der Region geschaffen. Die Digital Humanities Summer School, die im August stattfindet, zieht junge Forscher aus aller Welt nach Göttingen. Was lockt den Nachwuchs? „Es ist der Aufbruch, die längst fällige Modernisierung der Geisteswissenschaften,“ sagt der Germanistikprofessor, der von 2006 bis 2009 am TransCoop-Programm der Humboldt-Stiftung teilnahm.

Pater Roberto Busa
Pater Roberto Busa
Italienischer Theologe (1913–2011)
Foto: s.u.

Als Gründervater der Digitalen Geisteswissenschaften gilt der italienische Jesuit Roberto Busa. Er erkannte als einer der Ersten, dass Computer mehr können, als nur Zahlen zu verarbeiten. Ende der 1940er-Jahre machte der Theologe sich an die monumentale Aufgabe, ein Verzeichnis aller elf Millionen Wörter im Werk des Kirchenlehrers Thomas von Aquin zusammenzustellen. Busa bat Thomas J. Watson, den Gründer von IBM, um Hilfe. Die wurde ihm zugesagt und so gelang es, den 56-bändigen „Index Thomisticus“ im Jahr 1980 herauszubringen. Mit dem Roberto Busa Prize erinnert die Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) an den Pionier der Zunft.

Fotos von Roberto Busa (oben und links im Text) unter Creative Commons CC-BY-NC lizenziert. Abb. mit freundlicher Genehmigung des CIRCSE Research Centre, Università Cattolica del Sacro Cuore, Mailand, Italien. Für weitere Informationen oder eine Nutzungserlaubnis wenden Sie sich bitte an Marco Passarotti (marco.passarotti(at)unicatt.it).

Claudine Moulin
Professorin Dr. Claudine Moulin
Universität Trier
Foto: privat

Auf viele Orte verstreut waren die rund 500 mittelalterlichen Handschriften der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier. Im virtuellen Skriptorium des Trier Center for Digital Humanities sind sie nun zusammengeführt und stehen Forschern zu jeder Zeit und an jedem Ort zur Verfügung. Das 1998 gegründete älteste deutsche Kompetenzzentrum für die Digitalen Geisteswissenschaften liegt tief im Westen der Republik. Hier entstand etwa der „Der digitale Grimm“, eine mit weiteren Wörterbüchern vernetzte digitale Ausgabe des berühmten „Deutschen Wörterbuchs“. Seit 2003 wird das Trier Center von der Germanistikprofessorin und Humboldt-Gastgeberin Claudine Moulin geleitet. „Die Digital Humanities sind die Zukunft der Geisteswissenschaften“, davon ist die Luxemburgerin überzeugt.

John Nerbonne
Professor Dr. John Nerbonne
Universität Groningen, Niederlande
Foto: Elmer Spaargaren

Digitale Methoden haben praktisch allen Fächern etwas zu bieten, sagt der Computerlinguist und Humboldt-Forschungspreisträger John Nerbonne. Zu den wenigen Ausnahmen zählen seiner Ansicht nach Teilgebiete der Bildanalyse aufgrund allzu großer technischer Probleme. In den Rechtswissenschaften hingegen werde es noch zu einem regelrechten Digital Humanities-Boom kommen, prognostiziert der Sprachforscher amerikanisch-irischer Abstammung. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit computergestützten Methoden und wie kaum ein anderer kennt er deren Chancen und Grenzen. „Geisteswissenschaftler müssen keine Angst haben, von der Technik überrollt zu werden“, sagt Nerbonne. „Sie kennen die relevanten Forschungsfragen und erst sie geben den Digital Humanities Sinn.“

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