Schwerpunkt

Aussicht mit Hindernissen

Von Leonie Achtnich - Illustrationen: Julia Krusch

Junge Wissenschaftler sind so mobil und gut ausgebildet wie noch nie. Wohl keine Generation zuvor hatte solche Chancen – und stand dabei unter einem ähnlichen Druck. Eine internationale Bestandsaufnahme. 

„Früher war es vielleicht etwas verschlafener in der Wissenschaftslandschaft“, sagt Dierk Raabe. Früher, das war vor 25 Jahren, als der Metallphysiker seine Karriere als Wissenschaftler begann. Heute ist er Direktor des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung in Düsseldorf. Das Institut ist ein Wissenschaftsmikrokosmos, in dem sich abzeichnet, wie sich das Berufsbild des Wissenschaftlers verändert hat: Forscher kommen heute aus aller Welt und gehen in alle Welt, und die Hälfte der Doktoranden sind mittlerweile Frauen. Internationalisierung, Globalisierung, Flexibilität – alles Begriffe, die die neue Wissenschaftslandschaft beschreiben.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil „alles sehr erreichbar und online ist, man überall hin und alles werden kann“, wie es die malaysische Mathematikerin Anitha Thillaisundaram ausdrückt. Ein Fluch, weil die Konkurrenz härter wird, der Leistungsdruck ebenso steigt wie die Erwartungshaltung an die jungen Wissenschaftler: „Auf einen europäischen Wissenschaftler kommen heute 20 asiatische, die ebenso gut sind“, sagt Raabe, der als Mitglied eines Auswahlausschusses der Humboldt-Stiftung schon viele Karrieren internationaler Nachwuchsforscher begutachtet hat. Auch der Neurowissenschaftler Jan Siemens, 42 und mittlerweile Professor, merkt den Lebensläufen der jüngeren Generation an, dass der Druck zugenommen hat: „Es wird mehr Flexibilität erwartet“, sagt er. Zwischen Dierk Raabe und Anitha Thillaisundaram liegen 20 Forscherjahre. Jan Siemens steht in seiner Laufbahn genau zwischen ihnen. Drei Wissenschaftler, drei Disziplinen und drei Karrierestufen: Wie hat sich ihr Berufsbild verändert?

Von Malaysia nach Magdeburg ist es nur ein Katzensprung

Anitha Thillaisundaram forscht gerade mit einem Humboldt-Forschungsstipendium am Lehrstuhl für Algebra und Zahlentheorie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Lebenslauf der 30-Jährigen zeugt von dem, was man mobil nennt: Geboren in Malaysia, studiert und promoviert in Cambridge, England, Forschungsaufenthalte in Indien und Magdeburg in Deutschland. Düsseldorf wird nicht ihre letzte Station sein. „Wer etwas werden will in der Wissenschaft, der muss bereit sein zu reisen, um an gute Orten zu kommen“, sagt sie, „das ist nicht nur schön, sondern so will es auch das System.“ Dorthin zu gehen, wo einen die Forschung interessiert – das ist heute selbstverständlicher geworden als noch für Generationen zuvor.

Das zeigt auch die im Jahr 2014 veröffentlichte Studie „The Global State of Young Scientists“ der Global Young Academy in Berlin (siehe rechte Spalte). Demnach ist für junge Wissenschaftler heute vieles leichter als für die Generationen vor ihnen: Sie sind besser ausgebildet und mobiler als ihre Vorgänger. Im Gegenzug wird von ihnen aber auch mehr verlangt: Mobilität bedeutet nicht nur, gehen zu können, wohin man will, sondern manchmal auch zu gehen, weil man muss. Die Unsicherheit der Berufsperspektive kann hierbei zu einer existenziellen Frage werden. Tatsächlich war das Problem der „mangelnden Planbarkeit“ etwas, was sich „bei allen Befragten weltweit, wenn auch aus verschiedenen Gründen“ gezeigt hat, wie Irene Friesenhahn, eine der beiden Verfasserinnen der Studie, betont. Insbesondere in Deutschland wirkt sich das negativ auf die Zufriedenheit und Kreativität aus: 83 Prozent der Befragten bezeichneten die Unsicherheit als Hindernis. Denn das deutsche System ist speziell: Laut dem „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013“ haben in Deutschland fast 90 Prozent des wissenschaftlichen Personals befristete Arbeitsverträge – in den USA sind es nur 14 Prozent. Die deutsche Regierung will die Perspektiven für den deutschen Forschernachwuchs verbessern. Gerade wird das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformiert, das in Deutschland die Befristung von Arbeitsverträgen in der Wissenschaft regelt.

