Titelthema: 20 Jahre deutsche Einheit

Liebesbriefe an Deutschland

Von Gil Pimentel

Der amerikanische Fernsehjournalist Gil Pimentel kam als Humboldtianer im Jahr nach dem Mauerfall nach Deutschland. Über seine Eindrücke und die damals beginnende Liebesbeziehung zu seinem Gastland erzählt er in diesen fiktiven Briefen an seinen Förderer Alexander von Humboldt.

15. Juli 1990

Dear Alexander von Humboldt,
I respectfully submit my application for the Chancellor’s Fellowship for prospective American leaders. Thank you for your consideration.
Eine Freundin von mir, Amy Schwartz, wusste, dass ich große Lust hatte, etwas anderes zu machen nach fünf Jahren Knochenarbeit bei Nightline, der amerikanischen Version der Tagesthemen. Sie erzählte mir von einem Stipendium, das sie erhalten hatte, dem Bundeskanzler- Stipendium für junge amerikanische Führungskräfte, die für ein Forschungsjahr nach Deutschland kommen. Sollte ich mich bewerben? Ich weiß nichts von Deutschland und kann kein Deutsch. Was sagen die Nazis immer in den Filmen über den Zweiten Weltkrieg? „Halt! Achtung!“ oder „Blitzkrieg!“ Na ja, ich will etwas Neues machen, ob in Deutschland, Libyen oder Fidji … es ist mir egal.

12. August 1990

Sehr geehrter Freiherr von Humboldt,
Saddam Hussein hat Kuwait erobert und ausländische Geiseln genommen. Die wollen raus, und wir (die Nightline- Crew) wollen rein, um ihn zu interviewen. Gestern habe ich die Nachricht erhalten, dass ich das Bundeskanzler-Stipendium bekommen habe. Danke sehr! Doch darüber müssen wir später reden. Jetzt, auf dem Flug nach Baghdad, kann ich mich nur auf eines konzentrieren: Ich will keine Geisel werden.

29. September 1990

Lieber Alexander Freiherr von Humboldt,
seit vier Wochen bin ich in Bonn, und ich habe ein Geständnis zu machen: Ich habe Angst vor diesem Stipendium. Komisch, nicht? Schon oft lief ich Gefahr, erschossen, verhaftet oder gekidnappt zu werden. Jetzt ist meine größte Angst zu versagen. Mein Deutsch ist soooo schlecht. Ich kann kaum etwas sagen oder verstehen. Bald fange ich an zu arbeiten, und ich denke, es wird eine Katastrophe werden.

2. Oktober 1990

Sehr geehrter Alexander von Humboldt,
ich bin jetzt in Berlin. Ostberlin ist grau und schmutzig, und jedes Mal, wenn ich dorthin komme, habe ich den Eindruck, in die Zeit des Kalten Krieges zurücktransportiert zu werden. Überall gibt es Einschusslöcher in den Häusern, als wäre der Zweite Weltkrieg erst gestern beendet worden. Morgen gehen wir zum Wiedervereinigungs-Staatsakt in die Berliner Philharmonie. Es ist ein Privileg, als Zeitzeuge zu verfolgen, was ich noch vor drei Jahren für unmöglich hielt. Vor zwei Jahren bin ich für Nightline in Israel und Palästina gewesen, wo wir das erste öffentliche Gespräch zwischen Anführern beider Seiten arrangierten. Die Teilnehmer dieser Sendung sind gerade in Madrid, um ein Friedensabkommen zu verhandeln. Letztes Jahr war ich auf dem Platz des Himmlischen Friedens, um dort die Demokratiebewegung mit eigenen Augen zu sehen. Freiheit für Osteuropa, baldige Demokratie in China und Frieden im Nahen Osten? Was für eine unglaubliche Zeit, in der wir leben!

3. Oktober 1990

Lieber Alexander von Humboldt,
während des Staatsakts geschah etwas Merkwürdiges. Ein Mann stieg auf die Bühne und begann eine wirre Rede. Während er sprach, fing das Publikum an zu applaudieren und zwar so laut und so lange, dass man ihn nicht mehr hören konnte. Plötzlich erschien Sicherheitspersonal und führte ihn ab, aber die deutschen Medien berichteten fast nichts darüber. Ich fand das merkwürdig und fragte einen deutschen Journalisten, warum das so sei. Er sagte: „Weil der Verrückte unwichtig ist. Wichtig ist die Wiedervereinigung.“ Darin liegt ein großer Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Journalisten. Die Deutschen berichten über das, was wichtig ist. Wir berichten über das, was außergewöhnlich ist − und das ist nicht immer dasselbe.

