Titelthema: Glück

Glücksgefühle

Gefühl, Zustand, Einstellung oder Ereignis – was ist eigentlich Glück? Obwohl es ein subjektives Gefühl ist, versuchen Wissenschaftler immer wieder, Glück objektiv zu messen und zu bestimmen, unter welchen Umständen Menschen am glücklichsten sind. Sicher ist: Chemische Substanzen haben große Wirkung auf unser Gefühlsleben. Wer frisch verliebt ist, schüttet zum Beispiel vermehrt die „Glücksstoffe“ Oxytocin und Phenylethylamin sowie körpereigene Endorphine aus. Andere wichtige Stimmungsaufheller sind Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Enkephalin. Aber Glück ist mehr als der richtige Chemie-Cocktail – es ist das Ergebnis eines vielschichtigen Wirkungsgefüges. So hat sich die Glücksforschung über die Jahre zu einem interdisziplinären Forschungsgebiet entwickelt, in dem sich neben Psychologen und Neurologen auch längst Ökonomen und Politologen engagieren.

Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. Menschen, die in dauerhaften Beziehungen leben, sind im Schnitt glücklicher und gesünder als Alleinstehende. Glücksforscher unterscheiden zwischen Glücksmomenten – wie dem Hochzeitstag – und dauerhaftem Lebensglück – zum Beispiel in einer lebenslang glücklichen Partnerschaft.

Oxytocin
Oxytocin
Grafik: Hanauer Grafik Design

Das erste Lächeln, die ersten Schritte, die bedingungslose Liebe des eigenen Kindes – große Glücksmomente für frischgebackene Eltern. Dennoch hat die empirische Glücksforschung längst bewiesen, dass das Elternglück nicht immer ungetrübt ist. Bevor die Prüfungen des Elternlebens wirklich beginnen, sorgt aber das bei der Geburt und bei Körperkontakt verstärkt ausgeschüttete Hormon Oxytocin für Bindung und hilft gegen Depressionen. Dauern Berührungen länger als 20 Sekunden, werden neben dem „Glücksstoff“ Oxytocin auch körpereigene Endorphine ausgeschüttet. Wenn wir einen 500-Euro- Schein genauso lange berühren, geschieht dies nicht.

Dopamin
Dopamin
Grafik: Hanauer Grafik Design

Ein Ort mit magischer Anziehungskraft: In Las Vegas hat schon so mancher das Glück gesucht. Doch zum Scheitern verurteilt sind alle Versuche, das eigene Glück künstlich herbeizuführen – ob am Spielautomaten oder mit chemischen Wirkstoffen, die die körpereigenen „Glückshormone“ ersetzen sollen. Die Suche wird zur Sucht, das Tief, das unweigerlich auf das temporäre Hoch folgt, umso tiefer. Drogenabhängige brauchen den immer größeren Kick. Auch bei Lotto-Millionären pegelt sich das Glücksniveau nach dem anfänglich raketenartigen Anstieg bald wieder auf seinem Normalniveau ein. Der Mensch gewöhnt sich schnell an neue Lebensumstände. Zum Glück gilt das auch umgekehrt – nach einem sozialen Abstieg oder Schicksalsschlag ist das Lebensglück wieder erreichbar.

Noradrenalin
Noradrenalin
Grafik: Hanauer Grafik Design

Der erste Marathon, der letzte noch fehlende Achttausender: Individuelle Höchstleistungen können große Glücksmomente darstellen. Sportler schütten vermehrt das „Glückshormon“ Serotonin aus, bei extremen Anstrengungen auch Endorphine, die wie Drogen wirken und euphorische Zustände auslösen – zum Beispiel das berühmte „Runner’s High“, mit dem Langstreckenläufer belohnt werden, wenn sie sich ausgiebig quälen. Doch auch der Glückszustand, der mit sportlichen Erfolgen einhergeht, ist zeitlich begrenzt. Auf eine Höchstleistung muss schon bald eine noch bessere Leistung folgen, damit der Glückszustand erneuert wird. Aus dem Läuferhoch kann die Laufsucht werden.

Phenylethylamin
Phenylethylamin
Grafik: Hanauer Grafik Design

„Mein Haus, mein Auto, meine Jacht“ – häufig wird das Glück über die erfolgreiche Inszenierung des eigenen Lebenserfolgs definiert. Am glücklichsten aber sind die Menschen, die es schaffen, eine Balance zu finden zwischen dem, was sie haben oder erreichen können, und dem, was sie wollen. Denn auch hier lassen die wissenschaftlichen Untersuchungen keinen Raum für Zweifel: Materieller Wohlstand ist – ab einer gewissen Schwelle – nicht unbedingt glücksfördernd. Sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind, flacht die Glückskurve ab, je mehr man verdient. Und hat man erst einmal etwas erreicht, kann dies schnell bedeutungslos werden. Neue Wünsche kommen auf, vielleicht ist der Nachbar noch erfolgreicher und hat schon bald das größere Haus, Auto oder Boot.

Serotonin
Serotonin
Grafik: Hanauer Grafik Design

Gemeinsam Erlebtes wird intensiver empfunden, nichts macht so glücklich wie Geselligkeit und der Austausch mit Gleichgesinnten. Die Glücksforschung zeigt: Menschen fühlen sich am häufigsten und intensivsten glücklich, wenn sie mit Freunden und Familie zusammen sind. Auch im Zeitalter des Individualismus sind Liebe, Freundschaft, Geselligkeit und Kameradschaft die besten Mittel für Glück. Glückliche Menschen investieren in ihre sozialen Beziehungen, bekommen Unterstützung von Freunden und Familie, fühlen sich geschätzt und gemocht. Noch glücklicher ist, wer das eigene Lebensglück teilt und anderen hilft.

Enkephalin
Enkephalin
Grafik: Hanauer Grafik Design

Gläubige Menschen sind glücklichere Menschen. Glauben heißt Hoffnung, und wer hofft, denkt positiv. Umfragen zeigen: Wer in seinem Glauben ruht, verfügt über einen größeren Puffer gegenüber den Widrigkeiten des Lebens. Zudem gibt es in vielen Religionen seit jeher einen großen Bezug zu intensiv erlebten, rauschartigen Glückszuständen. So beschreiben Mystiker die durch Versenkung und Meditation erlangte Gottesbegegnung als intensiven Glücksmoment oder Ekstase. Dazu trägt auch das körpereigene „Glückshormon“ Serotonin bei, dessen Produktion durch die Meditation angekurbelt wird. Ein Trost für nicht religiöse Menschen: Wichtig für das dauerhafte Glück sind nicht Rausch und Ekstase, sondern Sinn und Bedeutung. Jeder, der erkennt, was ihm im Leben am wichtigsten ist, und sich darauf konzentriert, kann dieses sinnstiftende „Werteglück“ erfahren.

aus Humboldt Kosmos 97/2011