Doch nicht nur mangelnde und unsichere Aufstiegschancen sind vielerorts ein Problem, wie die Studie der Global Young Academy zeigt. So würden viele der Aufgaben nicht honoriert, denen Postdocs im akademischen Mittelbau neben der Forschung nachgehen, etwa Lehre und Organisatorisches. Für den Aufstieg zählten vor allem die Publikationen. Die Zeit ist knapp, der Druck ist groß, wie auch Dierk Raabe beobachtet: „Ich sehe ja oft, wie die jungen Leute rotieren. Auf Konferenzen präsent sein, Anträge durchbekommen, lehren, Studenten betreuen, sich vielleicht habilitieren, publizieren – und dann immer mit der Frage im Hinterkopf, ob das reicht.“ Alle hätten gerne mehr Zeit, das legt die Befragung der Global Young Academy nahe. Aber nicht, um weniger zu arbeiten als die durchschnittlich erhobenen 54,7 Stunden pro Woche. Man will sich besser kümmern können um das eigene Fortkommen, aber auch um die Studenten. „Zu wenig Zeit ist aber wahrscheinlich ein Problem aller Menschen“, sagt Thillaisundaram, „nicht nur von uns Wissenschaftlern.“

Auch das Privatleben mit Partnersuche und womöglich einer Familiengründung wird angesichts all dessen für Nachwuchsforscher zur besonderen Herausforderung. Natürlich gilt dies nicht nur für die Wissenschaft, aber hier ist die Berechenbarkeit der Karriere im dritten Lebensjahrzehnt besonders schwierig. Mit Kindern werden die berufliche Unsicherheit und der Zeitdruck verschärft. „Früher war es einfach“, sagt Thillaisundaram, „da blieb oft die Frau zu Hause. Heute sind vielleicht beide Partner sehr gute, ambitionierte Forscher oder Berufstätige, die eine Karriere verfolgen und dafür flexibel sein müssen.“ Das verändert nicht nur das Wissenschaftlerdasein, sondern auch die Partnerstrukturen.

Work-Life-Balance statt Labor

Die Rollenbilder definieren sich um“, sagt Raabe, „auch Männer fragen heute häufiger nach der Vereinbarkeit von Forschung und Familie.“ Leider fällt die Lösung oft zuungunsten der Frauen aus. „Wir verlieren viele sehr gute Frauen nach dem PhD. Oft ziehen sie eine Karriere in der Industrie vor, die scheinbar eine größere Planbarkeit ermöglicht“, so Raabe. Doch das Problem ist auf dem Papier leichter zu lösen als in der Realität. Wer Anitha Thillaisundaram fragt, versteht warum: „Wissenschaft ist für mich ein bisschen wie Snowboard lernen“, sagt sie. „Anfangs braucht es meine volle Aufmerksamkeit. Später, wenn ich besser bin, kann ich Sachen nebenher machen. Aber als Frau kann man mit dem Kinderkriegen nicht so lange warten.“

Neuerungen wie flexiblere Arbeitsmodelle und mehr Work-Life- Balance kratzen am klassischen Forscherbild. Die Vorstellung von einem Wissenschaftler, der nur die Forschung und sonst nichts sieht, hält Raabe für weltfremd: „Zum Glück lässt sich Kreativität nicht nach der Zeit bemessen, die man reinsteckt“, sagt er. Auch Jan Siemens meint unter seinen Leuten weniger Bereitschaft zu erkennen, lange Tage im Labor zu verbringen. „Ich versuche, das nicht zu werten“, sagt er dazu, „nicht alles, was um drei Uhr nachts nach 24 Laborstunden erforscht wird, ist zwingend brillant.“ Vor rund sechs Jahren ist Siemens mit einem Sofja Kovalevskaja-Preis der Humboldt-Stiftung aus den USA nach Deutschland zurückgekommen, zunächst nach Berlin. Mittlerweile forscht er in Heidelberg und ist insbesondere mit den Finanzierungmöglichkeiten in Deutschland sehr zufrieden: „Das ist ein echter Standortvorteil.“ Kritisch sieht er allerdings die Nachwuchsförderung hierzulande: „Die Systeme sind hier oft sehr starr und hierarchisch – große Lehrstühle und große Arbeitsgruppen auf Lebenszeit. Für den Nachwuchs ist dann häufig kein Platz“, meint Siemens. Wer am Lehrstuhl „einem hierarchisch strukturierten Königreich“ untergeordnet sei, für den ist Freiheit der Forschung oftmals nur bedingt gegeben. Er ist inhaltlich und finanziell abhängig, so Siemens. Was sich der Neurowissenschaftler wünschen würde, wären kleinere und flexiblere Arbeitsgruppen statt großer und starrer Lehrstühle sowie eine Art Grundeinkommen für Wissenschaftler, mit dem sie arbeiten können: „Dann haben Nachwuchsforscher mit guten Themen auch eine Chance und können sich schneller hocharbeiten. Das würde auch Neustarts erlauben, wenn etwas nicht so gut läuft“, meint Siemens.

