Titelthema: Forschung und Glauben

Woran glauben Sie, ohne es beweisen zu können?

Diese Frage stellten wir vier Humboldtianern. Vier persönliche Antworten und Einsichten über die Rolle des Ungewissen, der Intuition und des Glaubens in der Forschung.

Die Macht der Erwartung

Pia Johansson
Dr. Pia Johansson, Neurobio-
login aus Schweden, forscht
als Humboldt-Forschungs-
stipendiatin am Institut für
Stammzellforschung des
Helmholtz Zentrums
München.
Foto: privat

Ich neige dazu, vorläufigen Ergebnissen zu misstrauen, selbst wenn sie ziemlich überzeugend erscheinen. Das ist besonders dann der Fall, wenn ich das Ergebnis in seiner Form nicht erwartet habe. Ich bin sicher nicht die Einzige, die dann gerne noch weitere methodologische Tests machen oder das Experiment noch ein paar Mal wiederholen möchte. Ich fühle mich wohl dabei, erst dann an Daten zu glauben, wenn ich wirklich davon überzeugt bin. Aber ich sehe auch, dass dieses Vorgehen eine Gefahr birgt: Bin ich bei vorhersehbareren Resultaten genauso skeptisch? Verdrehe ich dadurch die Ergebnisse? Oder kommt genau hier die Intuition ins Spiel? Vielleicht dient Intuition nur dazu, bereits gemachte Erfahrungen zusammenzutragen und daraus die wahrscheinlichsten Ergebnisse zu prognostizieren.

Was ist Wahrheit?

Michael Goodhart
Professor Dr. Michael
Goodhart, Politikwissen-
schaftler aus den USA,
ist als Humboldt-Forschungs-
stipendiat an der Hertie
School of Governance in
Berlin zu Gast.
Foto: privat

Wahrheit gilt als Maßstab von logischen und empirischen Behauptungen. Solche Behauptungen sind „wahr“, wenn sie allgemein akzeptierte objektive Gültigkeitskriterien erfüllen, wie beispielsweise innere Kohärenz (Logik) oder wissenschaftliche Methodik (Empirie).

Religiöse Behauptungen werden von Gläubigen ebenfalls für „wahr“ gehalten. Das ist aber ein Irrtum, denn die aufgestellten Gültigkeitskriterien (wie zum Beispiel „vom Propheten gesagt“, „in der Heiligen Schrift geschrieben“) werden außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen nicht geteilt und sind dort auch nicht anwendbar. Moralische Behauptungen sind weder wahr noch unwahr, sie sind vielmehr „richtig“ oder „falsch“. Ich glaube beispielsweise, dass es „falsch“ ist, unnötiges Leid zu verursachen, aber das kann nicht „bewiesen“ werden, weil es hier überhaupt keinen Wahrheitsanspruch gibt (im Gegensatz zur empirischen Behauptung, dass X unnötiges Leid verursacht oder zur religiösen Behauptung, dass wir kein unnötiges Leid verursachen sollen, weil Buddha es sagt). Das Fehlen eines möglichen „Beweises“ beeinträchtigt meinen Glauben in keiner Weise, wie schon in der Ausgangsfrage impliziert: „Woran glauben Sie, ohne es beweisen können?“ Moralische Behauptungen können nicht bewiesen, sie können höchstens diskutiert werden.

Vertrauen wir der Intuition

Georgi Dvali
Professor Dr. Georgi Dvali,
Teilchenphysiker und Kosmo-
loge aus Georgien, wird als
Alexander von Humboldt-
Professor ab November
2009 an der Ludwig-Maxi-
milians-Universität und
dem Max-Planck-Institut
für Physik in München
forschen.
Foto: Humboldt-Stiftung /
Wolfgang Reiher

Glauben und Intuition gehen oft Hand in Hand. Intuition spielt eine Schlüsselrolle bei unserer Suche nach der Wahrheit. Durch sie kommen wir oft auf Lösungen, die wir nur mit großer Mühe (oder niemals) hätten errechnen können. Intuition hilft auch, falsche Beweislinien zu vermeiden, das spart unglaublich viel Forschungszeit, die man ansonsten für end- und ergebnislose Analysen vergeudet hätte. So ist Intuition gewissermaßen unser Kompass in den unbekannten Weiten der Wissenschaft.

Alles hat seinen Grund

Karl Galinsky
Professor Dr. Karl Galinsky,
klassischer Philologe aus
den USA, kooperiert  als
Max-Planck-Forschungs-
preisträger 2009 mit
Fachkollegen der Ruhr-
Universität Bochum.
Foto: Humboldt-Stiftung /
Axel Griesch

Kulturhistoriker wie ich können nicht im Labor beweisen, „wie es war“. Selbst wenn wir empirische Methoden anwenden, stoßen wir immer wieder auf den Zeugen-Effekt und Pontius Pilatus’ berühm te Frage: „Was ist Wahrheit?“ Das heißt natürlich nicht, dass wir uns dem totalen Relativismus ergeben müssen. Der Großteil meiner Arbeit spielt sich in dem dynamischen Kraftfeld zwischen Relativismus und absoluter Wahrheit ab, die meistens unmöglich zu beweisen ist. Es läuft alles auf das Sprichwort hinaus, dass der Weg das Ziel ist. Diese Wahrheit kann ich ausnahmsweise einmal beweisen! Auf einer eher spirituellen und theologischen Ebene glaube ich, dass alles seinen Grund hat. Als Bewohner eines winzigen Flecks im Universum sind wir jedoch weit davon entfernt, das beweisen zu können.

 

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Die Frage „Woran glauben Sie, ohne es beweisen zu können?“ stellte das Online-Portal Edge.org im Jahr 2005 als Frage des Jahres in seinem World Question Center. Die Antworten von über 120 Wissenschaftlern finden Sie hier:

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