Titelthema: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst - Wissenschaft ökonomisch betrachtet

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Von Wolfgang Leininger

Der freie Wettbewerb wird es richten, so das Mantra der Ökonomen. Doch gilt dieses Patentrezept auch für die Wissenschaft? Ein Ausflug in einen Markt mit ganz eigenen Regeln, in dem die Leitwährung Reputation heißt und wo dabei sein wenig und Erster sein alles ist.

Illustration: Katharina Gschwendtner
Illustration: Katharina Gschwendtner
 

Wissenschaft und Wissenschaftler – so suggerieren schon die Bezeichnungen – „schaffen“ oder produzieren Wissen. Von diesem Gut kann die heutige, schon floskelhaft gewordene Wissensgesellschaft offenbar nicht genug bekommen, sodass man sagen könnte, Wissen ist per se immer knapp, obwohl es unbegrenzt haltbar und ständig vermehrbar ist! Schon Goethe kam zu dem Befund: „Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen“ (Faust I).

Für Knappheitsprobleme aller Art haben Ökonomen in der Regel ein Patentrezept: die Einrichtung von Wettbewerbsmärkten, in denen die Produktion und Verteilung des betreffenden Gutes mithilfe von Preisen geregelt werden. Diese setzen die richtigen Anreize auf Angebots- wie Nachfrageseite, was zu einem effizienten Ressourceneinsatz in einem Wettbewerbsgleichgewicht führt. Eine solche Sicht der gesellschaftlich segensreichen Wirkung von Wettbewerb in Märkten ist allerdings an Voraussetzungen gebunden, die in der Wissenschaft nicht vorliegen. Es ist daher falsch, die allgegenwärtige Diskussion um mehr Wettbewerb in der Wissenschaft und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Universitäten mit kruden Marktvorstellungen in Verbindung zu bringen oder gar zu begründen.

„Es ist falsch, die Diskussion um mehr Wettbewerb in der Wissenschaft mit kruden Marktvorstellungen zu begründen.“

Wissen hat die Eigenschaft eines öffentlichen Gutes: Es wird nicht weniger für den einzelnen Nutzer, wenn es unter mehreren Nutzern geteilt werden muss. Zusammen mit dem Umstand, dass andere vom Gebrauch existierenden Wissens nur schwer ausgeschlossen werden können, verhindert dies die Einrichtung eines funktionierenden Marktes. Es gibt zwar viele Nachfrager für das Gut, aber zu wenige sind bereit, einen kostendeckenden Marktpreis dafür zu entrichten. Ein weiterer Nutzer verursacht ja auch keine zusätzlichen Kosten, sodass die Anbieter nicht bereit sind, es auch anzubieten beziehungsweise es zu produzieren. Die Produktion des Gutes muss daher vom Staat finanziert werden.

Illustration: Katharina Gschwendtner
Illustration: Katharina
Gschwendtner

Wettbewerb ja, Markt nein

In der Wissenschaft hat sich unterdessen eine ganz eigene, nicht marktbasierte Wettbewerbsform entwickelt, die auf einem nicht monetären Anreizsystem beruht. Dieses vergibt auf eigenartige Weise Eigentumsrechte und erzeugt dadurch gleichzeitig gesellschaftlich erwünschte immaterielle Anreize zur Produktion von Wissen. Für Wissenschaftler ist es entscheidend, mit einer Entdeckung oder Einsicht der Erste zu sein. Wenn aber zeitliche Priorität das wettbewerbliche Kriterium zur Ermittlung des Siegers ist, dann muss Wissen möglichst schnell nach der Produktion durch die Wissenschaftler auch kommuniziert und öffentlich gemacht werden. Gesellschaftlich ist dies in höchstem Maße erwünscht, weil effizient. Der zunächst immaterielle Lohn für den Sieger besteht in der Anerkennung der scientific community, der Erste zu sein. Diese Anerkennung verleiht den Wissenschaftlern so etwas wie ein intellektuelles Eigentumsrecht an der neuen Erkenntnis, das als Anreiz weit effektiver (und kostengünstiger) ist als beispielsweise die formale Zuerkennung von Patentrechten im technologischen Bereich.

