Schwerpunkt

Stiftung als eine Familie

Von Helmut Schwarz

Um Exzellenz, internationale Konkurrenz und Karrieren geht es allen Forschungsförderern. Die Humboldt-Stiftung will mehr erreichen. Stiftungspräsident Helmut Schwarz über Gastfreundschaft, Vertrauen und den Wert offener Worte.

Bundespräsident Joachim Gauck und Helmut Schwarz mit Stipendiaten beim jährlichen Humboldt-Treffen im Park von Schloss Bellevue
Bundespräsident Joachim Gauck und Helmut Schwarz mit Stipendiaten beim jährlichen Humboldt-Treffen im Park von Schloss Bellevue (Foto: Humboldt-Stiftung / David Ausserhofer)

Jeder, der sich mit der Humboldt-Stiftung etwas näher beschäftigt, trifft über kurz oder lang auf den Begriff der Humboldt-Familie. Für manche Leser klingt dies ziemlich altmodisch. Spricht man heute nicht eher von Netzwerken? Und überhaupt, geht es für einen Forschungsförderer wie die Stiftung zunächst nicht um Themen wie Exzellenzauswahl, internationale Konkurrenz und den Wettbewerb der Forschungsstandorte? Ja, natürlich gehört all dies zum Alltagsgeschäft der Humboldt-Stiftung. Vielleicht sogar mehr denn je. Und doch ist das Bild der Humboldt- Familie alles andere als nostalgisch: Es beschreibt eine gelebte Praxis.

Denn die Stiftung bezieht auch die Familien der Stipendiaten, also mitreisende Lebenspartner und die Kinder, in ihre Förderung ein. Das tun wir, weil wir wissen, wie wichtig diese Unterstützung für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist – mobile Menschen, die versuchen, in einem fremden Land ihr privates Leben mit ihrem Beruf in Einklang zu bringen. Das jährliche Humboldt-Treffen im Garten des Bundespräsidenten ist deshalb immer auch ein großes Familien- und Kinderfest – ein mikroskopisches Abbild einer Weltfamilie. Die Erinnerung an dieses herzliche Willkommen in Deutschland begleitet viele Humboldtianer und ihre Familien ein Leben lang. Sie legt das Fundament für eine in der Regel lang andauernde, von Respekt und Freundschaft geprägte Beziehung zu Deutschland und untereinander.

Humboldtianer beim jährlichen Humboldt-Treffen im Park von Schloss Bellevue
Humboldtianer beim jährlichen Humboldt-Treffen im Park von Schloss Bellevue (Foto: Humboldt-Stiftung / David Ausserhofer)

Familien sind, um es soziologisch auszudrücken, Solidaritäts- und Lerngemeinschaften. Unter den weltweit heute über 26.000 Humboldtianern gibt es nicht wenige, für die ihre Humboldt-Förderung mehr war als bloß ein bedeutender Schritt in ihrer beruflichen Karriere. Manche Stipendiaten bewahrte es vor einem Gefängnisaufenthalt, anderen rettete es sogar das eigene Leben, das bedroht war, etwa durch das Junta-Regime in Südamerika oder repressive Regierungen auf anderen Kontinenten. Der südafrikanische Linguist Neville Alexander, Weg- und Gefängnisgefährte von Nelson Mandela, mag als Beispiel dienen. Humboldtianer waren und sind auch Motoren eines gesellschaftlichen und politischen Wandels, ob nun während des Kalten Kriegs oder heute in den Ländern der arabischen Welt. Sie wirken als Botschafter für Deutschland und sind oft Seismografen für Entwicklungen in ihrer Heimat – wie auch bei uns. Denn in einer guten Familie kann man offen miteinander umgehen. Humboldtianer sagen uns nicht nur, was an Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland beglückend gelingt – sie berichten auch freimütig, was besser werden könnte und müsste. So berichten sie auch von der zuweilen unerfreulichen Realität, die ausländischen Gästen hierzulande in Amtsstuben, auf der Straße oder dem Wohnungsmarkt begegnet. Mit ihren Initiativen für eine Willkommenskultur setzt die Stiftung sich unermüdlich dafür ein, dass ihre ausländischen Stipendiaten sich bei uns wohl und sicher fühlen. Wir sollten Max Frischs Bemerkung aus den 60er-Jahren „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“ immer wieder beherzigen und nicht vergessen: Humboldtianer sind keine Begehrenden, sie sind weltweit Begehrte!

Wer die Bilder unserer Stipendiaten betrachtet, sieht Menschen aller Kulturen im Gespräch, sie sind einander zugetan, offen und neugierig auf ihr Gegenüber. Wir erleben täglich eine Völkerverständigung – auch dies ein altmodisches Wort. Aber wir brauchen sie nötiger denn je.

aus Humboldt Kosmos 103/2014