Max-Planck-Forschungspreisträger 2015

Hans Joas und Bryan S. Turner

Religion und Moderne: Säkularisation, gesellschaftliche und religiöse Pluralität

Professor Dr. Hans Joas


Hans Joas
Foto: Britt Schilling

Zwischen Religion und Moderne entstehen oft Spannungsfelder, in denen sich nicht-gläubige und religiös geprägte Menschen verständnislos, wenn nicht gar feindlich gegenüber stehen; ebenso Angehörige unterschiedlicher Religionen. Hans Joas betrachtet nicht die Gräben, sondern sucht nach dem Verbindenden.

Ein wichtiger Ansatz, den er dazu entwickelt hat, ist ein Stufenmodell, mit dem man religiöse Erfahrungsmuster deuten und beschreiben kann. Den Ausgangspunkt aller religiösen Erfahrung sieht Joas in der Selbsttranszendez. Damit meint er die psychologische Beschreibung eines Phänomens, das wohl jeder Erwachsene in seinem Leben schon erfahren hat: beispielsweise als Naturerfahrung mit dem Gefühl am Meer, auf einem Berggipfel oder im tiefen Wald mit der Natur zu verschmelzen. Sich-verlieben zählt Joas ebenfalls zu dieser Kategorie, ebenso wie den Tod eines nahestehenden Menschen zu erleben. Indem er die Erfahrungen der Selbsttranszendenz ins allgemeine Bewusstsein ruft, schafft Joas eine Basis für ein wechselseitiges Verständnis von Gläubigen und Nicht-Gläubigen.

Der religiöse Glaube geht allerdings weit über die Erfahrung der Selbsttranszendenz hinaus. Gläubige Menschen deuten sie anders und können dadurch das erleben, was Joas "sakramentale Erfahrung" nennt, die zweite Stufe in seinem Modell. Sehr anschaulich hat Joas das einmal in einem Interview am Beispiel des Gebets erklärt: "Wir wissen, dass viele nicht-gläubige Menschen eine leichte Tendenz haben, gelegentlich einmal zu beten. Für den Gläubigen aber, der wirklich annimmt, dass da ein Gegenüber ist, ein Gott, besteht die Möglichkeit, dass er eine Antwort bekommt. Insofern erweitert der Glaube die Erfahrungsmöglichkeiten des Menschen."

In der dritten Stufe des Modells kommt schließlich Transzendenz im religiösen Sinn ins Spiel. Transzendenz bedeutet, dass Gott, die Götter oder das göttliche Prinzip nicht einfach Teil des menschlichen Universums, seines Wissens und Erfahrungshorizonts sind, sondern darüber stehen. So, wie es auch in der Bibel heißt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Die Idee der Transzendenz kam in der Antike, in der sogenannten "Achsenzeit" zwischen 800 und 200 vor Christus auf, in der auch die großen Weltreligionen, wie Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus ihre Wurzeln haben. Joas sieht die Transzendenz als „tiefe Gemeinsamkeit“ zwischen Weltreligionen, die einen friedlichen Dialog ermöglicht.

Hans Joas ist jedoch viel zu sehr Realist, als dass er sein Modell für die Lösung der aktuellen religiös aufgeladenen Konflikte halten würde. Wie er betont, lässt sich der politische Islamismus keinesfalls rein aus religionssoziologischer Sicht verstehen. Stattdessen müsse man das gesamte Geflecht historischer, politischer und militärischer Faktoren in den Blick nehmen. Die Zukunft, betonte Joas im Interview, sei weniger abhängig von einem interreligiösen Dialog als von politischen Entscheidungen.

In jüngerer Zeit hat Hans Joas mit einem weiteren Ansatz Aufmerksamkeit erregt, mit dem er wiederum Religion und Moderne zusammenführt. Dabei geht es um die Menschenrechte, ihre Herleitung und damit auch ihre universelle Gültigkeit. Bisher wurde der Ursprung der Menschenrechte meist in der Aufklärung und der christlichen Tradition gesehen. Dadurch bekommen die Menschenrechte jedoch schnell das Etikett "westlich". Sehr leicht lässt sich damit begründen, sie seien in anderen Kulturkreisen nicht anwendbar.

