Titelthema: Glück

Lernen macht glücklich

Von Manfred Spitzer

Sind glückliche Menschen gesünder, erfolgreicher und leben sogar länger als unglückliche? Der Psychiater Manfred Spitzer nimmt das Glück wissenschaftlich unter die Lupe und räumt mit der Behauptung auf, dass mit der Schule der „Ernst des Lebens“ beginnt.

Glück und Lernen hängen ganz eng in unserem Kopf zusammen: Der Nucleus accumbens wird aktiviert durch positive Erlebnisse und beschleunigt Lernprozesse.
Glück und Lernen hängen ganz eng
in unserem Kopf zusammen: Der
Nucleus accumbens wird aktiviert
durch positive Erlebnisse und be-
schleunigt Lernprozesse.

Foto: adapted by permission from
Macmillan Publishers Ltd/Nature
Neuroscience 2010

Bereits in den 1970er-Jahren proklamierte der damalige König von Bhutan, einem kleinen buddhistischen Staat im Himalaya-Gebirge, die heute international diskutierte Idee vom „Bruttosozialglück“, das ihm wichtiger war als das Bruttosozialprodukt seines Landes. Was aber genau ist Glück eigentlich? Wie kommt es, dass manche Menschen glücklicher zu sein scheinen als andere? Ist Glück genetisch verankert, kann man es kaufen oder – neuerdings – auf Rezept bekommen? Ist Glück so wie Schönheit: Man sieht sie sofort, kann aber nicht sagen, was es ist? Oder ist Glück wie Sport und Musik: Auf das Tun kommt es an, darüber reden bringt gar nichts? Oder ist Glück gar wie die Stille: Wenn man darüber redet, ist sie weg?

Die Engländer unterscheiden zwischen lucky und happy, also zwischen Glück haben (the lucky winner) und glücklich sein (the happy person). Wir Deutschen haben dagegen nur ein Wort – Glück – für den glücklichen Zufall und das Glücksgefühl. Dies ist jedoch nicht unbedingt eine Unterlassungssünde fehlender sprachlicher Differenzierung, sondern vielmehr ein Beispiel für das, was Philosophen die Weisheit der Sprache nennen. Wie die neurowissenschaftliche Forschung der letzten zehn Jahre gezeigt hat, hängen positive Emotionen sehr eng damit zusammen, dass etwas eintritt, das besser ist als erwartet.

Mit einem Oscar lebt man länger

Glückliche Menschen sind weniger egoistisch, weniger aggressiv, missbrauchen andere weniger und werden seltener krank. Glück ist für ein langes Leben ebenso bedeutsam wie eine gesunde Diät und Lebensweise. Katharine Hepburn gewann vier Oscars und wurde 96 Jahre alt. Dies ist kein Zufall, wie eine Studie an 1 649 Schauspielerinnen und Schauspielern zeigte: Man identifizierte zunächst 762 Oscar-Gewinner für eine Haupt- oder Nebenrolle und suchte dann eine dazu passende Gruppe von Schauspielern und Schauspielerinnen heraus, die in denselben Filmen mitspielten, das gleiche Geschlecht und etwa das gleiche Alter hatten. So erhielt man eine Kontrollgruppe von 887 Schauspielern ohne Oscar. Der Vergleich beider Gruppen ergab eine um knapp vier Jahre höhere Lebenserwartung bei den Oscar-Gewinnern. Und wer mehrere Oscars gewonnen hat, lebt im Schnitt sogar sechs Jahre länger! Zum Vergleich: Könnte man sämtliche Krebserkrankungen bei allen Menschen zu allen Zeiten heilen, würde die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung um zwei bis drei Jahre ansteigen.

„Wissenschaft und Glück, das verhält sich für viele etwa so wie Sauerkraut und Vanillesoße.“

Einer der hartnäckigsten Mythen besteht darin, dass Geld glücklich macht. Er kommt gleich nach dem Mythos, dass Geld nicht glücklich macht. Und nach dem, dass man nach Glück nicht streben darf, sonst würde man unglücklich werden. Viele Menschen verhalten sich so, als dürfe man Glück bloß nicht aktiv suchen, denn dann würde es sich gewiss nicht einstellen. Nichts könnte falscher sein: Wer Ostereier erst gar nicht sucht, der findet auch kaum welche! Und mit dem Glück ist es nicht viel anders.

