Karriere mit Hindernissen - Frauen in der Wissenschaft

Wir verzichten auf jede Menge Grips

Interview mit Katharina Kohse-Höinghaus

Nur etwa jede achte Spitzenstelle in der deutschen Forschung war 2007 mit einer Frau besetzt. Damit belegt Deutschland einen der hinteren Plätze im europaweiten Vergleich. Ein Gespräch mit der Chemikerin Katharina Kohse-Höinghaus über Ursachen und Gegenmittel.

Frauenanteil in Führungs- und Entscheidungspositionen in der Europäischen Forschung, 2007
2007 lag der Anteil von Wissen-
schaftlerinnen in akademischen
Führungs- und Entscheidungs-
positionen in der Europäischen
Union bei 19 Prozent.
Obwohl dies gegenüber
2002 einen leichten Anstieg von
4 Prozent bedeutet, gibt es in
einzelnen Ländern immer noch eine
deutliche Unausgewogenheit
zwischen den Geschlechtern. | Aus-
nahmen vom Referenzjahr:
HR: 2008; UK: 2007/2006; DK, FR,
CY, LU, AT, IL: 2006; EE, MT: 2004;
PT: 2003; IE: 2002-2003; EL: 2000.
Vorläufige Daten: ES. Für SI basieren
die Angaben auf Schätzungen,
für die EU-27 auf Schätzungen
der Generaldirektion Forschung.
Personalbestand: Die Angaben für
Irland enthalten keine
Institutes of Technology.

Grafik: intention

Kosmos: Frau Professor Kohse-Höinghaus, warum gibt es so wenig Frauen in den Top-Positionen der deutschen Wissenschaft?
Kohse-Höinghaus: Das liegt weniger an den Frauen als am System. Ein Bewusstseinswandel ist notwendig. So sollte zum Beispiel bei der Besetzung von hochrangigen Gremien wenigstens versucht werden, eine Beteiligung von Frauen zwischen 30 und 40 Prozent hinzubekommen. Was gar nicht einfach ist, wenn man beispielsweise an die Ingenieurwissenschaften denkt.

Kosmos: Also eine Quote?
Kohse-Höinghaus: Nein, keine Quote, die man notwendig erfüllen muss, damit der Ausschuss zusammentreten darf. Es ist vielmehr ein Ziel. Die EU-Definition für ein vernünftiges Geschlechterverhältnis ist 60 zu 40. In die Nähe davon müsste man kommen, oder es zumindest versuchen.

Kosmos: Wie findet man die passenden Frauen für die Topgremien oder -stellen, wenn die Auswahl an Kandidatinnen auf diesem Karriereniveau bereits begrenzt ist?
Kohse-Höinghaus: Es ist richtig, oft bekommt man zunächst eine Vorschlagsliste, auf der nur Männer stehen. In so einem Fall muss sich jeder fragen und umhören: Gäbe es nicht auch eine geeignete Frau? Meine Erfahrung zeigt, dass man dann durchaus geeignete Kandidatinnen findet. Das heißt: Man hat beim ersten Mal nicht genau genug hingeschaut.

Kosmos: Reicht genau hinschauen allein, um die Diskrepanz zu überwinden zwischen durchschnittlich rund 12 Prozent deutschen Professorinnen in Führungs- und Entscheidungspositionen und den 40 Prozent Idealanteil, der der EU vorschwebt? 
Kohse-Höinghaus: Bewusst hinschauen ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Vor allem in den Karrierephasen, um die es geht. Wir haben ja kein Nachwuchsproblem. Junge Mädchen für ein Studium zu begeistern, klappt offensichtlich gut. Und auch der Anteil der Promovendinnen ist ordentlich. Aber in die höheren Positionen kommen die Frauen kaum, und sie werden seltener ausgezeichnet. Deshalb brauchen wir Transparenz. In Berufungsverfahren ist das in den letzten Jahren bereits sehr viel besser geworden. Bei der Vergabe von Forschungspreisen ist Transparenz allerdings noch heute nicht überall vorauszusetzen.