Joas setzt dem eine ganz neue Herleitung entgegen: Er legt dar, dass die Menschenrechte im 18. Jahrhundert durch eine kulturelle Veränderung entstanden sind: nämlich der Vorstellung von der Sakralisierung des Menschen. Nach und nach habe sich die Ansicht durchgesetzt, dass jede einzelne Person in ihrer Individualität als einzigartig und damit in gewisser Weise als heilig gilt. Joas zeigt mit diesem Ansatz, dass die Menschenrechte in den säkularisierten Ländern Europas wie Glaubenssätze wirken. Die Basis für diese Sakralisierung sieht Joas schon lange vor Christus: in der antiken Philosophie und der Bibel, aber zusätzlich auch in anderen Kulturräumen wie in Indien im Buddhismus oder in China im Konfuzianismus.

Website der Humboldt-Universität zu Berlin, Theologische Fakultät

Professor Dr. Bryan S. Turner

Bryan S. Turner
Foto: Universität Potsdam/
K. Fritze

Es ist ein breites Spektrum an Themen, mit dem sich Bryan S. Turner auseinandergesetzt hat: vom Islam über die Zusammenhänge von Religion und Politik bis hin zu einer Soziologie der Menschenrechte. Damit gilt Turner weltweit als einer der bedeutendsten Religionssoziologen unserer Zeit.

Bereits mit seiner ersten größeren Veröffentlichung hat Bryan S. Turner Standards gesetzt: Mit "Weber and Islam: A Critcal Study" von 1974 begann er, den Islam als Thema soziologischer Analysen zu etablieren – und das zu einer Zeit, als diese wichtige Weltreligion kaum wissenschaftliche Beachtung fand. Er hat sich seither immer wieder mit dem muslimischen Glauben befasst und dafür zahlreiche Faktoren wie Kapitalismus, Orientalismus, Moderne, Gender und das Bürgertum einbezogen.

Während Religionen im ausgehenden 20. Jahrhundert kaum eine Rolle spielten, änderte sich das schlagartig mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Turners Analysen waren plötzlich gefragt. "Das war eines dieser Ereignisse, für das die Redewendung ‚danach war nichts mehr, wie es vorher war‘, tatsächlich zutrifft", beschreibt der Soziologe, wie er 9/11 erlebte. "Alle Religionen stehen jetzt in der öffentlichen Aufmerksamkeit, und sie schaffen ein neues politisches Klima, das bedrohlich wirken kann. Aber sie eröffnen auch neue Chancen für die Entwicklung der Zivilgesellschaft."

Neben dem Islam als neues Forschungsfeld hat Bryan S. Turner die gesamte Religionssoziologie nachhaltig geprägt. Eine elementare Rolle spielte dabei, dass er die Bedeutung des Körpers in die Untersuchung von Religionen wiedereinführte. Zuvor war das Verständnis ganz wesentlich vom Protestantismus geprägt, der Religion ausschließlich über Werte, Normen und die Kultur charakterisiert. Turner hat dagegen die Körpergebundenheit von religiösen Zeremonien und Praktiken herausgearbeitet und sie erfolgreich in die sozialwissenschaftliche Debatte eingebracht. Gerade vor dem Hintergrund religiöser Konflikte hat diese Sicht auf die Körperlichkeit heute eine große Bedeutung für das Verständnis religiös motivierter Gewaltbereitschaft.

Bryan S. Turner befasst sich darüber hinaus mit den Zusammenhängen von Religion, Moderne und Säkularisierung sowie mit den sozialen Konsequenzen dieser Prozesse. Er betrachtet dabei vor allem, wie sich die soziale Kohäsion ändert, wenn Religion als Bindeglied wegfällt und die Gesellschaft zunehmend pluralistischer wird. Dadurch – so lautet seine Feststellung – stellen sich für viele bisher vermeintliche Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens ganz neue Fragen, etwa für sozialpolitische Maßnahmen.

Angesichts religiöser, sozialer und kultureller Pluralisierung analysiert Turner, wie eine soziale Ordnung gesichert werden kann. Die Antwort gibt Turner mit seinem Konzept des "legal pluralism": Er rückt damit das Recht als zentrale und entscheidende Institution moderner Gesellschaften in den Mittelpunkt, insbesondere die Bürger- und Menschenrechte. In der Argumentation dafür kommt wiederum Turners Verständnis von Körperlichkeit zu Tragen. Denn er sieht in der Verletzlichkeit des menschlichen Körpers die Letztbegründung für die Gültigkeit der Menschenrechte, da alle Menschen körperliche Wesen sind, denen Leid angetan werden kann. Auf dieser Grundlage findet Bryan S. Turner eine Perspektive für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Konfessionen.

Website der Australian Catholic University, Institute for Religion, Politics & Society

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