Unter dem Druck der heißen Themen

Doch was sind gute Themen, auf die junge Forscher setzen sollten? Sind sie frei in ihrer Wahl? Die Studie der Global Young Academy dokumentiert, dass von der Forschung zunehmend erwartet wird, für die Gesellschaft besonders relevant zu sein. Das widerspricht dem Ideal des freien und unabhängigen Forschers, der, wenn nötig, „auch den Mut besitzen muss, zwei Jahre Arbeit in den Papierkorb zu werfen“, wie es Raabe formuliert. Auch er beobachtet eine stärkere Erwartung an die Themen als früher: „Oftmals empfinde ich, dass der öffentliche Druck auf Wissenschaftler, wie er von Förderorganisationen oder sogar der Regierung ausgeübt wird, die Nachhaltigkeit der Forschung beeinträchtigt. Da gibt es dann einen Hype, auf den alle aufspringen, siehe das Stichwort Klimaerwärmung. Aber das allein macht noch keine gute Forschung.“ Keine Einseitigkeit, das wünscht sich der Ältere von den Jüngeren. Weder, was die Themen, noch, was die Lebensplanung und das Verständnis des Lebensglücks angeht: „Ich wünsche mir neben allem Fachlichen auch Leichtigkeit“, sagt Raabe. „Das Arbeiten soll Spaß machen, und man sollte auch schauen, dass man sich nicht auf etwas versteift, wie zum Beispiel auf diese eine Karriere in der Wissenschaft, an diesem einen Ort.“

Vorbilder gesucht

Anitha Thillaisundaram wünscht sich von den Älteren wiederum vor allem deren Erfahrung: „Hierarchien sind ja auch Orientierungen, die mir zeigen, wo die Menschen mit mehr Erfahrung sind“, sagt sie. Auch Jan Siemens weiß dies zu schätzen: „Ich habe starke Vorbilder in der Generation vor mir. Die frage ich zwar nicht immer um Rat, aber ich frage mich oft, wie sie wohl in dieser oder jener Situation reagiert hätten.“ Mentoren, das zeigt auch die Befragung der Global Young Academy, sind für die Arbeit nicht nur wichtig – wenn sie fehlen, ist das ein echtes Hindernis auf dem Weg zum Erfolg. Als wichtige Mentoren gelten unter den Befragten nicht nur ihre Betreuer, sondern auch ältere Kollegen, Familie oder Freunde. Hauptsache, so legt es die Studie nahe, sie glauben an einen.

Trotz aller Herausforderungen, nicht nur für den wissenschaftlichen Nachwuchs: Immerhin 66 Prozent der Forscher weltweit, die vor drei Jahren für eine Studie der Zeitschrift Nature befragt wurden, sind zufrieden mit ihrem Beruf – wenn auch nicht immer mit den Bedingungen. Vielleicht liegt es an einer gemeinsamen Motivation, die Alt und Jung genauso teilen wie Vertreter unterschiedlicher Disziplinen. „Neues lernen“ heißt das bei Anitha Thillaisurandam. Einen „detektivischen Spürsinn, ein Hinterfragen und Suchen, das mit den Jahren nur immer wächst“, nennt es Dierk Raabe. Und für Jan Siemens ist es die Neugierde und Freude daran, „immer wieder zu verstehen, warum etwas genau so funktioniert und nicht anders.“

aus Humboldt Kosmos 105/2016

Leonie Achtnich ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Als Nachwuchsforscherin am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin ist sie selbst vom Thema betroffen.

Über die Studie „The Global State of Young Scientists”

Die Grundlagen für die Grafiken in diesem Artikel stammen aus der Studie „The Global State of Young Scientists“ der Global Young Academy von 2014. Hierfür wurden rund 700 junge Wissenschaftler zwischen 30 und 40 Jahren befragt, die in den letzten 10 Jahren den Doktortitel erworben haben. Die Teilnehmer stammen aus Ägypten, Brasilien, Deutschland, Kanada, Japan, Nigeria, Pakistan, Sri Lanka, Südafrika, Thailand, Tunesien und den USA. Die Global Young Academy wurde 2010 in Berlin gegründet und soll Nachwuchsforschern aus aller Welt ein Forum bieten. Ihr gehören rund 200 Mitglieder aus 58 Ländern an.

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