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„Für einen Artikel in Science tut man alles“

Interview: Georg Scholl - Illustrationen: Miriam Bauer

Riesenlehrstühle und steile Hierarchien gehören für den Biochemiker und Forschungsmanager Ernst-Ludwig Winnacker zu den Grundproblemen, die den Wissenschaftsbetrieb anfällig machen für Betrug. Ein Gespräch über Verantwortung und Verlockungen und darüber, weshalb sich Gutachter ein Beispiel an den Wiener Philharmonikern nehmen sollten.

Kosmos: Herr Winnacker, die Zahl der wissenschaftlichen Artikel, die wegen Fehlern zurückgezogen werden mussten, hat sich in der letzten Dekade verzehnfacht. Machen Sie sich Sorgen um die Seriosität der Wissenschaft?
Winnacker: Ich bin schon sehr besorgt. Auch wenn ich höre, dass 80 Prozent aller klinischen Studien nicht reproduzierbar sind. Für öffentliche wie für private Geldgeber ist das nicht akzeptabel. In den USA fragen sich bereits der Senat und der Kongress: Wieso fördern wir mit öffentlichen Mitteln so einen Unsinn? Für die Reputation der Wissenschaft ist das furchtbar.

Kosmos: Das Vertrauen in die Wissenschaft geht verloren?
Winnacker: Das ist die Gefahr. Denken Sie etwa an den fehlerhaften Bericht des Weltklimarates.

Kosmos: Sie meinen die fälschliche Prognose, dass die Himalajagletscher bis 2035 abschmelzen würden ...
Winnacker: Genau, das ging groß als „Gletscherpanne“ durch die Medien, und die Autoren mussten sich korrigieren. Der Nachfolgebericht im letzten Jahr hat dann kaum noch die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient hätte. Und die Klimawandelskeptiker sagten: Ist doch sowieso alles gefälscht.

Kosmos: Viel Beachtung fand auch der Fall der japanischen Juniorprofessorin, die Anfang letzten Jahres in zwei Publikationen im Magazin Nature behauptete, mithilfe von Zitronensäure aus gewöhnlichen Körperzellen Stammzellen machen zu können. Was eine medizinische Sensation gewesen wäre, entpuppte sich als Fälschung ...
Winnacker: ... die aber schnell aufgedeckt wurde. Schon bevor die Artikel erschienen, wurde in Blogs gesagt, hier stimmt etwas nicht. Im Mai hat Nature sie dann zurückgezogen. Die Forscherin hatte ihre Daten manipuliert. Zu so etwas gehört schon kriminelle Energie. Aber ich glaube, auch ihre Umgebung war mit schuld.

Kosmos: Inwiefern?
Winnacker: Wir sprechen von einer jungen Frau in einem Umfeld mit extremen Hierarchien, in denen weder junge Leute allgemein noch insbesondere Frauen etwas zu sagen haben. Ich würde vermuten, dass man sie in diesem System einfach alleingelassen hat auf einem Feld, das hochkompetitiv ist. Bei dieser Art von Forschung an den Grenzen des Wissens bekommen Sie keine Million, um die Unsterblichkeit der Maikäfer zu erforschen. Sie brauchen eine spektakuläre Fragestellung. Die hat sie gesucht und ist offenbar auf eine furchtbar dumme Idee gekommen.

Kosmos: Wieso ist den beteiligten Koautoren die Fälschung nicht aufgefallen?
Winnacker: Weil sie das Paper möglicherweise gar nicht gelesen hatten. Das ist der Fluch der Impact- Faktoren, die abbilden, wie gut ich in den renommierten Journalen präsent bin. Jeder will unbedingt einen Artikel in Science, Cell oder Nature veröffentlichen. Und dafür tut man alles. Und wenn man sich billig an eine Veröffentlichung dranhängen kann, umso besser. Aber auf ein Paper gehören nur Autoren, die wirklich an der Arbeit beteiligt waren. Und nicht einer, der zufällig das Institut leitet und an etwas ganz anderem arbeitet.

