Titelthema: 20 Jahre deutsche Einheit

Die Kunst war, morgens noch in den Spiegel schauen zu können

Interview mit Joachim Sauer

Der Chemiker Joachim Sauer gehört zu den Forschern aus Ostdeutschland, die sowohl vor als auch nach der Wende erfolgreich waren. Ein Gespräch über Erfolge und Ungerechtigkeiten der Wiedervereinigung sowie Forscherkarrieren zwischen Anpassung und kreativem Widerstand.

Joachim Sauer, Professor für Theoretische Chemie an der Humboldt-Universität zu Berlin: „Hier haben wir sie tatsächlich, die blühenden Landschaften.“
Joachim Sauer, Professor für
Theoretische Chemie an der
Humboldt-Universität zu Berlin:
„Hier haben wir sie tatsächlich,
die blühenden Landschaften.“

Foto: Peter Himsel

Kosmos: Herr Professor Sauer, als die Mauer fiel, arbeiteten Sie in der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof Tür an Tür mit dem Stasi-Wachregiment, das hier seine Kasernen hatte. Wie erlebten Sie und Ihre Nachbarn diesen Tag?
Sauer: Den Stasi-Wachsoldaten begegnete ich an diesem Tag gar nicht, weil ich nicht in Berlin, sondern zu einem Forschungsaufenthalt in Karlsruhe war. Etwa ein Jahr vor dem Mauerfall war es so weit, und ich durfte als sogenannter Reisekader in den Westen reisen. Darauf hatte ich lange gewartet. Am 9. November 1989 ging ich abends im Gastdozentenhaus auf mein Zimmer und sah in den Nachrichten die berühmte Pressekonferenz mit Schabowski. Mir war immer klar, dass dieses System untergehen musste, ich hatte aber nicht geglaubt, dass dies noch zu meiner Lebenszeit passieren würde.

Kosmos: Was musste man tun, um als Wissenschaftler in den Genuss des Reiseprivilegs zu kommen?
Sauer: Zunächst musste man ein förderwürdiger Kader sein. Und es musste möglichst eine Garantie geben, dass man auch zurückkommt, etwa weil es im Zweifel genügend Geiseln gäbe, die hier blieben. Zuvor musste man alle familiären und privaten Kontakte in den Westen abbrechen. Dazu war ich nicht bereit, aber ich war bereit, während meiner Dienstreise keinen Kontakt zu meinen Tanten, Cousins und Cousinen aufzunehmen. Dass ich und andere schließlich doch Reisekader wurden, waren schon die Vorboten des Mauerfalls – es war die Gorbatschow-Zeit. Wenige Jahre zuvor gab es aber auch eine Zeit, in der mir nicht einmal Reisen in sozialistische Länder erlaubt wurden.

Kosmos: Wie hinderlich war die eingeschränkte Mobilität für Ihre Forschung?
Sauer: Nun, man konnte sich natürlich über Publikationen austauschen, was zu meiner Zeit nicht eingeschränkt war. Es war auch möglich, später sogar erwünscht, in westlichen Zeitschriften zu publizieren. Die DDR war am internationalen Renommee auch in der Wissenschaft interessiert. Ich konnte sogar mit Kollegen aus dem Westen gemeinsam publizieren. Manches ging, auch wenn es mit der einen oder anderen Demütigung verbunden war.

„Mir war immer klar, dass dieses System untergehen musste.“

Kosmos: Wie sahen solche Demütigungen aus? 
Sauer: Ich erhielt beispielsweise einmal eine Einladung in die USA, um dort auf einer internationalen Konferenz einen Vortrag zu halten. Für einen jungen Wissenschaftler ist so etwas eine ermutigende Anerkennung. Von der Einladung erfuhr ich überhaupt erst vom Institutsdirektor, denn alle aus dem Ausland eingehenden Briefe wurden vorher gelesen. Der Direktor erklärte mir dann, dass ich natürlich nicht reisen könne, da ich ja kein Reisekader sei, und dass stattdessen der Genosse Sowieso dort hinfahren könne. Das war frustrierend. Ein anderer sollte von der erarbeiteten Reputation profitieren. Doch daraus wurde meist auch nichts, weil die Veranstalter für den Genossen nicht zahlen wollten. Und damit war die Sache dann erledigt.

