Titelthema: 20 Jahre deutsche Einheit

Der verständnisvolle Bruder

Von Sergej Sumlenny

Vielen Russen erschien die DDR als ein Paradies des Konsums und relativer Freiheit. Als sich das ostdeutsche Brudervolk für den Westen entschied, stieß dies in Russland überraschenderweise nicht auf Ablehnung, sondern weckte Sympathie, die bis heute anhält.

„Was ich mit dieser Berliner Mauer nicht verstehe …“, sagte mir einmal ein guter Bekannter, der in Berlin bei mir zu Gast war, „… wenn die Mauer die Stadt Berlin von Norden nach Süden teilte – warum musste man über die Mauer in den Westen fliehen? Warum ging man nicht einfach nach Süden oder Norden und dann weiter über DDR-Gebiet nach Potsdam und kam von dort nach Westberlin?“.

Die Frage machte mich zunächst ratlos. Ich wusste gar nicht, wo ich bei meiner Erklärung beginnen sollte. Sie zeigt, wie wenig ein durchschnittlicher Bürger Russlands – in diesem Fall ein gut ausgebildeter und sehr weltoffener – mit der jüngsten Geschichte Deutschlands vertraut ist.

Die DDR war für Bürger der Sowjetunion kein grausames Land und keine Diktatur wie für die Deutschen. Im Vergleich zur UdSSR war sie ein Konsumparadies und sogar fast eine freie Welt. Eine deutsche Jacke oder Federmappe waren für Generationen von Kindern der sowjetischen Militärangehörigen, die in der DDR ihren Wehrdienst taten, etwas Besonderes – und Grund für grenzenlosen Neid in der Schule. Die sowjetischen Offiziere waren fasziniert vom deutschen Bier (sogar Wladimir Putin gestand, dass er während seines Dienstes in der DDR 15 Kilo zugenommen hatte). Dass es in der DDR ein Mehrparteiensystem gab, eine der Parteien „Christlich- Demokratische Union“ hieß und DDR-Bürger ab und zu nach Bulgarien oder Ungarn ausreisen durften, machte sowjetische Bürger sprachlos. Dass die ostdeutschen Parteien nur Marionetten waren, war unerheblich – in der UdSSR waren sogar solche Marionetten undenkbar. Die DDR war also eine „UdSSR, wie sie sein sollte“.

„Konsumparadies DDR: Sogar Wladimir Putin gestand, dass er während seines Dienstes in der DDR 15 Kilo zugenommen hatte.“

Umso beachtlicher ist es, dass die Reaktionen der sowjetischen Bürger auf die Nachricht vom Mauerfall äußerst positiv waren – auch wenn diese Meldung nicht das Thema Nummer eins war, da die Russen selbst gerade einen wichtigen Umbruch im eigenen Land erlebten. Irgendwo ganz tief im Weltbild der Russen war die Vorstellung fest verankert, dass Deutschland ein einiges Land ist – und die Deutschen ein Volk sind. Dass die Deutschen die sie trennende Mauer beseitigten, schien nur natürlich.

Der Mauerfall – eine gute Nachricht

Vor einiger Zeit führte ich in meinem Blog eine Umfrage durch: Was dachten meine Leser im Jahr 1989, als sie vom Mauerfall hörten? Die meisten antworteten, es sei für sie eine wichtige und gute Nachricht gewesen. Diese positive Wahrnehmung hält bis heute an. Der damalige in der UdSSR stark verbreitete Proamerikanismus war fast verschwunden, und so blieb die positive Einstellung zur deutschen Wiedervereinigung vielleicht die einzige Emotion, die aus Perestroika- Zeiten stammte und mit den Jahren immer mehr Befürworter gewann. „Zeig mir die Reste der Mauer“, bitten mich alle meine Bekannten und Freunde, die nach Berlin kommen und mit Bewunderung die damalige Grenze am Brandenburger Tor frei überqueren.

So einhellig die Freude über die Wiedervereinigung des fremden Landes ist, so groß ist doch die Enttäuschung der Russen darüber, wie gering die Rolle der UdSSR hierbei geschätzt und auf die Wirkung des damaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow beschränkt wird.