„Wenn man sich billig an eine Veröffentlichung dranhängen kann, umso besser.“

Kosmos: Dass die Namen der Chefs mit auf dem Paper sind, ist doch allgemein üblich ....
Winnacker: Ja, wenn auch seltener als früher. Mit der Erwähnung ihres Namens müssen sie auch Verantwortung tragen. Deshalb muss ich als Hochschullehrer immer in der Lage sein, die Experimente zu verstehen. Ich muss selbst eine Embryozelle injizieren können, um zu wissen, dass mein Postdoc nicht 1 000 pro Sekunde schaffen kann, wie er mir sagt. Man muss junge Leute begleiten und beraten: Wann muss man publizieren und wo? Auf welches Meetingsoll ich gehen, auf welches nicht? Man muss ihnen zuhören und Mechanismen ersinnen, damit sie ihre Wissenschaft vortragen können vor den älteren Kollegen. Man darf sie nicht allein vor sich hin forschen lassen.

Kosmos: Wird das an deutschen Universitäten beherzigt?
Winnacker: An manchen mehr, an manchen weniger. Ich bewundere unverändert das amerikanische System. Dort gibt es nicht diese Riesenlehrstühle wie bei uns. Und auch nicht die Tendenz, dass man immer mehr Mitarbeiter haben muss. Wenn man mit sich selbst ehrlich ist, weiß man, dass man nicht mit mehr als zehn, zwölf Doktoranden arbeiten kann. Wenn man diese Imperien, diese Großordinarien aufbaut, dann hat man immer steilere Hierarchien, und am Ende sieht man den Chef nicht mehr. Mit flacheren Hierarchien ist man weniger anfällig für Fälschungen.

Kosmos: Und wenn es trotzdem zu einem Betrugsverdacht kommt?
Winnacker: Dann braucht man Mechanismen, um damit umzugehen. Es geht nicht an, dass jemand seine Karriere riskiert, nur weil er einen Fehler anzeigt. Wenn beispielsweise einem Doktoranden auffällt, dass sein Chef etwas verheimlicht, und dieser Chef ist der Dekan der eigenen Fakultät. Dann hat er keinen anderen Ansprechpartner als seinen eigenen Chef. Mal abgesehen davon, dass ein Doktorand der medizinischen oder chemischen Fakultät wahrscheinlich noch nicht einmal einen Termin beim Dekan bekommt. Er müsste sich an unabhängige Ombudsleute wenden können, die in der Lage wären, auch den Dekan einer Fakultät anzugehen. Die gibt es mittlerweile vielerorts, aber längst nicht überall.

Kosmos: Was außer Erfolgsdruck treibt betrügerische Forscher an und lässt sie das große Risiko eingehen, früher oder später entdeckt zu werden?
Winnacker: Geltungssucht, Eitelkeit? Die Leute werden gefeiert, stehen im Licht der Medien. Es gibt Kollegen, die auf so etwas eingehen und es toll finden, plötzlich einen großen Dienstwagen zu haben oder ihr Dienstzimmer von 20 auf 60 Quadratmeter zu vergrößern. Aber Leute, die glauben, dass sie so wichtig sind, wie sie erscheinen wollen, gibt es ja überall. Nicht nur in der Wissenschaft.

Kosmos: Wie erklären Sie sich, dass überführte Betrüger Fehler einräumen, aber Fälschungen leugnen? Glauben sie am Ende an ihre eigene Manipulation?
Winnacker: Natürlich muss man an seine Hypothesen glauben. Genauso muss man aber in der Lage sein, eine neue Hypothese aufzustellen, wenn die bisherige durch das Experiment widerlegt ist. So, wie es sich gehört. Es gibt aber Leute, die so sehr an ihre Experimente und Theorien glauben, dass sie Abweichungen ausblenden, ein widersprüchliches Ergebnis unter den Teppich kehren oder sagen: Kann alles gar nicht sein, der Doktorand muss das Experiment verpfuscht haben.

Kosmos: Wissenschaftlicher Betrug fällt oft erst nach Jahren auf. In der Zwischenzeit werden die Betrüger mit Ehrungen und Fördergeldern überhäuft. Wieso fällt den Forschungsförderern, die die Anträge der vermeintlichen Stars begutachten, nichts auf?
Winnacker: Weil wir an die Unschuldsvermutung glauben. Es gibt ja zunächst einmal überhaupt keinen Grund, jemanden zu verdächtigen. 99 Prozent der Wissenschaftler sind seriös. Manchmal braucht es einen glücklichen Zufall, damit einem etwas auffällt. Wie einem unserer Gutachter, der in einem Antrag einen Text fand, der ihm bekannt vorkam. Er schaute nach und stellte fest, dass es sich um seinen eigenen Text handelte, den er selbst einmal in einem Antrag geschrieben hatte.