Kosmos: Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf steigert ebenfalls die Chancengleichheit ...
Kohse-Höinghaus: … das zeigen die Beispiele aus anderen Ländern. Hier haben wir in Deutschland immer noch Nachholbedarf, auch wenn sich einiges tut. Es ist doch blödsinnig, wenn man auf so viel Grips verzichtet, weil man sich nur auf einen Teil der Bevölkerung stützt.

Frauenanteil in akademischen Gremien in Europa, 2007
Der Anteil von Frauen in akade-
mischen Gremien liegt in 20
europäischen Ländern unter
30 Prozent. Allerdings ist die
Situation in Schweden, Norwegen
und Finnland ausgeglichener. Hier
liegt der Frauenanteil über
40 Prozent. | Ausnahmen vom
Referenzjahr: IT: 2009; CZ, SK,
IL: 2008; IE: 2004; PT: 2003;
FR, PL: 2002. Keine Daten
verfügbar aus: BE (niederlän-
dischsprachige Gemeinschaft),
EL, ES, MT, AT, RO, TR. Für die
EU-27 basieren die Angaben auf
Schätzungen der Generaldirektion
Forschung. Es gibt keine
allgemeingültige Definition für
Gremien. Erhebliche Unterschiede
zwischen den Ländern gibt es
auch bei der absoluten Zahl an
Gremien.

Grafik: intention 

Kosmos: Wie haben Sie es persönlich geschafft, als Forscherin so weit zu kommen und Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen – die Umstände hierfür waren früher ja nicht besser als heute?
Kohse-Höinghaus: Mit viel Rückendeckung aus meinem persönlichen Umfeld. Und mit privatem Geld für die Kinderbetreuung.

Kosmos: Wie fördern Sie selbst junge Kolleginnen mit Familie?
Kohse-Höinghaus: Nicht nur Kolleginnen. Auch Väter möchten mittlerweile mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ich habe mehrere junge Eltern in meinem Team und finde es wichtig, ihnen Flexibilität zu bieten, etwa dass man mal von zu Hause aus arbeiten oder ein Kind im Notfall mitbringen kann. Mit Gleichgesinnten lässt sich da vieles pragmatisch regeln. Eine junge Kollegin sagte mir neulich: „Hier hätte ich kein Problem, schwanger zu werden.“ Das empfand ich als Kompliment.

Kosmos: Und was ist, wenn Sie es nicht nur mit Gleichgesinnten zu tun haben? Nicht überall sind junge Eltern die Mehrheit.
Kohse-Höinghaus: Natürlich mag es Kollegen geben, die dafür kein Verständnis haben, etwa weil sie aus eigener Erfahrung nur die Vollversorgung der Familie durch die Ehefrau kennen, die nicht außer Haus arbeitet. Diesen Kollegen gegenüber muss ich mich für die jungen Eltern einsetzen. Das gehört dazu, wenn jeder in seinem kleinen Bereich für Familienfreundlichkeit sorgen will.

Kosmos: Gibt es besondere Vorzüge von Frauen, die Sie beispielsweise bei der Besetzung von Teams gezielt einsetzen?
Kohse-Höinghaus: Sie meinen diese Stereotype wie weibliche Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenz? In Teams müssen alle Mitglieder bestimmte fachliche Kompetenzen abdecken. Jedes Individuum hat seine Vorzüge, das hängt nicht primär vom Geschlecht ab. Aber wenn es einen Vorteil junger Mütter gibt, die Karriere und Kindererziehung gleichzeitig bewältigen, dann ist es der, dass sie geübt darin sind, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Das ist heute eine ganz wichtige Schlüsselqualifikation. Für entsprechend aktive Väter gilt das natürlich auch.

 

Interview: Georg Scholl

aus Humboldt Kosmos 94/2009
Katharina Kohse-Höinghaus
Katharina Kohse-Höinghaus
Foto: Pressestelle Universität Bielefeld

Professor Dr. Katharina Kohse-Höinghaus lehrt Physikalische Chemie an der Universität Bielefeld. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Auswahlausschusses für Forschungsstipendien der Alexander von Humboldt-Stiftung und Mitglied im International Advisory Board der Stiftung.