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Redlichkeit in der Wissenschaft – passé?

Von Helmut Schwarz

Es tut weh, konstatieren zu müssen, dass sich der Wissenschaftsbetrieb zusehends mit einem – allerdings nicht ganz neuen – Problem auseinandersetzen muss: Die Zahl zurückgezogener Publikationen steigt, wissenschaftliche Skandale machen zu oft Schlagzeilen, bei zu vielen Studien ist die Reproduzierbarkeit der Daten mangelhaft – und die Mängelliste ließe sich leicht fortsetzen.

Helmut Schwarz  (Foto: Humboldt-Stiftung / David Ausserhofer)
Helmut Schwarz  (Foto: Humboldt-Stiftung / David Ausserhofer)

Sollten diese Befunde Anzeichen eines Wahrhaftigkeitsproblems darstellen, dann wäre hiervon das gesamte Wissenschaftssystem betroffen. Auch Forschungsförderer wären nicht ausgenommen, wie der jüngst in der Humboldt-Stiftung kontrovers diskutierte Fall belegt. Einem Wissenschaftler, der für die mit fünf Millionen Euro dotierte Humboldt-Professur ausgewählt worden war, wurde wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen. Der Beschuldigte, der die Vorwürfe bestreitet, gab die Auszeichnung zurück, bevor die Stiftung über die nach Bekanntwerden der Vorwürfe ausgesetzte Preisverleihung erneut beraten konnte.

Wie hätten wir entschieden, wenn der Wissenschaftler nicht von sich aus zurückgetreten wäre? Die Frage offenbart ein generelles Dilemma, denn eine Förderorganisation wie die Humboldt-Stiftung ist keine Einrichtung zur Prüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Sie führt auch keine Replikationsstudien durch oder gibt diese in Auftrag. Auch verfügt sie über keinen Stab von erfahrenen Statistikern, die eine Publikation auf methodische Fehler untersuchen könnten. Es steht ihr nicht einmal zu, die Urteile von Gremien oder Ombudsleuten im In- oder Ausland zu revidieren.

„Betrugsvorwürfe werden zu Kampfinstrumenten.“

Die Stiftung muss vertrauen, muss vertrauen können! Sei es in die Aufrichtigkeit und Seriosität von Wissenschaftlern und Forschungsinstitutionen, in den kritischen, fairen Blick wie auch die wache Skepsis von Gutachtern und schließlich darein, dass die Selbstreinigungskräfte der Wissenschaft funktionieren. Dies scheint in der überwältigenden Zahl von Beispielen der Fall zu sein. Aber wir müssen feststellen, dass das Begutachtungssystem im heute herrschenden Massenbetrieb längst an seine Leistungsgrenzen gestoßen ist. Die Sorgen, etwas übersehen zu haben, nehmen einfach zu. Und wie gehen wir dann mit Vorwürfen um? Gibt es Fehler („lässliche Sünden“), die verzeihlich sind? Gilt die Unschuldsvermutung so lange und auch uneingeschränkt, wie ein Betrug nicht zweifelsfrei bewiesen ist? Oder trifft beim ersten ernsthaften Zweifel das berühmte MIT-Diktum des Massachusetts Institute of Technology in Kraft, nämlich: „If there is doubt, there is no doubt.“

Wir dürfen und werden uns die Antworten nicht leicht machen. Denn es gilt, eine Güterabwägung zu treffen, da die Konsequenzen für die Karriere und das Leben der Betroffenen möglicherweise irreversibel sind. Darüber hinaus bedarf es keiner zu wilden Fantasie, sich auszumalen, dass das hier skizzierte Redlichkeitsproblem in einem unseligen Wirkungszusammenhang mit dem stetig heißer laufenden Konkurrenzbetrieb zu immer mehr Betrugsvorwürfen führen kann. Die Vorwürfe, verfälscht, frei erfunden oder kopiert zu haben, könnten sich zu einem lähmenden Kampfinstrument entwickeln, mit dem jeder jeden Konkurrenten um Fördermittel oder Positionen aus dem Rennen werfen kann. Ich fürchte, dass dieses Horrorszenario uns in Zukunft nicht erspart bleiben wird.

Aber wir sind nicht wehrlos, und die Hoffnung, dass die Wissenschaft sich zu wehren versteht, ist nicht auf Sand gebaut. Ralph Cicerone, Präsident der einflussreichen US National Academy of Sciences, hat bei dem Jahrestreffen seiner Akademie in einer bemerkenswerten Rede nicht nur Probleme selbstkritisch behandelt, er hat auch zahlreiche Initiativen benannt, die eine Verbesserung bewirken könnten: von der Wiederholung wichtiger Studien, vor allem in der medizinischen und experimentalpsychologischen Forschung, wie sie die Laura and John Arnold Foundation schon jetzt finanziert, über alternative und offene Publikationsorgane wie beispielsweise eLife bis hin zu Selbstverpflichtungen der führenden Wissenschaftsjournale und Forschungseinrichtungen.

Um das Wahrhaftigkeitsproblem der Wissenschaft zu lösen, braucht es jedoch noch mehr. Es muss dem Trend entschieden widersprochen werden, dass „Schummeln“ – sei es in der Schule oder später im Wissenschaftsbetrieb – bloß ein Kavaliersdelikt sei.

Nein: Redlichkeit und Ehrlichkeit sind nicht verhandelbar.

aus Humboldt Kosmos 104/2015

Professor Dr. Helmut Schwarz ist Präsident der Alexander von Humboldt- Stiftung. Der vielfach international ausgezeichnete Chemiker lehrt an der Technischen Universität Berlin.