Auf gepackten Koffern - Forschen im Zeitalter wissenschaftlicher Mobilität

Das große Abenteuer

Von Philip und Arachne van der Eijk

Über tiefgefrorene Möbelwagen, das Ringen mit fremden Sprachen und Behörden, wissenschaftliches Provinzdenken und das Glück des Weltbürgertums. Der Erfahrungsbericht eines mobilen Forscherpaars.

Alles auf einem Haufen: Umzug in die Berliner Wohnung
Alles auf einem Haufen: Umzug in
die Berliner Wohnung.

Foto: privat

Es gibt verschiedene Formen von wissenschaftlicher Mobilität und verschiedene Möglichkeiten, in der Wissenschaft international tätig zu sein. Manche Wissenschaftler verbringen ihr ganzes Leben zwar an einem Ort, machen aber von diesem Ausgangspunkt aus zahlreiche wissenschaftliche Reisen um die ganze Welt. Andere Wissenschaftler wechseln den Standort, von einem Land ins andere, aber für eine befristete Zeit und mit der ausdrücklichen Intention, einmal in die Heimat zurückzukehren. Und es gibt Wissenschaftler, die unbefristet in die Fremde gehen – und das nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal, und nicht nur, wenn sie jung sind und am Anfang ihrer Laufbahn stehen: Man zieht von der einen Fremde in die andere, man bricht seine Zelte ab und schlägt sie irgendwo anders wieder auf – ohne den Schutz einer aussendenden Organisation oder einer auf die Rückkehr wartenden und einen versorgenden Instanz. Und hier fängt das große Abenteuer wirklich an: mit all seinen Unsicherheiten, Überraschungen, aber auch mit all seiner reizenden Schönheit.

Im neuen Land sieht vieles ähnlich aus, aber alles ist subtil anders: Es gibt kulturelle Unterschiede, die man nicht immer auf Anhieb erkennt. Man wird ständig überrascht davon, wie Menschen reagieren, beispielsweise von ihrem Sinn für Humor oder ihren Umgangsformen. Dieser Kulturschock kann tiefgehend erschütternd sein, und es kann mehrere Jahre dauern, bevor man das Gefühl hat, diese neue Welt zu verstehen.

Das Leben wirkt wie tiefgefroren

Wissenschaftliche Mobilität beginnt mit dem Ankommen, in unserem Fall mitten im Berliner Winter. Charlottenburg lag unter einem halben Meter Schnee und die Temperatur bei frostigen 15 Grad minus. Drei Tage später kamen unsere Möbel an, alle tiefgefroren. Selbst das Leben wirkte wie tiefgefroren. Emsig dagegen waren die Umzugsleute, die unsere Bibliothek transportierten und, in der neuen Wohnung angekommen, beflissen mit dem Auspacken begannen: alle Bücher auf einen Haufen, alles kunterbunt durcheinander.

Dieser Zustand bietet ein ziemlich genaues Bild dessen, wie man sich anfangs in der Fremde fühlt: Man sieht am Ende die durchaus leuchtende Perspektive, aber im Jetzt ist es ein totales Durcheinander, und es gibt nur eine Riesenmenge Arbeit zu tun. Man beobachtet die neue Welt und versucht, diese so schnell wie möglich verstehen zu lernen.

Mit Mobilität sind eben viele ganz banale Aspekte verbunden – ganz zu schweigen von den praktischen, finanziellen, gesetzlichen, bürokratischen und sozialversicherungstechnischen Schwierigkeiten, die auch im vereinten Europa immer noch nicht befriedigend gelöst worden sind.

Mobilität ist aber nicht nur eine geografische Sache, sondern sie zeigt sich auch in dem Wechsel zwischen verschiedenen Wissenschaftskulturen. So ist es auffällig, wie sehr in einem eigentlich so internationalen Fachbereich wie den klassischen Altertumswissenschaften kulturelle Unterschiede in den scientific communities existieren, etwa zwischen den britischen und den deutschen Altertumswissenschaften.

„Dem Phänomen der wissenschaftlichen Provinzialität begegnet man sogar an den angesehensten Universitäten der Welt.“

Was die Wissenschaftskulturen betrifft, so gibt es hier eine andauernde Spannung zwischen Internationalisierung, Interdisziplinarität und Grenzüberschreitung auf der einen Seite und der Zugehörigkeit zu einer gewissen Gemeinschaft, Gruppe oder einem geistigen Klima auf der anderen. Das Bedürfnis nach solchen Gemeinschaften ist etwas Natürliches: Man forscht und arbeitet ja nicht alleine, man arbeitet zusammen, man tauscht seine Gedanken und Ergebnisse aus, man publiziert in gewissen Medien, man bekommt Feedback. Und trotzdem fällt auf, wie schnell diese Kreise sich schließen, wie leicht Entwicklungen außerhalb einer solchen Gemeinschaft nicht mehr wahrgenommen werden. Diesem Phänomen der wissenschaftlichen Provinzialität, wofür im Englischen das schöne Wort parochialism gebraucht wird, begegnet man sogar an den angesehensten Universitäten der Welt. Umso wichtiger ist es, über diese oft lokalen Verhältnisse, Traditionen und Grenzen hinauszugehen, mit der Außenwelt im Gespräch zu bleiben und neue Foren zu finden, in denen man seine Einsichten mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern teilen kann. Dies gilt es auch in Nachwuchsgruppen zu vermitteln, etwa durch den Austausch von Doktoranden und Postdoktoranden.