Die Zuschreibung solcher Eigentumsrechte beginnt mit der Publikation nach peer review. Das Eigentumsrecht an der Erkenntnis wird paradoxerweise gerade dadurch erlangt, dass man sie möglichst schnell preisgibt. Dieser Anreiz ist auch ein Grund dafür, dass Wissenschaftler an Universitäten fast ständig über zu wenig Zeit für die Forschung klagen und Müßiggang sowie Trittbrettfahrerverhalten (das eigentliche Problem bei der Bereitstellung öffentlicher Güter in Märkten) gänzlich unterdrückt werden.

Erst die Reputation, dann das Geld

Je mehr intellektuelle Eigentumsrechte einem Wissenschaftler von der scientific community zuerkannt werden, desto höher seine Reputation, welche mittelbar auch seine materielle Entlohnung in Form von erzielbarem Einkommen bestimmt. Zur Messung von Reputation dienen Indikatoren wie Wertigkeit von Publikationsorganen und Anzahl von Zitationen, die die Arbeiten später erreichen. Es entsteht daher ein Statuswettbewerb, in dem insbesondere die Vergabe von Preisen als ein wichtiger nicht materieller Anreiz dient.

Illustration: Katharina Gschwendtner
Illustration: Katharina
Gschwendtner

Es gibt keinen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem so viele Auszeichnungen vergeben werden wie in der Wissenschaft. Mehr als die Hälfte aller Preise, die in Deutschland verliehen werden, erhalten Wissenschaftler. Und in der Tat hat im Zuge der wettbewerbsfördernden Maßnahmen die Zahl der Wissenschaftspreise exorbitant zugenommen. Konferenzen vergeben Best Paper-Preise, Journale Best published Paper of the Year-Preise, eine besondere Kategorie darunter sind die Best Young Author-Preise. Auch das bedeutende Reformvehikel Exzellenzinitiative in der deutschen Wissenschaft, das nun auch in anderen Ländern wie Frankreich genutzt wird, erzeugt durch die Vergabe des Exzellenz-Siegels in erster Linie Reputation und erst nachgelagert (viel) Geld. Sie dehnt das immaterielle Anreizsystem der Wissenschaft vom Einzelnen auf Organisationseinheiten, ja ganze Universitäten aus. Auch die Anzahl wissenschaftlicher Zeitschriften hat im Zuge der Wettbewerbsverschärfung – zusätzlich begünstigt durch neue Technologien wie das Internet – stark zugenommen.

Diese Tendenz gibt auch Anlass zur Sorge. Denn ein weiteres Charakteristikum des nicht marktbasierten Wettbewerbs um Priorität ist seine winner-take-all- Natur: Es gibt keine, jedenfalls in Relation zum Sieger, nennenswerte Entlohnung für den Zweiten. Das hat zum einen den Grund, dass der erzeugte gesellschaftliche Mehrwert durch eine zum zweiten oder gar dritten Mal gemachte Entdeckung vernachlässigbar ist. Zum anderen sind wissenschaftliche Produktion und Anstrengungen von Wissenschaftlern nicht hinreichend beobachtbar, um klare Zuschreibungen von Teilergebnissen vorzunehmen. Diese Struktur macht die Tätigkeit von Wissenschaftlern nicht nur extrem risikoreich, sondern führt auch zwangsweise zu Ungleichheit: Es ist bezeichnend für winner-take-all-Wettbewerbe, dass sie geringe Unterschiede in Fähigkeiten und Anstrengungen in sehr große Unterschiede in der Entlohnung übersetzen (hier: alleinige Zuerkennung des intellektuellen Eigentumsrechts), die dann auch noch die Tendenz haben, sich selbst zu verfestigen (success breeds success ist in der Wissenschaft als Matthäus-Effekt sehr gut belegt). Es wird sich noch zeigen, inwieweit sich diese statistische Gesetzmäßigkeit auch in der Exzellenzinitiative bewahrheiten wird.

