Titelthema: Warum ist Aachen besser als New York?

Familienplanung für Wissenschaftler

Von Britta Mersch

Private Argumente spielen bei Berufungen oft eine entscheidende Rolle. Die Universitäten reagieren darauf – und bieten den Partnern von Forschern gleich auch eine Stelle an. „Dual Career“ heißt das neue Zauberwort.

Die Humboldt-Stipendiaten Yuling Wang und Hongjun Chen mit ihrem Sohn Borui
Endlich am gleichen Ort: Die Hum-
boldt-Stipendiaten Yuling Wang
und Hongjun Chen mit ihrem Sohn
Borui

Foto: Christian Pankratz

Jetzt also Osnabrück: Yuling Wang und Hongjun Chen aus China waren jahrelang in der Welt unterwegs, unter anderem forschten sie in China am Changchun Institute of Applied Chemistry und in den USA an der Purdue University. Beide sind Mitte 30, beide promoviert, beide forschen über Nanotechnik. Und sie haben einen gemeinsamen Sohn. „Wegen unserer Karrieren waren wir schon viele Monate voneinander getrennt“, sagt die 36-jährige Yuling Wang, „aber wir versuchen, möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen.“ Das klappt jetzt in den Städten des Westfälischen Friedens: Beide Humboldt-Stipendiaten leben in Osnabrück, wo Yuling Wang am Fachbereich Physik der Universität arbeitet, ihr Partner Hongjun Chen pendelt zum Institut für Materialphysik der Uni Münster.

Doppelte Karrieren wie diese werden immer häufiger – und sie bieten den Universitäten eine enorme Chance im Wettbewerb um die besten Wissenschaftler. Denn nicht immer zählt, wie hoch das Gehalt oder wie prestigeträchtig die Adresse ist, wenn sich Forscher für eine neue Hochschule entscheiden. Oft sind familiäre Argumente mindestens ebenso wichtig. Wenn Universitäten nicht nur ihren Wunsch-Professor anwerben, sondern auch seinem Partner eine berufliche Perspektive bieten, erleichtern sie die Entscheidung für einen Umzug. Dazu haben zahlreiche Hochschulen in Deutschland Dual-Career-Büros eingerichtet. Die kümmern sich darum, dass die Wissenschaftler einen guten Start haben.

Rund 40 dieser Service-Stellen gibt es inzwischen an deutschen Hochschulen. Die Mitarbeiter der Dual-Career-Büros müssen erfolgreiche Netzwerker sein, damit sie auch für die Partnerin oder den Partner der neu berufenen Forscher ein passendes Jobangebot finden. Bei Forschern gelingt das häufig an der eigenen Universität, wenn die Partner aber keine Wissenschaftler sind, suchen die Dual-Career-Experten auch in anderen Branchen. „So können sich beide verwirklichen „, sagt Kerstin Dübner-Gee, Sprecherin des Dual Career Netzwerks Deutschland, „auch wenn sie ganz unterschiedliche Berufe haben.“ Das kommt ihrer Beobachtung nach häufig vor – und die Probleme sind die gleichen wie bei reinen Forscher-Paaren: Die Partner sind häufig in immer neue Uni-Städte mitgekommen, auch wenn sie dort selbst keinen Job hatten.

Dübner-Gee hat an der Technischen Universität München eines der ersten Dual-Career-Büros aufgebaut. Ihr Service kommt nicht nur den international renommierten Spitzenkräften zugute, sondern auch schon Nachwuchswissenschaftlern. Wie wichtig das ist, merkt Dübner-Gee in ihren Gesprächen immer wieder: Ihr sitzen junge Forscher gegenüber, die oft aus befristeten Arbeitsverhältnissen kommen und über Jahre hinweg viel Kraft aufgewendet haben, um sich beruflich zu etablieren; eine Situation, die häufig auch das private Umfeld strapaziert. Denn Partner von Wissenschaftlern wissen nie, ob es sich lohnt, beruflich in einer Stadt Fuß zu fassen – oder ob in ein paar Monaten schon wieder der nächste Umzug ansteht. Diese Unsicherheit nimmt noch zu, wenn beide Partner in der Wissenschaft ihre Karriere machen: Damit sind oft Fernbeziehungen zwischen zwei Staaten programmiert.

Wie belastend das ist, haben etwa Yuling Wang und Hongjun Chen über Jahre hinweg selbst erfahren, die beiden Nanotechniker aus Osnabrück. Nach vielen Jahren des wissenschaftlichen Nomadentums, wie es in der Branche oft spöttisch genannt wird, wollten sie mit ihrer kleinen Familie endlich in die gleiche Stadt. „Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir alles organisieren sollen“, sagt Yuling Wang, „und sind dankbar für die Hilfe, die wir bekommen haben.“

aus Humboldt Kosmos 98/2011