Titelthema: Forschung und Glauben

Forschung und Glaube sind keine Gegensätze

Von Friedrich Wilhelm Graf

Im Konflikt zwischen Kreationisten und Darwinisten prallen Fromme und Forscher aufeinander. Doch Wissenschaft und Religion taugen nicht für eine Neuauflage des Kampfes der Kulturen. Im Gegenteil, sie brauchen einander.

Die Wissenschaftsgeschichten der Moderne sind von zahllosen harten weltanschaulichen Konflikten bestimmt worden. So gut wie keine große Revolution der wissenschaftlichen Denkungsart blieb ohne empörte Reaktionen erregter Gläubiger oder klerikaler Autoritäten. Wer traditionelle Gewissheiten in Frage stellt, erzeugt nun einmal Verunsicherung und löst Erschütterungen aus. Als ein inzwischen klassisches, aber bleibend aktuelles Beispiel für wissenschaftsinduzierte Kulturkämpfe können die heftigen weltanschaulichen Auseinandersetzungen um die darwinsche Evolutionslehre gelten. Charles Darwins „On the Origin of Species“ (deutsch: „Die Entstehung der Arten“) war von den meisten Universitätstheologen und Kirchenleuten zunächst interessiert und zustimmend aufgenommen worden. Als dann einzelne Darwin-Anhänger anfingen, die Evolutionslehre zu einem wissenschaftsreligiösen Glauben an ein universales Erklärungsprinzip für Welt und Mensch insgesamt zu erheben, begannen einige traditionsbewusste Fromme, Kritik zu formulieren.

„Was in der einen Gesellschaft verboten wird, ist in anderen erlaubt. Das hat sehr viel mit religiösen Traditionen und den Machtchancen von Klerikereliten zu tun."

Die Anhängerschaft jener zunehmend mächtigen religionskulturellen Bewegung der diversen Kreationismen, die die Evolutionslehre radikal ablehnt, wächst – keineswegs nur bei amerikanischen „fundamentalistischen Protestanten“, sondern auch bei europäischen Evangelikalen sowie bei orthodoxen Juden und korantreuen Muslimen. Der Kreationismus ist keineswegs Regression ins Mittelalter, sondern ein höchst modernes Phänomen, und zwar die religiöse Reaktion auf Tendenzen der Verweltanschaulichung der Naturwissenschaften. Wo die moderne Wissenschaft ihr Konto überzieht und sich selbst als eine Art Ersatzreligion etabliert, erzeugt sie Gegenbewegungen.

Naturforscher als fromme Menschen

Weit verbreitete Bilder von einem unversöhnlichen Gegensatz zwischen autonomer wissenschaftlicher Vernunft hier und traditionsbestimmtem religiösem Glauben dort sind dennoch falsch. Die wissenschaftshistorische Forschung der letzten 30 Jahre hat gezeigt, dass viele große Naturforscher der Neuzeit, Sir Isaac Newton etwa, sehr fromme Menschen waren und ihre wissenschaftliche Neugier entscheidend durch ihren Gottesglauben stimuliert wurde. Gewiss, in den meisten experimentellen Wissenschaften wurde in harten Deutungskämpfen nach und nach eine Art methodischer Atheismus etabliert und „Gott“ – was auch immer damit gemeint war – als Erklärungsmuster verabschiedet. Gleichwohl blieben die Wissenschaftsgeschichten der Moderne in Fortschritt und Scheitern, gelingender Einsicht und ideologischer Verirrung sehr stark von umfassenden weltanschaulichen Gewissheiten und religiösen Überzeugungen bestimmt. Nicht nur „Glaube“ ist ein vielschichtiger, vieldeutiger Begriff. Auch „Vernunft “ ist polyvalent, und was streng rationale Gründe sind, bleibt im philosophischen und wissenschaftstheoretischen Diskurs umstritten.

Moderne Wissenschaftsgeschichte und moderne Religionsgeschichte lassen sich nicht klar trennen. Sie überlagern sich. Wissenschaftlich relevante Einsicht wird auch in religiösen Diskursen erzeugt. Die mühsam erkämpfte und rechtsstaatlich garantierte Freiheit von Forschung und Lehre schließt es ja nicht aus, dass Forschung und Erkenntnis durch kulturelle Faktoren mitbestimmt werden. Wir kennen keine Kultur, die nicht entscheidend auch durch religiöse Überlieferungen geprägt wäre. Fromme Gewissheiten sind zudem eine wichtige Quelle des Moralischen, und religiöse Akteure, etwa die Kirchen oder der Zentralrat der Juden, können aus guten freiheitsdienlichen Gründen in offenen, pluralistischen Gesellschaften vielfältige Chancen wahrnehmen, mögliche ethische Grenzen der Forschungsfreiheit festzulegen. Die vielfältigen Überlagerungen zwischen Religion und Wissenschaft bedürfen immer neuer Aufklärung. Zur Selbstaufklärung der Wissenschaft tragen die historischen Kulturwissenschaften bei, indem sie den elementaren Wandel der moralischen Überzeugungen, ethischen Diskurse und rechtlichen Institutionen erkunden: Was gestern noch als moralisch verwerflich galt, kann heute als um der Freiheit willen legitim und geboten erscheinen.