Kosmos: Wie viel Anpassung war für eine Forscherkarriere nötig?
Sauer: In der DDR mussten Sie Kompromisse machen und sich anpassen, wenn Sie eine Universität absolvieren wollten. Die Kunst war, morgens noch in den Spiegel schauen zu können, aber nicht von der Oberschule verwiesen zu werden, den Studienplatz oder wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten zu verlieren. Die Bedrückung war immer da: Wirst Du Abitur machen können? Als das geschafft war: Wirst Du einen Studienplatz bekommen? Dann: Wirst Du promovieren dürfen? Deshalb war mir immer klar: Öffentlich wirst Du Dich nicht kritisch äußern dürfen. Aber natürlich ließ sich das nicht immer durchhalten.

Kosmos: Inwiefern?
Sauer: Es begann in der Oberschule. Eine Mitschülerin, deren Mutter Funktionärin der SED-Kreisleitung war, berichtete zu Hause von meinen lockeren Reden, diese steckte es dem stellvertretenden Schuldirektor. Er rief mich zu sich und ermahnte mich auf die scheinbar wohlmeinende Art: Es sei doch schade, wenn ein so guter Schüler solche Reden führe, für meine Zukunft und überhaupt für den Sozialismus. So etwas ist mir immer wieder passiert. Bei Konferenzen in der DDR oder im sozialistischen Ausland konnte einem immer mal etwas Kritisches herausrutschen, und dann stand oft jemand dabei, der das berichtet hat.

Kosmos: Sie mussten sich jeder Kritik enthalten ...
Sauer: Es wurde nicht nur Enthaltung erwartet! Sondern Unterwerfung, aktives Bekenntnis und „gesellschaftliches Engagement“, womit für Nicht-SED-Mitglieder die Mitgliedschaft in sozialistischen Massenorganisationen gemeint war. In meiner Zeit als Assistent an der Humboldt-Universität kam der Professor, ein SED-Genosse, dessen Arbeitsgruppe ich angehörte, zu mir und sagte: „Wir sind hier alle in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Wenn Sie nicht Mitglied werden wollen, suchen Sie sich eine andere Arbeitsgruppe“, was natürlich hieß, die Universität zu verlassen. Ich bin dann eingetreten. Ein anderes Beispiel, aus meiner Zeit an der Akademie: Die SED hatte einen ihrer Parteitage abgehalten. An einem Freitagnachmittag klopft der Parteisekretär an meine Tür, tritt herein und sagt: „Der Parteitag bewegt uns alle, viele nutzen die Gelegenheit und äußern sich an der Wandzeitung im Institut.“ Da ich ja ein guter Wissenschaftler sei, den man fördern wolle, wolle man auch mir diese Gelegenheit geben.

Joachim Sauer
Joachim Sauer
Foto: Peter Himsel

Kosmos: Und, haben Sie die Gelegenheit genutzt?
Sauer: Es war eine Zwickmühle. Abzulehnen wäre einer Provokation gleichgekommen. Meine wirkliche Meinung zu sagen, ging auch nicht. Ich musste also etwas schreiben, was die Genossen hören wollten, und doch einen „kleinen Hammer“ einbauen, damit ich nicht gleich wieder gebeten würde. Ich habe mich von Freitagabend bis Sonntagabend gemüht und an dem Papier gefeilt. Am Montagmorgen habe ich es selbst aufgehängt. Nach zwei Stunden war es weg. Der Parteisekretär hatte es abgenommen.

Kosmos: Der Hammer war aufgefallen ...
Sauer: Ja, die Message war angekommen, aber man konnte mir auch nichts richtig vorwerfen. Jetzt stellen Sie sich vor, das Papier würde heute im Spiegel publiziert. Dann würde der „kleine Hammer“ vielleicht gar nicht wahrgenommen und stattdessen darin ein Bekenntnis zur Partei gesehen.

Kosmos: Welche Folgen hatten politische Beschränkungen und Dirigismus für die Forscher in der DDR?
Sauer: Die Einschränkungen der eigenen Karrieremöglichkeiten haben – nicht in meinem Fall, aber bei manchen – dazu geführt, dass sie resignierten. Die haben dann ordentlich vor sich hin gearbeitet, hatten aber keinen Anspruch mehr, wirklich an die Spitze zu kommen.