Man kann eine Menge für sein Glück tun. Man muss nur wissen, was. Und was nicht. Glück hängt also durchaus mit Wissen zusammen, dem Wissen, was man tun kann, um glücklich zu sein. Man findet Antworten auf die Frage nach dem Glück also genau dort, wo man sie zunächst am wenigsten vermuten würde: in der Wissenschaft. Für viele mag das überraschend sein, denn Wissenschaft und Glück, das verhält sich für viele etwa so wie Sauerkraut und Vanillesoße. Wissenschaft ist objektiv, kalt, kopflastig und berechnend, Glück dagegen ist subjektiv, warm und kommt aus dem Bauch. Und dennoch: Menschen sind wie Pflanzen und Tiere das Produkt der Evolution. Daher sind auch unser Gehirn und seine Funktionen nicht völlig einzigartig auf der Welt. Bei Mäusen und Menschen werden positive und negative Emotionen von den gleichen Strukturen des Gehirns hervorgebracht, die auf Belohnung und Bedrohung, auf Sex und sozialen Status in ganz ähnlicher Weise reagieren. Untersucht man diese Mechanismen wissenschaftlich, versteht man besser, warum das Begehren von etwas nicht das Gleiche ist wie dessen Besitz oder Konsum, denn es geht im Gehirn um jeweils andere Funktionen und Zustände. Wollen und mögen, Vorfreude und Freude sind nicht das Gleiche. Beides aber gehört zum Streben nach dem Glück.

Glückserlebnisse lassen sich neurobiologisch durchaus näher beschreiben. Von der Kokaininjektion bei einem Süchtigen im Entzug über das Essen von Schokolade, das Musikhören, das Bewerten schneller Autos, das Gewinnen eines Videospiels bis hin zu einem netten Blick oder Wort: Bei positiven Erlebnissen kommt es zu einer Aktivierung des Nucleus accumbens, einer Struktur tief unten mitten im Gehirn.

Tod durch Lustgewinn

Im Jahr 1954 wurde erstmals publiziert, dass Ratten die elektrische Stimulation dieses Gehirnbereichs sehr mochten. Die Tiere konnten per Knopfdruck ihre eigenen Neuronen selbst stimulieren. Sie drückten den Knopf immer wieder, aßen und tranken nicht und starben, weil sie schlichtweg nichts weiter taten, als sich permanent ganz offensichtlich höchsten Lustgewinn durch Stimulation ihres Lustzentrums zu verschaffen. Wie sich bald zeigte, erregten Suchtstoffe dieses Zentrum ebenfalls, das daher auch Suchtzentrum genannt wurde. Unklar blieb jedoch, warum ein solches Zentrum im Verlauf der Evolution entstanden sein sollte. „Zur Ermöglichung von Suchtkrankheiten“ konnte die Antwort nicht lauten.

„Der Nucleus accumbens ist weder Lust- noch Suchtzentrum und eigentlich nur nebenbei Glückszentrum. Es handelt sich vielmehr um unseren gehirneigenen Lernturbo.“

Wie sich in den letzten zehn Jahren herausgestellt hat, werden durch die Aktivierung des Nucleus accumbens Lernprozesse stark beschleunigt. Das Gehirn löst mit seiner Hilfe eine sehr wichtige und zugleich schwierige Aufgabe. In jeder Sekunde strömen unglaublich viele Informationen ein, die nicht alle verarbeitet werden können, und so entsteht das Problem der Auswahl: Was soll weiter verarbeitet werden und was nicht? Es bedarf daher eines Moduls, das bewertet und vergleicht. Solange alles nach Plan läuft und nichts geschieht, was wir nicht schon wüssten, tut dieses Modul nichts. Geschieht jedoch etwas, das besser ist als erwartet, wird das Modul aktiv und wir werden aufmerksam, wenden uns dem Erlebnis zu und verarbeiten es besser. Und das Wichtigste: Wir lernen besser. Auf diese Weise lernen wir langfristig alles, was gut für uns ist. Der Nucleus accumbens ist also weder Lust- noch Suchtzentrum und eigentlich nur nebenbei Glückszentrum. Es handelt sich vielmehr um unseren gehirneigenen Lernturbo!

Die schlechte Nachricht: Beim Modul unseres Gehirns, das für Glückserleben zuständig ist, geht es nicht um Dauerglück sondern um dauerndes Streben nach interessanten Neuigkeiten. Die gute Nachricht: Wer begriffen hat, dass Lernen und Glück ganz eng in unserem Kopf zusammenhängen, der weiß, dass Glückserlebnisse ein Leben lang immer wieder möglich sind. Man findet Antworten auf die Frage nach dem Glück also genau dort, wo viele sie am wenigsten vermuten würden: beim Lernen! Neurobiologisch betrachtet ist daher die Bezeichnung der Schule als „Ernst des Lebens“ ziemlich daneben.

