Schwerpunkt

Rotkäppchen 2.0 - Teil 3

Von Lilo Berg

Dabei ist der Trend unverkennbar: Die Zahl der Digital Humanists wächst, die Fördermittel fließen üppiger.

Während die Skeptiker noch darauf pochen, dass es sich nicht um ein neues Fach, sondern höchstens um eine Hilfswissenschaft handelt, schlägt die digitale Idee Wurzeln. An deutschen Universitäten gibt es bereits 15 Lehrstühle in diesem Bereich, es entstehen neue Zentren und Studiengänge. Das Bundesforschungsministerium investiert bis 2017 rund 19,5 Millionen Euro in entsprechende Projekte. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat zusammen mit der US-Förderorganisation für die Geisteswissenschaften, dem National Endowment for the Humanities, ein bilaterales Programm zum Aufbau der Infrastruktur und Entwicklung von Dienstleistungen ausgeschrieben.

10 % der deutschen Geisteswissenschaftler sind aktive Digital Humanists.

„Für die Digital Humanities hat Deutschland eine strategische Bedeutung“, sagt Gregory Crane. Kein anderes Land fördere die Geisteswissenschaften in diesem Maße. Für den US-Forscher hat sich das gelohnt – und es könnte sich auch für seine Gastgeber lohnen: Bis zum Ende des Jahrzehnts will Crane ein Geschäftsmodell umsetzen, das der alten Verlagsstadt Leipzig zu neuer Bedeutung verhelfen soll. Nach dem Vorbild des sächsischen Wissenschaftsverlegers Benedictus Gotthelf Teubner (1784–1856) bereitet der Amerikaner ein Lernmittelprogramm für klassische Sprachen vor. Nicht auf Papier wie ehedem, sondern zeitgenössisch digital – mit Computerspielen, E-Books und einer Prüfungsvorbereitung per Internet.

Familie Rotkäppchen
Familie Rotkäppchen
Literatur: Tehrani JJ (2013), PLoS ONE,
doi:10.1371/ journal.pone.0078871

„Die Digitalen Geisteswissenschaften sind mehr als eine Modeerscheinung“, sagt der Kritiker Gerhard Wolf. Welchen zusätzlichen Nutzen sie bieten, müsse sich allerdings erst noch erweisen. Für John Nerbonne ist die Frage längst geklärt: „Bis auf ganz wenige Ausnahmen können alle Disziplinen von den neuen Methoden profitieren.“ Noch entschiedener äußert sich der Würzburger Germanist Fotis Jannidis: „Irgendwann ist es so weit: Dann arbeiten alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit digitalen Ressourcen und Methoden.“

Ob man bis dahin mehr über Rotkäppchen weiß? Die Brüder Grimm hatten noch vermutet, dass das Märchen ursprünglich aus Indien stammte und sich von dort in alle Welt verbreitete. Doch die Wirklichkeit sieht offenbar anders aus, wie eine unlängst erschienene britische Studie darlegt. „Sie ist ein Glanzstück der Digital Humanities“, urteilt der Göttinger Märchenforscher Gerhard Lauer, „eine wirklich richtungsweisende Untersuchung.“ Darin überträgt der Anthropologe Jamshid Tehrani computergestützte Rechenmethoden aus der Phylogenetik auf die Märchenforschung. Gegenstand seiner Analyse sind 58 aus Europa, Afrika und Asien stammende Varianten des Rotkäppchen-Stoffs. Fazit der Studie: Die meisten europäischen Varianten gehören zu einer bestimmten Typklasse, die meisten afrikanischen zu einer anderen, und die ostasiatischen Rotkäppchen-Geschichten sind wohl eine Mischung aus beiden. Statt eines Ursprungs gibt es also mehrere Ursprünge – ein schöner Stammbaum sieht anders aus. Ist es also überhaupt noch sinnvoll, an dem alten Herkunftskonzept festzuhalten?

15 Lehrstühle für Digital Humanities gibt es in Deutschland.

Tatsächlich haben die Entdeckungen im Wurzelwerk des Märchens viel gemein mit Erkenntnissen der modernen Evolutionsbiologie. Von der Idee eines geradlinigen Stammbaums ist man dort schon längst abgekommen. Seit grauer Vorzeit gibt es viele Verzweigungen, und deshalb sprechen Paläoanthropologen heute von einem „Stammbusch“. Ähnlich komplex ist offenbar die kulturelle Entwicklung verlaufen. Und doch finden Menschen immer wieder ähnliche Antworten auf uralte Fragen. Zum Beispiel in der Geschichte von Rotkäppchen.

aus Humboldt Kosmos 102/2014

Zeitschriften Digital Humanities

LLC, Literary and Linguistic Computing – The Journal of Digital Scholarship in the Humanities, ist die wichtigste internationale Printzeitschrift des neuen Wissenschaftszweigs. Sie wird von der Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) herausgegeben und erscheint bei Oxford University Press.

DHQ, Digital Humanities Quarterly, und Digital Studies / Le champ numérique sind Open Access- Journale. Sie werden von der ADHO herausgegeben.

Verbände Digital Humanities

DHD, Digital Humanities im deutschsprachigen Raum: 2012 gegründet, hat der Verband heute über 160 Mitglieder. Er sieht sich als Interessenvertretung für alle, die sich in ihrem Fach für die Digitalen Geisteswissenschaften engagieren, und organisiert jährliche Konferenzen.

EADH, European Association for Digital Humanities: Der europäische Verband versteht sich als Plattform für alle Disziplinen, die zu den Digitalen Geisteswissenschaften beitragen. Die 1973 gegründete Organisation fördert die Entstehung neuer Initiativen.

ADHO, Alliance of Digital Humanities Organizations: In dem internationalen Dachverband haben sich Länderorganisationen aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien zusammengeschlossen. Die ADHO richtet jährlich Konferenzen aus, verleiht Preise und publiziert mehrere Zeitschriften.

Projekte Digital Humanities
In Europa ist eine digitale Infrastruktur für die Kulturwissenschaften im Aufbau. Sie soll Kulturgüter und Forschungsdaten langfristig verfügbar machen. Wir stellen die beiden größten Programme vor.

DARIAH, Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities, bietet Geisteswissenschaftlern digitale Methoden und Werkzeuge. Das DARIAH-Konsortium besteht aus 15 Ländern. Im deutschen Teilprojekt DARIAH-DE engagieren sich 20 Universitäten, Rechenzentren und Bibliotheken. Es wird vom Bundesforschungsministerium bis 2016 mit knapp elf Millionen Euro gefördert.

CLARIN, Common Language Resources and Technology Infrastructure, konzentriert sich auf Sprachdaten für die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung. Auch Clarin geht gerade in die zweite Förderphase bis 2016. Der deutsche Projektverbund CLARIN-D wird vom Bundesforschungsministerium gefördert und von der Universität Tübingen koordiniert.