Titelthema: Forschung und Glauben

Vom Irrglauben der Sachlichkeit

Von Maurizio Pirro

Weshalb in der Literaturwissenschaft Überzeugung alles ist.

Wer in der Literaturwissenschaft nach Objektivität sucht, gelangt schnell an eine Grenze. Gilt es doch, einen Gegenstand zu definieren, den man im Grunde nur subjektiv erfassen kann. Nichts kann meine Berechtigung in Frage stellen, in Goethes „Wahlverwandtschaften“ etwa oder in Schillers „Wallenstein“ ein Sammelsurium von Absurditäten zu sehen, auch wenn Scharen von Lehrern und Kritikern mit souveräner Kennermiene zu versichern nie müde werden, dass abgründige Wesensfragen der Moderne darin erkannt und auf eine Weise behandelt werden, die auch nach 200 Jahren an Interesse und Aktualität nichts eingebüßt haben.

Es geht nicht darum, mit autoritativem Gestus und in gehobener Diktion das Schöne von dem Banalen zu scheiden, sondern darum, die Unterschiede herauszuarbeiten, die aus einem sachlichen einen ästhetisch relevanten Text machen. Von der ästhetischen Differenz ist hier die Rede, von der Grunderfahrung, an der sich die Interpretation von Kunst orientiert – der Erfahrung des Stils.

Wie soll es nun um eine Wissenschaft bestellt sein, deren Fundament so wenig auf Diskursivität und so sehr auf Intuition beruht? Denn Stil kann man unmöglich normieren und objektivieren, er kommt erst in der Praxis seiner Ausübung zum Ausdruck. Soll das heißen, dass literarische Interpretation eigentlich eine profane Metaphysik betreibt? Nein, ganz und gar nicht. Gerade das Absehen von sachlich beweisbaren Paradigmen macht den eigenen Charakter und die Festigkeit der hermeneutischen Arbeit an Kunstwerken aus. Denn Stil ist das eigentlich Universelle an ästhetischen Aussagen, weil er beim Leser keine Kenntnis inhaltsbezogener Aspekte politischer, sozialer oder kulturgeschichtlicher Art voraussetzt, um profunde Erkenntnis zu erzeugen. In der Leerstelle, um die Textauslegung kreist, ruht der Grund für die Diskursivkraft von Kunstwerken, wenn man so will: für ihren dauernden Erfolg. Dass Stil subjektiv und nicht reproduzierbar ist, lässt den Leser anderen Subjekten näherrücken und macht aus der Sinnstiftung eine bindende, solidarische Tätigkeit. Die Anerkennung des Gemeinsamen erwächst im Zuge unermüdlicher Hermeneutik aus der Erkennung des Individuellen.

Überzeugen durch Suggestion

„Wie soll es um eine Wissenschaft bestellt sein, deren Fundament so wenig auf Diskursivität und so sehr auf Intuition beruht?"

Auch in der Lehre haben wir es in der Literaturwissenschaft viel mit subjektiven Überzeugungen zu tun. Natürlich kreist die Arbeit hier in erster Linie um argumentative Strukturen. Als Vermittler von Texten bin ich auf meine Fähigkeit angewiesen, solchen Strukturen Evidenz und Überzeugungskraft zu verleihen. Dies kann allerdings nicht ohne einen gewissen Grad an Suggestivität geschehen. Was der Züricher Theoretiker Johann Jakob Breitinger 1740 als die Hauptaufgabe eines Künstlers betrachtete, „durch wohlerfundene und lehrreiche Schildereyen die Phantasie des Lesers angenehm einzunehmen, und sich seines Gemüthes zu bemächtigen“, gilt grundsätzlich auch für professionelle Textauslegung. Unterrichtspraxis ist situationsbedingt und kaum planbar. Sie stützt sich auch auf Faszination und Charisma. Erfolgreicher Unterricht scheut wohl ebenso wenig Kasperei und leise Hochstapelei, wobei sich der passionierte Lehrer vom gemeinen Betrüger dadurch unterscheidet, dass er sich Glaubwürdigkeit verschaffen muss, ohne auf Aberglaube, Dummheit oder bloße Menschenschwäche setzen zu können.

Wir bewegen uns ganz offensichtlich auf dem unsicheren Boden des Unbeweisbaren und Glaubensmäßigen. Und darauf muss ich vertrauen, um mir überhaupt vorstellen zu können, Sinn und Zweck meiner Arbeit zu erfüllen: In jungen Studierenden den Wunsch nach Auseinandersetzung mit literarischen Texten und die Lust am selbstständigen Urteilen zu erwecken.

aus Humboldt Kosmos 93/2009

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Maurizio Pirro Maurizio Pirro

Dr. Maurizio Pirro lehrt Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bari, Italien. Er ist als Humboldt-Forschungsstipendiat seit September 2008 an der Universität Bielefeld.

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