Was wissen wir noch? Erstens: Beginnen wir beim Geld. Geld ist nicht dasselbe wie Glück. Die 100 reichsten Amerikaner sind nur geringfügig glücklicher als der Durchschnittsamerikaner, dessen Reichtum sich von 1957 bis 1996 verdoppelt hat, dessen Selbsteinschätzung als „sehr glücklich“ jedoch im selben Zeitraum abnahm. In den meisten Ländern (mit Ausnahme mancher ganz armer Länder) findet man praktisch keinen Zusammenhang zwischen dem Einkommen und dem Glück der Leute. Immer mehr Geld und Wohlstand machen uns also nicht immer glücklicher.

Zweitens: Bei der Beurteilung unseres eigenen Glücks liegen wir meist richtig daneben. Eine Million Dollar machen uns kaum glücklicher. Aber zehn unverhofft gefundene Cent lassen uns unser gesamtes vergangenes Leben glücklicher erscheinen. Glück ist weder linear noch additiv.

„Nachhaltiges Glück hat mit Sinn und Bedeutung sehr viel, mit Konsum und Genuss nur wenig zu tun.“

Drittens: Man strebt nach vielem, aber nicht alles, wonach man strebt, macht glücklich. Unser gehirneigenes Glückszentrum lässt uns nach Suchtstoffen streben, aber kaum ein vernünftiger Mensch würde einen Heroin- oder Kokainsüchtigen als erstrebenswertes Modell für die eigene glückende Lebensgestaltung akzeptieren. Warum eigentlich nicht? Der Grund liegt in der Funktion des Glückszentrums, das – wie bereits erwähnt – eigentlich ein Lernzentrum ist: Es sorgt zwar für Euphorie und positive Emotionen, aber im Normalfall nur in Begleitung zum Lernen. Suchtstoffe usurpieren dieses Modul gewissermaßen und entkoppeln den positiven Affekt vom Lernvorgang. Was bleibt, ist ein leerer, sinnloser positiver Affekt. Und der Verlust aller positiven Erlebnisse, für die das Modul normalerweise zuständig ist – allen voran die (immer neuen Erfahrungen in der) Gemeinschaft mit anderen.

Viertens: Die meisten Menschen glauben, dass sie zukünftig glücklicher sein werden als jetzt, sind es aber dann später nicht. Die Menschen neigen dazu, den Einfluss von Lebensereignissen auf ihr Glück zu überschätzen.

Fünftens: Glückliche Menschen sind körperlich und geistig gesünder, erfolgreicher beim Lernen und bei der Arbeit, kreativer, populärer, geselliger, seltener kriminell oder süchtig, und sie leben länger. Nach dem Glück zu streben ist also längst nicht so selbstsüchtig, wie es klingt. Glückliche Menschen sind die besseren Menschen, in jeder Hinsicht.

Sechstens: Nachhaltiges Glück hat daher mit Sinn und Bedeutung sehr viel, mit Konsum und Genuss nur wenig zu tun. Und glücklicherweise betrifft die hedonistische Tretmühle – man kauft und kauft und wird unglücklicher – nicht alle Erlebnisse: Das Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, Sex, ja sogar die Qualität und Sicherheit unserer Arbeit stellen Erfahrungen dar, an deren positive Auswirkungen wir uns nicht gewöhnen. Glück rührt also von unseren Erfahrungen her, vor allem von unseren Erfahrungen mit anderen Menschen. Wie wir uns dabei verhalten, haben wir selbst in der Hand. Daher hatte Abraham Lincoln recht, wenn er sagte: „Most people are about as happy as they make up their minds to be.“ Und der Dichter Walter Savage Landor nahm die hedonistische Tretmühle vorweg, als er sagte: „We are no longer happy so soon as we wish to be happier.“

Nehmen wir noch Benjamin Franklins Kommentar zur amerikanischen Verfassung („The Constitution only guarantees the American people the right to pursue happiness. You have to catch it yourself.“), dann kann man diese Überlegungen nur mit Leo Tolstoi beenden: „Wenn Du glücklich sein willst, sei!“

aus Humboldt Kosmos 97/2011
Manfred Spitzer
Manfred Spitzer
Foto: privat

Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer lehrt Psychiatrie, ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik und Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Von 1989 bis 1990 forschte er als Feodor Lynen-Forschungsstipendiat an der Harvard University in Cambridge, USA.

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