Für wissenschaftliche Erkenntnis ist dieser fundamentale Wandel von moralischen Normen vor allem deshalb relevant, weil die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit in gesellschaftlichen Diskursen immer neu markiert werden. Dabei spielen überlieferte, oft uralte religiöse Gewissheiten ebenso eine wichtige Rolle wie die Machtinteressen religiöser Organisationen und Autoritäten. Was in der einen europäischen Gesellschaft verboten wird, ist in anderen erlaubt und staatlich gewünscht. Das hat sehr viel mit religiösen Traditionen und den Machtchancen von Klerikereliten zu tun. Über die moralische Legitimität der Forschung an embryonalen Stammzellen denken jüdische Gelehrte ganz anders als etwa römisch-katholische Bischöfe und der Papst, weil sie schon seit Hunderten von Jahren den Beginn menschlichen Lebens in Deutungsmustern definieren, die die katholische Kirche ablehnt – obwohl sich Juden wie Katholiken auf denselben Schöpfungsbericht des Alten Testaments oder der Hebräischen Bibel stützen. Obendrein hat die römisch-katholische Kirche jene Sicht vom Beginn menschlichen Lebens, die sie jetzt als allgemeinverbindlich vertritt, erst vor 150 Jahren als einzig wahre christliche Grundhaltung entwickelt. Und viele protestantische Kirchen denken in diesen Fragen noch einmal ganz anders.

Die Wissenschaft hat um ihrer selbst willen ein starkes Interesse daran, solche religiösen Diskurse zu erkunden, weil diese über die Grenzen organisierter Religion hinaus die politischen Öffentlichkeiten moderner Gesellschaften durchdringen. Sie braucht viel analytische Religionswahrnehmung.

Immer mehr Disziplinen erforschen den Glauben

Religionsforschung wird seit dem späten 18. Jahrhundert von ganz unterschiedlichen Fächern betrieben. War Glaube einst nur das Erkenntnisobjekt von Theologen und Philosophen, so streiten seit 1770 immer neue Wissenschaften darum, die Sinnwelten der Frommen und die Glaubenssymbole und Riten der verschiedenen Religionsgemeinschaft en zu erkunden. Religionssoziologie, Religionspsychologie, Konfessionskunde, Allgemeine Religionswissenschaft , Ethnologie, Kulturanthropologie und neuerdings auch Religionsökonomie, Religionspolitologie sowie Religionsneurologie (im deutschen Diskurs wenig glücklich auch als Neurotheologie bezeichnet) kämpfen immer neu um die Deutungshoheit über das religiöse Bewusstsein, ein vielfältig schillerndes Erkenntnisobjekt, das sich schnellem analytischem Zugriff entzieht.

Wie bei der Deutung anderer kultureller Phänomene ist Religionsdeutung zudem mit dem Problem konfrontiert, dass es keinerlei neutralen Ort des Sehens und des Deutens gibt. Wer Religion deutet, ist immer schon durch die impliziten Axiome einer bestimmten Kultur geprägt und kann die Einzigartigkeit seiner individuellen Perspektive nicht überwinden.

Religionsforschung vollzieht sich deshalb in einem spannungsreichen und gerade darin produktiven Mit- und Gegeneinander von eher historisch-deskriptiv orientierten Disziplinen und normativen Fächern, die in den Binnenperspektiven einer bestimmten religiösen Überlieferung Religion deuten und rational auslegen. Genau darin liegt die Funktion der Theologie in der Universität. Theologie beschäftigt sich über bloße Deskription hinaus mit Geltungsfragen und den möglichen Wahrheitsansprüchen religiöser Überlieferungen.

Vernünftige Theologie gegen die Fanatisierung des Religiösen

Nun wird in den konfessionellen Theologien selbst schon seit gut 250 Jahren über den Ort des Faches in der Welt der Wissenschaften gestritten. Aber deutlich ist doch: Eine freie Gesellschaft, in der die große Mehrheit der Bürger Religionsgemeinschaften angehört, hat ein elementares Interesse daran, dass an ihren Universitäten akademische Theologie gelehrt wird. Denn diese Religionsgemeinschaften, im deutschen Fall vor allem die beiden großen Volkskirchen, bedürfen eines gebildeten Klerus und gebildeter Religionspädagogen, damit ihre religiöse Kommunikation in einer modernen Wissensgesellschaft gelingt.

Entschiedener als andere Religionen haben die verschiedenen europäischen Christentümer seit dem frühen Mittelalter akademische, vernünft ige Theologie ausgebildet, im Interesse, eine Fanatisierung des Religiösen zu verhindern und gebildete Religion zu befördern. Dies ist auch heute noch die entscheidende Aufgabe der Theologen im Rahmen des Wissenschaftssystems: die permanenten Spannungen zwischen kritischer Rationalität und religiösem Sinnglauben präsent zu halten und zugleich dazu beizutragen, dass sich die Wissenschaft nicht selbst als Religion oder Weltanschauung missversteht.

Kommentare

  • 14.11.2009 Karl Heinz Kienitz

    Es ist wohl korrekter zu sagen, dass die wissenschaftshistorische Forschung WIEDER entdeckt hat, dass viele große Naturforscher (nicht nur der Neuzeit) "sehr fromme Menschen waren und ihre wissenschaftliche Neugier entscheidend durch ihren Gottesglauben stimuliert wurde". Leider wird der Glaube berühmter Wissenschaftler (Kepler, Boyle, Ampere, Volta, Pascal, Newton, Leibniz, Faraday, Henry, Dalton, Joule, Stokes, Pasteur, Mendel, Kelvin, Maxwell, Planck, usw.) in den Schulen und Universitäten verschwiegen und allzu oft als scheinbar peinliches Thema unterdrückt. (Warum?) Um dem entgegenzuwirken unterhalte ich für den portugiesischsprachigen Raum seid ca. 2 Jahren eine Internetseite zu dem Thema Glaube und Wissenschaft mit vielen interessanten Informationen und Links: http://kienitz.webs.com

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Friedrich Wilhelm Graf Friedrich Wilhelm Graf

Professor Dr. Friedrich Wilhelm Graf lehrt Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Mitglied des Auswahlausschusses der Humboldt-Stiftung.

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