Schwerpunkt

Mein Humboldt-Netz

Von Lilo Berg - Illustrationen: Julia Krusch

27.000 Humboldtianer gehören weltweit zum Humboldt-Netzwerk. Es verbindet Wissenschaftler über Generationen hinweg. Mancher lernte die Stiftung schon als Kind über seine Eltern kennen – lange bevor globale Mobilität und digitale Vernetzung selbstverständlich wurden. Was bedeutet das Netzwerk für junge Wissenschaftler von heute?

Alexandru Babes, Rumänien

Alexandru Babes
Alexandru Babes

Als Neurowissenschaftler erhalte ich in Rumänien praktisch keine Unterstützung. Forschung gilt als verzichtbarer Luxus. In diesem Klima ist das Humboldt-Netzwerk mein Rettungsanker. Kennengelernt habe ich das Netzwerk schon früh. Mein Vater, ein Archäologe, war als Forschungsstipendiat von den 1970er-Jahren an mehrfach in Deutschland und baute den Humboldt-Club in Bukarest auf. Vor knapp zehn Jahren erhielt auch ich ein Forschungsstipendium, mit dem meine enge und bis heute andauernde Kooperation mit der Universität Erlangen-Nürnberg begann. Ich komme regelmäßig nach Deutschland, um mich mit Kollegen auszutauschen, zuletzt beim Bonner Humboldt-Preisträger-Forum im Oktober 2015. Es ist die lebenslange Verbundenheit, die das Netzwerk weltweit einzigartig macht. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wären es Förderinstrumente, um die wissenschaftliche Kluft zwischen Ost- und Westeuropa zu überbrücken.

  • Professor Dr. Alexandru Babes (44) ist Neurowissenschaftler an der Universität Bukarest, Rumänien. Sein Spezialgebiet ist die Schmerzforschung.

Yenny Hernández Pico, Kolumbien

Yenny Hernández Pico
Yenny Hernández Pico

Ich bin in einigen Online-Netzwerken für Wissenschaftler aktiv, vor allem bei ResearchGate. Beim Netzwerk der Stiftung, Humboldt-Life, bin ich angemeldet, aber das hatte ich glatt wieder vergessen. Ich brauche die kontinuierliche Ansprache durch E-Mails, um mich zugehörig zu fühlen. In der realen Welt ist die Verbundenheit mit der Humboldt-Stiftung stärker. Meine Netzwerk-Geschichte beginnt mit einer irischen Freundin, die selbst Stipendiatin war und auch mir diesen Weg empfahl. So konnte ich drei Jahre am Mainzer Max-Planck-Institut für Polymerforschung verbringen. Für meine Laufbahn war das ein Riesenschub. Hier in Kolumbien sind wir nur wenige Humboldtianer. Ich versuche, dabei zu sein, wenn Vertreter der Stiftung in der deutschen Botschaft sprechen. Für das Netzwerk wäre es sicher gut, binationale Forschungskooperationen stärker zu fördern. Und mehr deutsche Forscher nach Kolumbien zu bringen.

  • Dr. Yenny Hernández Pico (36) ist Physikerin an der Universidad de los Andes in Bogotá, Kolumbien.

Julia Stähler, Deutschland

Julia Stähler
Julia Stähler

Netzwerke sind die Lebensadern der Wissenschaft – das war in früheren Jahrhunderten so und ist heute nicht anders. Für mich ist das Humboldt-Netzwerk im Lauf der Jahre immer wichtiger geworden. Mein Doktorvater – er ist selbst Humboldtianer – machte mich auf das Feodor Lynen-Forschungsstipendium aufmerksam. Es ermöglichte mir ein Postdoc-Jahr an der Universität Oxford – ein großer Schub für meine Forscherkarriere. Später konnte ich dank des Humboldt-Alumni-Programms drei Monate an der Columbia University in New York arbeiten. Immer wieder ebneten mir die positiven Referenzen etablierter Fachkollegen aus dem Netzwerk den Weg. Heute schreibe ich selbst Empfehlungen und kann junge Humboldtianer für meine Gruppe gewinnen. Anfangs hatte ich befürchtet, in einen elitären Club zu geraten. Doch dann habe ich im Netzwerk eigentlich nur freundliche, anregende Menschen kennengelernt. Schön wäre es, wenn an den Kolloquien, die die Humboldt-Stiftung im Ausland organisiert, mehr Nicht-Humboldtianer teilnehmen könnten.

  • Dr. Julia Stähler (37) ist Physikerin am Fritz-Haber-Institut in Berlin. Ihre Arbeitsgruppe erforscht zum Beispiel, wie sich Elektronen in Materialien verhalten.

Tulia Ackson, Tansania

Tulia Ackson
Tulia Ackson

Das Humboldt-Netzwerk kann bunt und fröhlich sein und nach Hochsommer duften. So wie die Gruppe, mit der ich im August 2015 im Bus quer durch Deutschland fuhr. Ich komme aus Tansania und mit mir waren Stipendiaten aus Großbritannien, Spanien, Israel, Indien, Thailand, Vietnam, China und den USA unterwegs. Wir haben uns großartig verstanden und ich habe alle nach Daressalam eingeladen. Ich hoffe, sie besuchen mich, weil wir uns sonst eine Weile nicht sehen werden. Als ich nämlich im September 2015 nach Tansania zurückkam, ernannte man mich zur stellvertretenden Generalstaatsanwältin. Im November wurde ich Abgeordnete des Parlaments – und bin jetzt stellvertretende Parlamentspräsidentin von Tansania. Dass ich diese Chance bekomme, hat auch mit dem Renommee des Georg Forster- Forschungsstipendiums zu tun. Damit konnte ich bereits in Bayreuth und München forschen – Fortsetzung folgt! Meine Wünsche? Mehr Juristen im Netzwerk und neben den vielen Wissenschaftlern aus Süd- und Westafrika mehr Köpfe aus Ostafrika.

  • Dr. Tulia Ackson (39) ist Rechtswissenschaftlerin und kommt von der Universität von Daressalam, Tansania.

Wassily Lukshin, Russland

Wassily Lukshin
Wassily Lukshin

Das Humboldt-Netzwerk hat uns aufgefangen, als mein Vater 1992 mit einem Hirntumor operiert wurde. Wir waren gerade von Moskau nach Kaiserslautern gezogen. Als Mathematiker hatte mein Vater ein Humboldt-Forschungsstipendium für seine Studien an der Universität dort erhalten. Ich war 15 und besuchte das Gymnasium. Wir freuten uns auf das Baby, das meine Mutter bald bekommen sollte. Plötzlich die Tumordiagnose! Sechs Wochen lebten wir im Krankenhaus: mein Vater und ich in einem Zimmer, meine Mutter und das neugeborene Brüderchen in einem anderen. Von den Universitätskollegen und der Humboldt-Stiftung wurden wir großzügig unterstützt – auch als der Tumor drei Jahre später wiederkam. Mein Vater war nicht allein und dieses Gefühl hat ihn beseelt, bis zu seinem Tod im Jahr 1998. Ich lebe sein Vermächtnis: als Neurochirurg von Beruf, als Mathematiker aus Neigung – und hoffentlich bald auch als Humboldt-Stipendiat.

  • Dr. Wassily Lukshin (37) ist Neurochirurg am berühmten Burdenko-Institut für Neurochirurgie in Moskau, Russland.
aus Humboldt Kosmos 105/2016