1. November 1990

Lieber Alexander von Humboldt,
stört es Sie, wenn wir uns duzen? Weißt Du was? Heute habe ich zum ersten Mal fließend Deutsch gesprochen! Ich stand vor der Gedächtniskirche und ein junger Ostberliner, der sich in Westberlin nicht auskannte, hat mich nach dem Weg gefragt. Ich habe ihm Auskunft gegeben, und dann haben wir uns stundenlang auf Deutsch unterhalten. Nicht schlecht, oder.

5. November 1990

Lieber Alexander,
heute habe ich beim Deutschen Fernsehfunk DFF angefangen, dem ostdeutschen Fernsehsender. Als ich auf den Haupteingang zuging, sah ich ein Schild, das den Weg zur Gauck-Behörde wies. Hier können die Bürger in ihre Stasi- Akten schauen. Die Erkenntnis ist schockierend: Jeder dritte Erwachsene in Ostdeutschland war ein Informant der Stasi. Geschichten, die über den Verrat durch Eheleute, Familienmitglieder und Freunde berichten, dominieren die Schlagzeilen. Ich wurde in das große dunkle Büro von Herrn Makosch geschickt, einem der DFF-Redakteure. Kahlköpfig, stämmig und ungemein höflich. Während wir Belanglosigkeiten austauschten, hingen andere Fragen schwer in der Luft. Gab es eine Verbindung zwischen dem DFF und der Stasi? Würden unter meinen neuen Kollegen Stasi-Agenten sein? Ich hatte das Gefühl, in einem John Le Carré-Roman zu sein, in der Rolle des unschuldigen Beobachters, der in eine Geschichte verwickelt wird.

10. November 1990

Lieber Alexander,
abends gehe ich häufig ins Café Hegel, dessen Besitzerin eine tolle, rothaarige Russin ist, die so tut, als ob das Café ihr Wohnzimmer sei. Sie stellt die Gäste einander vor, und plötzlich diskutieren alle: über Kunst, die Mauer, Literatur oder Außenpolitik. Ich sagte einmal, ich hätte „große Zwiebel“ an der amerikanischen Außenpolitik. Ich meinte natürlich „Zweifel“. Meine Sprachfehler sind legendär geworden, aber was soll’s. Nur so lernt man.

21. November 1990

Lieber Alex,
die Belegschaft des DFF hat Angst vor der Zukunft. Kann der reformierte DFF bestehen bleiben? Wer wird bleiben können? Man fragt sich nicht nur hier: Entsteht aus der Vereinigung etwas Neues aus den besten Teilen beider Seiten oder wird einfach alles aus dem Osten kaputt gemacht und alles aus dem Westen übernommen.

21. Februar 1991

Lieber Alex,
leider gibt es Ausländerfeindlichkeit nicht nur bei den Neonazis, sondern auch unter den Linken, speziell gegenüber Amerikanern. Ich saß in der U-Bahn mit Kristie, einer anderen Bundeskanzler-Stipendiatin. Wir redeten Englisch miteinander, als plötzlich ein Spinner auf uns zukommt und schreit: „Kein Blut für Öl!“, und damit fortfährt, uns eine Menge obszöner Sachen über Amerikaner an den Kopf zu werfen. Ich habe das meiste davon nicht verstanden, aber plötzlich packt er Kristie am Arm. „Fass mich nicht an!“, rief sie. Ich vergaß mein Deutsch in dem Moment und schrie: „Get your hands off her, motherfucker!“ Er stieg an der nächsten Haltestelle aus. Stille breitete sich aus. Eine junge Frau kam zu uns rüber und flüsterte: „Nicht alle Deutschen denken so wie er.“ Jetzt verstehe ich die jungen Deutschen besser, die sich eher als Europäer sehen. Sie sollten sich nicht verantwortlich fühlen für die Fehler ihrer Vorfahren, genauso wie ich nicht verantwortlich bin für die Politik der amerikanischen Regierung.