„Für die sowjetische Regierung gab es keinen Grund, die Wieder vereinigung zu akzeptieren – und trotzdem blieben die sowjetischen Truppen in ihren Kasernen!“

Die sowjetische Regierung und Michail Gorbatschow hatten zum Zeitpunkt des Mauerfalls am 9. November 1989 bereits Erfahrungen in der – kurzfristig gesehen – erfolgreichen Niederschlagung friedlicher Demonstrationen gemacht. Im Dezember 1986 waren in der kasachischen Stadt Almaty mehr als 8.000 Teilnehmer einer Demonstration festgenommen worden, Repressalien gegen Studenten folgten. Im April 1989 walzte im georgischen Tiflis die sowjetische Armee eine Demonstration für Unabhängigkeit von der Sowjetunion nieder: 16 Demonstranten wurden getötet, fast 300 verletzt. In den darauffolgenden zwei Jahren vergoss die kommunistische Diktatur weiteres Blut auf den Straßen von Riga, Wilna und Moskau. Für die sowjetische Regierung gab es also eigentlich keinen Grund, eine friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zu akzeptieren – und trotzdem blieben die sowjetischen Truppen in ihren Kasernen! Noch bemerkenswerter war, dass die Sowjetunion auch in den auf den 9. November folgenden Monaten keinen Widerspruch gegen die deutsche Wiedervereinigung äußerte – im Gegensatz zu den eher skeptischen Briten und Franzosen. Wenn der amerikanische General Lucius D. Clay mit der von ihm nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten Luftbrücke Westberlin für die freie Welt gerettet hatte, war der sowjetische Parteichef Gorbatschow der Mann, der Deutschland für Europa sicherte. Nach Meinung der Russen, die die Wiedervereinigung Deutschlands im Kontext der Freiheitsbewegung in der Sowjetunion betrachten, steht die sowjetische Flagge deshalb nicht nur für die Teilung Deutschlands und die Unterdrückung in einer kommunistischen Diktatur, sondern auch für die friedliche Vereinigung und die heutige deutsche Demokratie. In Deutschland hingegen werden der Mauerfall und die freiheitliche Bewegung in der Sowjetunion als zwei verschiedene Paar Schuhe betrachtet, so der Eindruck vieler Russen, die dies umso mehr betrübt, als sie eine enge Verbindung zum Mauerfall spüren.

Deutschland – die Quintessenz Europas

Unabhängig von dieser Enttäuschung ist die Wahrnehmung des vereinigten Deutschlands in Russland mehr als positiv, wie eine Umfrage des Senders Deutsche Welle vom September 2010 in Russland zeigt: 9 Prozent der Russen meinen demnach, Deutschland sei „ein zuverlässiger Partner“ für Russland. 31 Prozent sehen Deutschland als „russlandfreundliches Land“. Für 48 Prozent der Befragten ist Deutschland „ein Land Europas wie alle anderen“ und nur 1 Prozent befürchtet, dass Deutschland ein „Russland gegenüber feindlich gesinntes Land“ sei. Die Umfrage zeigt auch, dass die Hoffnungen der Russen, eine enge Zusammenarbeit mit Europa aufzubauen, stark mit Deutschland verbunden sind: 21 Prozent der Russen sagen, Deutschland sei ein Land, das die russischen Interessen in der Europäischen Union am stärksten verteidige (auf Platz 2 mit 15 Prozent landete Frankreich, auf Platz 3 mit nur 6 Prozent Polen). Anders formuliert, ist Deutschland für die Russen das wichtigste europäische Land und die Quintessenz Europas.

aus Humboldt Kosmos 96/2010
Sergej Sumlenny
Sergej Sumlenny
Foto: privat

Sergej Sumlenny ist Deutschland-Korrespondent der russischen Wirtschaftszeitschrift Expert in Berlin. Als Bundeskanzler-Stipendiat arbeitete er von 2005 bis 2006 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.