Kosmos: Not macht erfinderisch: Musste man als DDR-Forscher besonders kreativ sein?
Sauer: Man musste jedenfalls aus der vorhandenen Forschungstechnik das Beste herausholen, aber das machen auch die, die über bessere Technik verfügen. Bei Computern lag die DDR trotz manchen Embargobruchs immer mindestens eine Generation zurück. Auf meinem Gebiet, der Anwendung quantenchemischer Methoden, hatte ich dafür umso mehr Zeit nachzudenken, wie ich bestimmte Probleme durch die Wahl geeigneter Modelle berechenbar machen wollte. So war ich vorbereitet und wusste genau, was ich tun würde, wenn bessere Methoden verfügbar wären.

Kosmos: Wie erlebten und sehen Sie heute im Rückblick die Evaluierungsund Abwicklungswelle nach der Einheit? Ging es fair zu?
Sauer: Natürlich war die Änderungsgeschwindigkeit groß, und sie musste es sein. Andererseits war niemand geübt in einer solchen Transformation. Wir müssen unterscheiden: Was ist gut für die Wissenschaft, was für die Wissenschaftsinstitutionen und was für den einzelnen Wissenschaftler? Strukturell ist die Wiedervereinigung in der Wissenschaft glänzend gelungen. Ist sie auch dem Einzelnen gerecht geworden mit seinen Leistungen, seiner Geradlinigkeit, seinem Opportunismus oder seiner Mittäterschaft? Wohl nicht. Aber vielleicht war das auch gar nicht möglich.

„Es wurde nicht nur Enthaltung erwartet, sondern Unterwerfung!“

Kosmos: Haben Sie Verständnis für verbitterte Kollegen, deren Karriere sich anders als bei Ihnen nicht positiv entwickelte?
Sauer: Zunächst einmal denke ich nicht nur an die, die nach der deutschen Einheit ihren Platz verloren haben, sondern auch an die, denen von vorneherein der Eintritt in die akademische Welt verwehrt wurde. Etwa weil sie wegen ihrer Nähe zur Kirche kein Abitur machen durften, oder weil sie sich als Studierende oder Doktoranden im obligatorischen Marxismus-Leninismus-Unterricht provozieren ließen und die Uni verlassen mussten. Ich denke aber auch an die, die nicht wie ich mit 40 jung genug waren, um alle neuen Möglichkeiten nutzen zu können. Im Osten gab es viel mehr Hochschullehrer und auch Mittelbaupositionen pro Studienplatz als im Westen. Also musste es Stellenabbau geben. Und hierunter hatten auch viele zu leiden, die in der DDR ein aufrechtes Leben führten und – gemessen an den Möglichkeiten – solide Forschung betrieben.

Kosmos: Wie erging es den Mittätern und Opportunisten?
Sauer: Wenn man von den wirklich Überzeugten absieht, waren wir alle, die 1989 eine Stelle in der Akademie oder in der Universität innehatten, Opportunisten unterschiedlichen Grades. Die Unangepassten und völlig Kompromisslosen waren bereits aussortiert. Parteigänger des Systems, die Führungsfunktionen innehatten, hatten ein insgesamt wissenschaftsfeindliches System mitgetragen und mussten sich ihrer strukturellen Verantwortung stellen. Manche haben das getan – der Direktor unseres Instituts hat nach dem Fall der Mauer den Mitarbeitern die Vertrauensfrage gestellt und verloren. Er trat daraufhin zurück – was ich respektabel fand.

Kosmos: Dann gab es noch die „inoffiziellen Mitarbeiter“ der Stasi, also diejenigen, die ihre Kollegen bespitzelten. Was geschah mit ihnen?
Sauer: Motive und Taten konnten sehr unterschiedlich gewesen sein – oft war Erpressung im Spiel. Deshalb wurden Kommissionen gegründet, auch an unserem Institut, und die Aufforderung war: Leute, wer etwas zu bekennen hat, bekenne. Dann prüfen wir alle Umstände und sehen, ob wir Euch vergeben können. Fast niemand hat diese Chance genutzt. Die meisten Namen wurden erst durch Einsicht in die Opferakten bekannt. Auch in meiner Akte fand ich die Berichte von drei Kollegen. Darunter war einer, etwas älter als ich, mit dem ich freundschaftlichen Umgang pflegte und von dem ich noch als Doktorand einiges gelernt hatte. Er hat mich auch auf die Stelle in der Akademie aufmerksam gemacht.

