Titelthema: Karriere mit Hindernissen – Frauen in der Wissenschaft

Zwischen Labor und Lätzchen

„Wir verzichten auf jede Menge Grips“, sagt eine der Forscherinnen, mit der wir für diese Ausgabe über die mangelnden Chancen für Frauen in der Wissenschaft gesprochen haben. Sie denkt hierbei an Deutschland, doch das Problem gilt weltweit. Von den USA über Europa bis nach Asien, in Südamerika genauso wie in Afrika: Überall sind Forscherinnen in führenden Positionen unterrepräsentiert und müssen mit ähnlichen Problemen kämpfen. Auf den folgenden Seiten geben wir in Auszügen wieder, was Humboldtianerinnen aus den unterschiedlichsten Ländern, Fächern und Karrierestufen über ihre Erfahrungen berichten. Das Ergebnis ist ein sehr persönliches, individuell geprägtes, nach strengen statistischen Kriterien sicherlich nicht repräsentatives, aber doch aufschlussreiches Bild.

So beweist sich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eines der zentralen Themen ist. Frauen, die einen guten Mentor hatten, von Verwandten oder einem gleich gesinnten Partner unterstützt werden, haben es eindeutig leichter. Vor allem dann, wenn sie sich neben dem Beruf um eine Familie mit Kindern kümmern, sich also bildlich zwischen Labor und Lätzchen aufteilen müssen – wie viele der Frauen in diesem Heft, die oft zwei oder sogar mehr Kinder haben. So oder so sind viele Humboldtianerinnen zu Opfern bereit, sei es auf der beruflichen oder auf der privaten Seite.

Eine spezielle Förderung von Frauen finden die Befragten nur unter bestimmten Bedingungen sinnvoll. Denn alle Befragten betonten, dass Quoten und Sonderprogramme auch einen Beigeschmack haben, weil sie eine mindere Qualifikation von Frauen unterstellen könnten. Die meisten bekennen sich deshalb zu einem Leistungsprinzip ohne Wenn und Aber.

Bei allem Verbindenden wirken sich Faktoren wie die geografische oder soziale Herkunft und wissenschaftliche Disziplin ebenfalls aus. In einigen Ländern greifen bereits Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit, in anderen besteht größerer Nachholbedarf. Es zeigt sich, dass, wer Wissenschaftlerinnen unterstützen will, gut nachdenken muss, welche Maßnahmen tatsächlich wirken und nicht als Bumerang auf die Frauen zurückschlagen können.

Alle Frauen betonen, dass sie besonders stark und ausdauernd sowie bereit sind, mehr als ihre männlichen Kollegen zu arbeiten und zum Beweis ihrer Kompetenz teilweise auch arbeiten müssen. Und es wird deutlich, dass sie offensichtlich sehr viel Mut und Selbstbewusstsein haben sowie einigen Humor. Auch auf dieses Potenzial – neben dem bereits erwähnten Grips – sollte die Männerwelt Wissenschaft nicht leichtfertig verzichten.

aus Humboldt Kosmos 94/2009