Titelthema: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst - Wissenschaft ökonomisch betrachtet

Lehren aus der Krise

Von Claudia Buch

Die Ökonomen und ihre Prognosen stehen seit Beginn der Finanzmarktkrise in der Kritik. Die Disziplin nutzt dies als Chance, bestehende Instrumente zu verbessern und neue Modelle zu entwickeln, die beispielsweise auch das menschliche Verhalten und die Psychologie der Märkte berücksichtigen.

Im Zusammenhang mit der nunmehr seit einem halben Jahrzehnt andauernden Krise auf den internationalen Finanzmärkten ist wiederholt der Vorwurf zu hören, die Ökonomen wendeten die falschen Modelle der Wirtschaft an oder hätten nicht hinreichend deutlich vor Fehlentwicklungen gewarnt. Dieser Vorwurf hat zu einer Debatte in den Wirtschaftswissenschaften geführt, die letztlich auch neue Wege in Wissenschaft und Politikberatung eröffnen dürfte.

Für den Erfolg zukünftiger Forschung wird entscheidend sein, dass eine ausreichend große Zahl unterschiedlicher Methoden im Wettstreit miteinander steht. Die aktuelle Krise hat viele Dimensionen – eine Krise der Banken und der Staatsfinanzen, Zahlungsbilanzprobleme im Eurogebiet, eine umfassende Notwendigkeit der Reformen europäischer Institutionen und nicht zuletzt auch eine Diskussion um die Vor- und Nachteile internationaler Integration. Angesichts dieser Wechselwirkungen ist es zwangsläufig schwierig, Krisen mit hinreichend großer Genauigkeit zu prognostizieren oder Regeln zu finden, mittels derer die Auswirkungen von Krisen reduziert werden können. Entsprechend komplex sollte das Methodenspektrum in der Theorie und Empirie sein, das wir brauchen, um die relevanten Fragestellungen zu adressieren.

„Die Vorwürfe gegen die makroökonomischen Modelle sind zu pauschal.“

Ein wichtiges Forschungsziel ist es, komplexe Interdependenzen zwischen Akteuren auf Mikro- und Makroebene zu erfassen. Hier gibt es etwa bei der Analyse von Netzwerkeffekten interessante, auch interdisziplinäre Ansätze. Beispielsweise kann untersucht werden, wie sich Schocks, die einzelne Banken treffen, auf die Stabilität des Finanzsystems insgesamt auswirken. Da wirtschaftliche Systeme aber immer auch Systeme sind, in denen soziale und psychologische Faktoren eine Rolle spielen, können rein mechanische Modelle von Netzwerken ökonomische Interaktionen nicht ausreichend abbilden. Parallel dazu ist insbesondere experimentelle Forschung nötig, um relevante Aspekte menschlichen Verhaltens besser verstehen zu können. Beispielsweise wird in Laborexperimenten der Frage nachgegangen, unter welchen Bedingungen sich Personen altruistisch verhalten. Schließlich spielen auch politökonomische Aspekte eine wichtige Rolle. Im Bereich der Modellierung von Risiken und Friktionen auf den Finanzmärkten liefert die aktuelle Forschung derzeit eine Reihe wichtiger Erkenntnisse. So untersuchen neuere Arbeiten beispielsweise die Wechselwirkung von Risiken im Banken- und Staatssektor, wie wir sie derzeit im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise beobachten.

Der Vorwurf, makroökonomische Modelle berücksichtigten Finanzmärkte in zu geringem Maße, ist zu pauschal. In zahlreichen Veröffentlichungen wurden insbesondere die Erfahrungen mit Banken- und Finanzmarktkrisen in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgearbeitet, anhand derer das Wechselspiel zwischen Finanzmärkten und makroökonomischen Entwicklungen analysiert werden kann. Die dort entwickelten Modelle wurden allerdings in erster Linie auf Schwellen- und Entwicklungsländer bezogen und oftmals kaum in Beziehung zu entwickelten Volkswirtschaften gesetzt. Entsprechend wird gegenwärtig an einer umfangreichen Forschungsagenda gearbeitet, die passendere Modelle zur Erklärung der aktuellen Entwicklungen liefern soll. Diese Modelle können jedoch nicht das Ziel haben, die komplexe Realität abzubilden, sämtliche Interaktionen zu erfassen und politische Entwicklungen einzubeziehen. Vielmehr müssen sie darauf ausgerichtet sein, die wichtigsten Mechanismen zu identifizieren, in theoretische Modelle zu integrieren und empirisch zu beschreiben.

Europa muss reformiert werden

Welche Lehren sollten wir aus diesen Überlegungen ziehen? So wichtig eine Methodendiskussion an sich ist, so darf darüber die Lösung der derzeit akuten wirtschaftlichen Probleme nicht aus dem Fokus geraten. Es stehen wichtige Themen an, die von Verteilungsfragen über die zukünftige Regulierung internationaler Finanz- und Gütermärkte bis hin zu Reformen europäischer politischer Institutionen reichen. Die Wirtschaftswissenschaften können hierzu bereits mit den vorhandenen Methoden wichtige Beiträge leisten, gleichzeitig wird die Beschäftigung mit der aktuellen Situation die Forschung weiter voranbringen. Zu fragen ist dabei aber auch, wie die wirtschaftspolitische Umsetzung bestehender Erkenntnisse und der Prozess der Politikberatung verbessert werden können. Viele Fehlentwicklungen auf den Märkten deuteten sich vor der Krise bereits an; es ist letztlich auch eine gesellschaftspolitische Frage, warum Warnungen nicht in ausreichendem Maße ausgesprochen und aufgegriffen wurden. Aktuell schwingt das Pendel möglicherweise in die andere Richtung, und es besteht die Gefahr, dass funktionierende Marktmechanismen aus Furcht vor weiteren Krisen außer Kraft gesetzt werden.

aus Humboldt Kosmos 99/2012
Claudia Buch
Claudia Buch
Foto: Uta Wagner

Professorin Dr. Claudia Buch hat den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Tübingen inne und leitet dort das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung. Im März 2012 wurde sie als Wirtschaftsweise in den Sachverständigenrat der Bundesregierung berufen. Sie nahm am TransCoop-Programm der Humboldt-Stiftung teil.