9. März 1991

Lieber Onkel Alex,
Du bist jetzt der Onkel Alex für die Stipendiaten in meiner Gruppe. Vier von uns wohnen in Berlin, und wir sehen einander häufig. Berlin ist wunderbar. Nach dem Fall der Mauer kamen eine Menge Künstler, Musiker und Regisseure hierher. Und alle gingen in den Osten. Dort gibt es einen Stadtteil, der Prenzlauer Berg heißt, in dem die Künstler Häuser besetzen oder fast kostenlose Wohnungen mieten in kaputten, unsanierten Häusern ... und davon gibt’s hier viele. Aus alten, verlassenen Läden machen sie Kinos, Tanzclubs und Galerien. Am Samstag haben mich Caspar und Irene ins Tacheles eingeladen, eine kulturelle Einrichtung, die aus den Ruinen eines ehemaligen riesigen Kaufhauses entstanden ist. Im Erdgeschoss gibt es Bars und Tanzflächen; in der ersten Etage eine Bühne und ein Kino; in der zweiten und dritten Etage Galerien und Werkstätten. Aber das Einzigartige ist, dass dieses Haus überhaupt keine Rückwand hat. Von draußen kann man in alle Etagen gucken, so wie in ein riesiges Puppenhaus. Wahnsinn.

30. April 1991

Tag Onkel Alex,
die Hoffnung auf wirkliche Einheit wird immer geringer, und die Enttäuschung wird immer größer. In Ostdeutschland hatte man die Erwartung, dass der Lebensstandard des Westens schnell erreicht werden könne. Doch die Realität sieht anders aus. Sie bekamen zwar Freiheit, aber auch hohe Preise, Arbeitslosigkeit und eine neue Bürokratie, die sie nicht verstehen. Auf der westlichen Seite wollte man Freiheit für die Nachbarn von „drüben“, aber bitte ohne Kosten. Stattdessen verloren die Wessis ihre Subventionen, bekamen mehr Staus und eine neue Steuer, mit der sie für den Aufbau Ostdeutschlands bezahlen. Aus Sicht der Ossis sind die Wessis arrogant. Für die Wessis sind die Ossis ignorant. In Westberlin gibt’s T-Shirts mit der Aufschrift „Ich will meine Mauer wieder“.

13. Mai 1991

Hallo Onkel Alex,
ich mache nun auch ein Praktikum beim West-Sender RIAS TV, um einen Vergleich zwischen Ost- und West-Fernsehen machen zu können. Was mich überrascht hat, ist, dass RIAS dem DFF sehr viel ähnlicher ist als dem amerikanischen Fernsehen. Sowohl RIAS als auch DFF benutzen beide sehr lange O-Töne für Berichte und sehr lange Einzel-Einstellungen. Das Tempo der Berichte ist sehr langsam im Vergleich zu den USA. Bei uns muss man immer aufpassen, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Unsere Berichte sind schneller geschnitten und haben einen viel schnelleren Rhythmus. Hier in Deutschland setzt man voraus, dass der Zuschauer dabeibleibt. Das Verhältnis zwischen Sender und Zuschauer ist mehr oder weniger wie das eines Lehrers zu einem Studenten. In den USA entspricht es eher einem Freund-Freund- oder Verkäufer-Kunde-Verhältnis. Es gibt einen kleinen neuen Sender hier in Deutschland, RTL, der einen eher amerikanischen Ansatz hat, aber niemand schaut ihn.

September 1991

Hey Alex …
was ist in Hoyerswerda los? Obwohl ich weiße Haut habe, ist es offensichtlich, dass ich kein Deutscher bin. Kürzlich war ich allein auf einer Straße in Prag. Ein Junge und ein Mädchen kamen auf mich zu und der Junge flüsterte: „Skinhead power!“ Ich weiß nicht, woher er kam, aber er hatte einen deutschen Akzent. Ein Freund arbeitet in Potsdam und meint, dass dort überall Neonazis sind. Vielleicht sollte ich mehr aufpassen, wenn ich S-Bahn fahre.

15. Dezember 1991

Hi lieber Onkel,
mein Stipendium ging vor zwei Monaten zu Ende, und ich muss jetzt wirklich zurück, obwohl ich gerne bleiben möchte. Eine Arbeitserlaubnis ist schwer zu bekommen, und obwohl ich schwarzarbeiten könnte, ist das nicht wirklich eine Option. Deshalb fliege ich morgen in die USA zurück. Auf dem Weg vom Hegel nach Hause habe ich geweint. Okay, eine Tür schließt sich und eine andere geht auf, oder?