„Die tradierte Universitätskultur wird nicht überleben können. Viele beklagen dies, anderen erscheint es überfällig.“

Den diesem risikoreichen Wettbewerb ausgesetzten Wissenschaftlern wurde bisher eine Sicherheit durch ein relativ wenig gespreiztes Gehaltssystem geboten, das eine auskömmliche Grundentlohnung weitgehend unabhängig von Erfolgen im Wettbewerb um Reputation durch Forschungserfolge garantierte. Diese Entlohnungsstruktur hatte das Leben in der Gelehrtenrepublik respektive dem Elfenbeinturm Wissenschaft nachhaltig geprägt; es zeichnete sich durch mannigfache reziproke Austauschverhältnisse aus und dies weit über den engeren Rahmen der Dienstpflichten zur akademischen Selbstverwaltung hinaus. Diese tradierte Universitätskultur wird nicht überleben können. Viele beklagen dies, anderen erscheint es überfällig.

Ranking-Manie und Publikationsdruck

Die Rückführung der Sicherheitskomponente im Gehaltssystem und die gleichzeitige direkte Verknüpfung von (Publikations-) Erfolg im Statuswettbewerb und Einkommen durch Zulagen verschärft den ohnehin schon antagonistischen „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“-Wettbewerb – und damit den Publikationsdruck – in dramatischer Weise. Die verbreitete Ranking-Manie und ihre Ausdehnung auf Institutionen tun ein Übriges. Die Anreize zu wissenschaftlichem Fehlverhalten und Betrug steigen dadurch in bedenklicher Weise. Die jetzt schon sichtbare Häufung von Fälschungs- und Plagiatsskandalen ist ein Symptom dafür. Auch die akademische Freiheit engt sich dadurch selbst ein. Der Verfasser dieses Beitrags wird als Managing Editor einer Zeitschrift neuerdings von abgelehnten Autoren gebeten, ihnen doch einfach zu sagen, was gewünscht wäre, man würde dem folgen. Das Ziel ist offenbar, in Rankings voranzukommen, und weniger der wahre eigene Erkenntnisgewinn.

Illustration: Katharina Gschwendtner
Illustration: Katharina
Gschwendtner

Wo bleiben bei dieser zunehmenden Betonung extrinsischer Motivationssysteme die gerade an und von Wissenschaftlern viel gerühmte intrinsische Motivation und die Lust an Problemlösungen, die umso größer ist, je schwieriger das Problem und je länger die Bearbeitungsdauer? Sie werden von der neuen institutionellen Governance der Wissenschaft zu wenig bedacht. Wissenschaftler, die zu sehr auf rein ökonomische Anreize reagieren, dienen dem Wohl der Wissenschaft nicht in bester Weise und – auf längere Sicht – auch nicht dem der Gesellschaft. Radikale Vorschläge, die den Wettbewerb um Priorität gänzlich abschaffen wollen (wie die Forderung, die Arbeiten von Wissenschaftlern nicht nur anonym zu begutachten, sondern im Erfolgsfalle auch anonym zu publizieren), helfen aber sicherlich nicht. Es kommt auf die Balance der Anreize an. Sie zu finden, ist eine der wichtigsten Aufgaben für Wissenschaft und Politik.

aus Humboldt Kosmos 99/2012
Wolfgang Leininger
Wolfgang Leininger
Foto: privat

Professor Dr. Wolfgang Leininger ist Mitglied des Auswahlausschusses für die Vergabe von Forschungspreisen der Humboldt-Stiftung. Er lehrt Volkswirtschaftslehre und Mikroökonomie an der Technischen Universität Dortmund.