Unverhoffte Gewinne im Kampf mit der fremden Sprache

Zur wissenschaftlichen Mobilität gehört auch die sprachliche Mobilität, die Bereitschaft, andere Sprachen zu lernen, zu sprechen und darin zu publizieren. Viele mobile Wissenschaftler haben die Spannung empfunden zwischen der Liebe zur eigenen Sprache und der Mühe, die man sich geben muss, um sich an neue Sprach- und Redekonventionen zu gewöhnen. Eine Fremdsprache bringt aber nicht nur Beschränkungen mit sich, sondern bietet auch Chancen. Etwa indem man sich manchmal klarer und präziser ausdrückt als in der eigenen Sprache, weil man länger darüber nachdenken muss, was man eigentlich sagen möchte. Auch gibt es manchmal die überraschende Entdeckung, dass man in der Fremdsprache Dinge sagen kann, die man in der eigenen Sprache nicht oder nicht in derselben Weise ausdrücken kann.

Endlich angekommen: „Kann man mehrere Heimaten haben, so wie man ja mehrere Nationalitäten haben kann?”
Endlich angekommen: „Kann man
mehrere Heimaten haben, so
wie man ja mehrere Nationalitäten
haben kann?”

Foto: Humboldt-Stiftung /
David Ausserhofer 

Für viele bedeutet Sprache auch Heimat, und so ließe sich der vielfach geübte Verzicht auf den Gebrauch der Muttersprache als Symbol der Heimatlosigkeit der mobilen Wissenschaftler sehen. Doch welche Rolle spielt die Heimat überhaupt in unserer globalisierten Welt mit all ihren Kommunikationsmitteln, wo man überall mithilfe von Twitter und Facebook seine sogenannten Freunde kontaktieren und seine Beziehungen aufrechterhalten kann? Würde man nicht vermuten, dass die Relevanz der Heimat abnimmt? So einfach ist es aber nicht, denn das Bedürfnis nach einem „Heim“, einer Gemeinschaft, in der man sich zu Hause fühlt, wird in einer solchen globalisierten Welt eher größer als kleiner. Als Weltbürger bezahlt man einen gewissen Preis: Denn die eigene, ursprüngliche Heimat ist nicht nur geografisch entfernt, sie verliert manchmal auch an Bedeutung, die Beziehung zum Herkunftsland ändert sich.

Für immer ein Außenseiter?

Doch gibt es auch eine andere, positive Sichtweise, nämlich dass man sich im neuen Land wohlfühlt und sich da ein neues „Heim“ schafft, eine neue soziale Welt. Aber ist dies wirklich möglich? Sogar dann, wenn man sich alle mögliche Mühe gibt, sich anzupassen und zu integrieren, und auch dann, wenn die Leute, unter denen man lebt, einem gastfreundlich gegenüberstehen, bleibt man dann nicht doch immer ein Außenseiter, ein Gast? Oder kann man mehrere Heimaten haben, so wie man ja auch mehrere Nationalitäten haben kann? Der französisch-libanesische Autor Amin Maalouf spricht in seinem Essay „Les Identités meurtrières“ in diesem Zusammenhang von einer identité composée. Eine solche zusammengesetzte, vielschichtige Identität erwirbt man, wenn man den Weg des kulturellen und geistigen Engagements geht, der neugierigen Entdeckung der anderen Kultur. So kann man versuchen, statt Gast zu bleiben, Mitbürger zu werden. Wir haben versucht, diesen Weg in Großbritannien zu gehen, und unsere Erfahrungen sind im Großen und Ganzen sehr positiv gewesen. Jetzt werden wir versuchen, ihn auch in Deutschland zu gehen, und aufgrund unserer ersten Erfahrungen sind wir zuversichtlich, auch hier ein neues „Heim“ finden zu können.

Letzten Endes haben all diese Formen und Aspekte von Mobilität ihren Ursprung in einer geistigen Haltung des Offenseins, der Weitsichtigkeit, der Neugierde auf das Fremde und Fremdsprachliche, die über die Grenzen einesLandes, einer Sprache, einer wissenschaftlichen Disziplin oder wissenschaftlichen Kultur hinausgeht: der von Alexander von Humboldt so beeindruckend verkörperten Haltung der wissenschaftlichen Weltbürgerschaft.

aus Humboldt Kosmos 95/2010
Arachne und Philip van der Eijk
Arachne und Philip van der Eijk
Foto: Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer

Professor Dr. Philip van der Eijk forscht und lehrt als Alexander von Humboldt-Professor Klassische Philologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt war er an der Newcastle University in Großbritannien. Seine Frau Arachne van der Eijk lehrt als Sprachwissenschaftlerin Englisch und Niederländisch am Sprachenzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin.

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