Januar 2002

Hey Alex,
wie geht’s Dir? Ich bin wieder da. Vielen Dank für die Einladung, nach Berlin zurückzukommen. Wow … Potsdamer Platz! Mitte! Prenzlauer Berg! Nicht wiederzuerkennen. Wo sind die Autonomen geblieben? Gott sei Dank, der Savignyplatz hat sich überhaupt nicht verändert. Das Hegel und seine russische Besitzerin ... immer noch so wie immer. Heute war unsere Gruppe bei Bundeskanzler Schröder, und er sagte: „Ich werde nie sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein.“ So etwas in den USA zu sagen, wäre politischer Selbstmord. Deutschland ist für mich wie eine alte Tante, die etwas Schreckliches in ihrer Jugend getan und sich seitdem der Wohltätigkeit gewidmet hat. Die neue Generation der Deutschen hat ein Land aufgebaut, das eine positive Rolle in der Welt spielt. Und obwohl es nicht perfekt ist, funktioniert es für seine Bürger besser als die meisten Länder. Es wäre gesund, wenn die Deutschen sagen könnten: „Ja, wir sind uns der Vergangenheit bewusst, aber trotzdem sind wir stolz auf das heutige Deutschland.“

April 2003

Hallo Onkel Alex ,
heute habe ich ein Interview mit dem ersten US-Präsidenten Bush geführt. Als die Berliner Mauer fiel, war er kritisiert worden. „Warum sagt er nichts? Er sollte auf der Mauer tanzen und den Sieg des Westens proklamieren! Versteht er denn nicht die historische Bedeutung dieses Ereignisses?“ Doch, er hatte sie verstanden. Viel besser als seine Kritiker. „Ich kann gar nicht tanzen“, erklärte er im Interview, „... und selbst wenn ich es könnte, hätte ich es niemals getan. Die sowjetische Armee fühlte sich gedemütigt, und ich wollte nicht in ihren Wunden herumstochern und riskieren, dass sowjetische Panzer erneut über Osteuropa hinwegrollen.“ Die Erfolge von Bush Senior sind von der Präsidentschaft seines Sohnes überschattet worden. Und Kohls guter Ruf wurde von einem Skandal befleckt. Vielleicht werden beide Männer in 10 oder 20 Jahren in einem besseren Licht gesehen. Man kann darüber streiten, ob sie große Staatsmänner waren. Aber es besteht kein Zweifel, dass sie Großes erreicht haben.

6. August 2006

Hey Kumpel!
zurück in Berlin! Man sagt, ein deutscher Freund ist ein Freund fürs Leben, und ich glaube, das stimmt. Vor ein paar Monaten wurde ich am Herzen operiert, und meine deutschen Freunde haben sich alle gemeldet. Jetzt sitze ich in einem Taxi von Tegel nach Mitte. Ich bin nervös, weil ich am Samstag Trauzeuge bei einer Hochzeit sein werde und die Tischrede auf Deutsch halten muss. Eigentlich habe ich mehr Angst vor der Tischrede als damals vor der Operation, und ich habe den Taxifahrer gefragt, ob ich meine Rede mit ihm üben könne. Er war ein alter Ostdeutscher, die Art von Mann, der „iss jut“ sagt anstatt „es ist gut“. In der Rede erwähnte ich meine Herzoperation. Am Ende der Rede sagte er: „Das war sehr gut! Wissen Sie was? Ich habe auch eine Herzoperation gehabt.“ An der nächsten Ampel verglichen wir unsere Narben. Berlin und die Berliner sind toll, oder? Iss jut!

16. September 2010

Mein lieber Onkel Alex,
und wieder bin ich in Berlin, um das 20. Jubiläum des Bundeskanzler-Stipendiums zu feiern – und eine Menge deutscher Freunde zu treffen. Ich habe stundenlang mit allen gesprochen … klasse! Mensch, Alex ... es ist schwer zu glauben, wie stark Du mein Leben beeinflusst hast. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch und wusste fast nichts über die deutsche Kultur. Jetzt kommt die Hälfte meiner engsten Freunde aus Deutschland oder Österreich. Du hast mir die Tür geöffnet zu einer schönen Sprache, einem großartigen Land und wunderbaren Menschen, die hoffentlich Freunde fürs Leben geworden sind. Und dafür möchte ich mich aus tiefstem Herzen bedanken.

Eine ganz liebe und enge Umarmung
Dein Gil

aus Humboldt Kosmos 96/2010
Gil Pimentel
Gil Pimentel
Foto: privat

Gil Pimentel ist vielfach, unter anderem mit fünf Emmys, ausgezeichneter Fernsehjournalist. Als Vizepräsident von National Geographic TV lebt und arbeitet er in Washington, USA. Er war einer der Ersten, die das Bundeskanzler-Stipendium der Humboldt-Stiftung erhielten, das zunächst nur an amerikanische und heute auch an russische und chinesische Nachwuchsführungskräfte verliehen wird.