Kosmos: Haben Sie verfolgt, was aus dem Mann wurde?
Sauer: Nein. Für mich hat sich alles glücklich gefügt und so konnte ich – wie viele – meine Energie in den Aufbau von Neuem investieren. Es ging in meinem Fall auch um keine schlimmen Dinge, und die Berichte waren nicht böswillig. Aber es wurde eben über alles und jedes berichtet, und das war gefährlich. Die Stasi hat alles gesammelt, und wenn sie dann irgendwann beschlossen hätte, zersetzende Maßnahmen zu ergreifen oder jemanden zur Mitarbeit zu erpressen, dann hätte sie genau gewusst, wo sie ansetzen konnte. Welche Krankheiten Sie hatten, welche Kontakte Sie pflegten, alles war bekannt.

„Manche resignierten und hatten nicht mehr den Anspruch, an die Spitze zu kommen.“

Kosmos: Trotz mancher Erfolge gibt es nach wie vor ein West-Ost- Gefälle in der deutschen Forschung, wie die geringeren Erfolge in der Exzellenzinitiative zeigen ...
Sauer: Bei der Exzellenzinitiative gibt es auch ein Süd-Nord-Gefälle und die 3. Säule, bei der es um Gesamtkonzepte der Universitäten geht, sollte man ohnehin nicht besonders ernst nehmen. Wichtig ist, dass die Universitäten und außeruniversitären Institute im Osten in der gleichen Liga spielen wie die im Westen. In den USA haben Sie viel größere Leistungsunterschiede als in Deutschland.

Kosmos: Die meisten Geförderten der Humboldt-Stiftung wollen weiterhin lieber in den Westen. Nach dem Mauerfall ging etwa ein Prozent der Humboldtianer an ostdeutsche Universitäten, mittlerweile sind es immerhin neun Prozent ...
Sauer: Na also. Der Trend ist doch das Wichtige. Als Humboldt- Gastgeber hat man in Berlin übrigens keine Schwierigkeiten, Postdocs oder Preisträger aus dem Ausland für einen Aufenthalt zu interessieren. Aber viele Unis im Osten haben ein Bekanntheitsproblem. Der Amerikaner kennt Heidelberg. Und Berlin. Auch München. Aber Greifswald? Oder Rostock? Oder Cottbus? Die Provinz ist nicht bekannt. Es läuft dann nur über konkrete fachliche Kontakte oder über persönliche Beziehungen ehemaliger Humboldtianer. Natürlich auch über die persönliche Reputation des Gastgebers.

Kosmos: Und wie leicht sind Kollegen aus Westdeutschland für eine Stelle im Osten zu begeistern?
Sauer: Bei den ersten Berufungen nach der deutschen Einheit gab es schon junge Kollegen aus dem Westen, die sagten, wenn ich nach Bayreuth gehen kann, komme ich nicht an die Humboldt-Universität – zumal wir den Fehler gemacht hatten, ihnen vorher die Labore zu zeigen (lacht). Mit nationaler Verantwortung waren die nicht zu kriegen. Mittlerweile ist das leichter. Denn im Wissenschaftsbereich haben wir sie tatsächlich, die blühenden Landschaften im Osten – wie unser Institut hier in Berlin-Adlershof zeigt.

Interview: Georg Scholl

aus Humboldt Kosmos 96/2010
Joachim Sauer
Joachim Sauer
Foto: Peter Himsel

Professor Dr. Joachim Sauer ist Professor für Theoretische Chemie an der Humboldt-Universität zu Berlin und vielfacher Humboldt-Gastgeber. Bis zu deren Auflösung arbeitete er an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin. Nach einer kurzen Tätigkeit für ein Unternehmen in San Diego, USA, das Modellierungssoftware für molekulare Strukturen entwickelt, wurde Sauer 1992 Leiter der Arbeitsgruppe Quantenchemie der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin.

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