Kosmos: Auf solche Zufälle allein wollen Sie sich aber doch wohl nicht verlassen?
Winnacker: Wir hoffen, dass die Qualität unserer Gutachter so gut ist, dass sie herausfinden, wenn eine Sache nicht neu ist oder wenn sie unglaubhaft ist. Wir müssen auf die Selbstreinigungskraft der Wissenschaft vertrauen. Wenn es wirklich wichtig ist, wird ein Experiment wiederholt, wie im erwähnten Beispiel aus Japan. Aber bei großen Fallstudien ist das gar nicht so einfach.

Kosmos: Beispielsweise?
Winnacker: Nehmen Sie medizinische oder soziologische Studien. Die müssen Sie sehr sorgfältig doppelt blind organisieren, ausreichend große, repräsentative Gruppen haben, statistisch sauber vorgehen. So eine Studie zweimal zu machen, nur um etwas zu kontrollieren, ist teuer. Und manchmal unmöglich. Eine Studie mit 2 000 individuellen Patienten können Sie nicht identisch wiederholen.

Kosmos: Lassen sich Gutachter von großen Namen blenden?
Winnacker: Das ist eine Gefahr. Wir raten unseren Gutachtern, die Impact-Faktoren oder den h-Index zu ignorieren und sich ausschließlich auf die wissenschaftliche Qualität zu konzentrieren. Da kann es dann mal sein, dass man einen Nobelpreisträger ablehnt. Denn auch in diesen Kreisen kommt es vor, dass man nichts Neues zu bieten hat. Ginge man nur nach der Bibliometrie und solch hochrangigen Preisen, wäre man in der Tat blind. Die San Francisco Declaration on Research Assessment von 2012 trägt dem Rechnung. Sie sollte von Forschungsorganisationen unterzeichnet und entsprechend gelebt werden.

Kosmos: Darin beschlossen über 80 international wichtige Institute und Wissenschaftsvereinigungen, bei Förderentscheidungen nicht auf die bibliometrischen Faktoren, sondern auf die Meriten der Forschung zu achten.
Winnacker: Nur – wie gelingt das? Und wie verhindere ich Voreingenommenheit im Angesicht großer Namen? Ich bewundere die Wiener Philharmoniker. Die hatten nie eine Frau engagiert, bis sie anfingen, das Vorspielen hinter einem Vorhang abzuhalten. Und plötzlich waren dann auch Musikerinnen im Orchester. Wie können wir so einen Vorhang auch in der Wissenschaft vorziehen?

Kosmos: Und?
Winnacker: Leider ist das bei uns nicht so leicht wie bei den Musikern. Wenn Sie die Publikation eines renommierten Kandidaten sehen, wissen Sie meist schon, wer diese geschrieben hat, selbst wenn der Name vorher geschwärzt wurde. Aber bei jungen Wissenschaftlern, die man noch nicht so gut kennt, geht das durchaus. Und am Ende sollte es immer ein individuelles Gespräch mit Kandidaten für große Fördergelder geben, wie bei den ERC Starting Grants. Dabei merken Sie meist, ob irgendetwas nicht stimmt.

Kosmos: Haben reuige Betrüger in der Wissenschaft eine zweite Chance verdient?
Winnacker: Natürlich wird es immer Menschen geben, die Spieler sind, die lassen es drauf ankommen. Dann ist ihre Karriere eben beendet, und sie gründen eine Firma, leben vom Geld ihrer Eltern oder ihres Ehepartners. Eine Rückkehr ins wissenschaftliche System, bei dem es ja auf Vertrauen ankommt, wird jedenfalls kaum noch möglich sein. Das muss jeder wissen, der betrügt.

aus Humboldt Kosmos 104/2015
Ernst-Ludwig Winnacker
Ernst-Ludwig Winnacker  
Foto: privat

Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker war Mitbegründer und erster Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates (2007 bis 2009) sowie zuvor Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Als Biochemiker und Molekularbiologe forschte er an Universitäten in Deutschland, Schweden, der Schweiz und den USA und war mehrfach Gastgeber von Humboldtianern. Seit 2009 ist er Generalsekretär des internationalen Human Frontier Science Program in Straßburg, Frankreich.