Newsletter 2/2010

Chemie ist unser Leben

Von Kerstin Schweichhart

Das Auditorium Maximum der Universität Erlangen-Nürnberg kocht. Studenten drängen sich in Gängen und auf Treppen, um einen der begehrten Plätze im Saal zu ergattern. Sprechchöre erklingen: „RUDI, RUDI, RUDI“. Die Zuschauer der Zaubervorlesung wollen ihren Star sehen – bis zur Vorstellung sind es noch 90 Minuten.

Rudi van Eldik lässt beim Trommeln die Funken stieben.
Rudi van Eldik lässt beim
Trommeln die Funken stieben.
An der ehemaligen Potchefstroom
University in Südafrika war
der Chemiker Schlagzeuger in
einer Band.

Foto: Marion Wolf

Was die Erlanger Studenten an diesem Donnerstagabend in den Hörsaal treibt, ist die Lust aufs Edutainment. Das Konzept, mit dem Rudi van Eldik alias „Magic Rudi“ seit 15 Jahren passionierte Chemiker ebenso wie Laien in den Hörsaal und in seinen Bann zieht. Edutainment: die perfekte Mischung aus Education und Entertainment, aus Lehre und Unterhaltung, aus wissenschaftlichem Anspruch und künstlerischer Perfektion. Edutainment, das meint an diesem Abend aber auch 25 hart arbeitende Chemiker, 40 perfekt vorbereitete und durchgeführte Experimente, professionelle Licht- und Tontechnik, Sponsoren, Sanitäterinnen und Sicherheitsdienst. Es ist van Eldiks letzte Zaubervorlesung, bevor er in den Ruhestand geht. Sie steht unter dem Motto, mit dem der Forscher seine bisherigen Shows stets eröffnet hat: „Chemie ist unser Leben“. Eine Hommage an die Liebe zur Chemie.

"Zu jeder Handlung müssen die passenden Experimente gezeigt werden. Am Ende steht eine Geschichte, in der die Chemie die Hauptrolle spielt."

Als van Eldik 1994 nach Erlangen an den Lehrstuhl für Anorganische und Analytische Chemie kommt, übernimmt er die Zaubervorlesung von seinem Vorgänger Klaus Brodersen, der selbst fast 25 Jahre lang am jeweils ersten Donnerstag im Semester für die Erlanger Studenten gezaubert hat. Die Zaubervorlesung hat bereits Tradition, aber van Eldik will mehr als ein bisschen Zauberei zu Semesterbeginn. Er will seine Begeisterung für die Chemie an das Publikum weitergeben, will die Hitze und das Feuer der Versuche auf die Stimmung im Saal übertragen. Das gelingt ihm eindrucksvoll. Wenn auf der Bühne die Flammen hochschlagen, jubelt das Publikum: „EXOTHERM!“ Aber die Zaubervorlesung hebt nicht nur die Stimmung im Saal. Auch hinter den Kulissen bewegt die Vorlesung die Gemüter. Vier Wochen im Jahr widmet van Eldiks Arbeitskreis den Proben zum neuen Programm, für das jedes Jahr ein eigenes Drehbuch geschrieben wird. Dann werden Rollen und Dialoge geprobt, Kostüme entworfen, Musik ausgewählt. Nicht zuletzt müssen zu jeder Handlung die passenden Experimente gezeigt werden. Am Ende steht eine Geschichte, in der die Chemie die Hauptrolle spielt: So waren die Chemiker bereits auf Weltreise und im All unterwegs und haben im „Tatort Alchemie“ einen Mord aufgeklärt. Nun wird in van Eldiks letzter Zaubervorlesung sein Leben unter die Lupe genommen. In „Chemie ist unser Leben“ bringt Kleinkind Rudi die Papiertulpen von Frau Antje zum Leuchten, rammt der Dampfer, der ihn nach Südafrika bringen soll, am Äquator einen Eisberg, und der Student Rudi lässt sich mit einem Wecker aus Knallgas-Ballons aus dem Bett werfen. Neben der Studentenvorlesung gibt es jährlich eine Schülervorlesung und eine Benefizveranstaltung, deren Reinerlös von 10.000 Euro pro Jahr bedürftigen Kindern aus der Region zugute kommt.

„Magic Rudi” und Assistentin Stephanie Hochreuther lassen auf der Bühne die Flammen hochschlagen.
„Magic Rudi” und Assistentin
Stephanie Hochreuther lassen
auf der Bühne die Flammen
hochschlagen.

Foto: Marion Wolf

Teamgeist durch Zauberei

Das gemeinsame Projekt schweißt die Forscher zusammen. „Wir sind dann wie eine Familie. Es ist eine unglaubliche Stimmung im Team“, sagt van Eldik. Das Jahr über arbeiten die Chemiker an ihren jeweiligen Projekten. Einmal im Jahr haben alle für vier Wochen ein gemeinsames Ziel vor Augen. „Das können wir uns leisten, wenn wir in der Forschung immer ganz vorne mit dabei sind“, sagt van Eldik und verweist auf die beachtlichen Publikationslisten seines Teams. Die neuesten Veröffentlichungen hängen im Flur vor seinem Büro aus, direkt neben den Postern der Zaubervorlesung. Forschung und Zaubervorlesung machen sich keine Konkurrenz – sie beflügeln einander. Beschwingt durch die erfolgreichen Aufführungen und den Applaus des Publikums steigen die Forscher danach hoch motiviert wieder in ihre Arbeiten ein.

Van Eldik, geboren in den Niederlanden und aufgewachsen in Südafrika, kam 1977 mit einem Humboldt-Forschungsstipendium nach Frankfurt am Main. Kaum in Deutschland angekommen, erkundete van Eldik mit seiner jungen Familie an den Wochenenden die Republik, sog Eindrücke in sich auf. „Wir dachten ja – wir haben nur dieses eine Jahr in Deutschland“, so van Eldik, der nun seit fast 30 Jahren in Deutschland lebt. „Das Humboldt-Stipendium ist eine goldene Gelegenheit, sich in die Wissenschaft zu vertiefen, Beziehungen zu knüpfen, andere Menschen, andere Welten kennenzulernen“, schwärmt der Humboldtianer, der ohne das Stipendium vielleicht nie nach Deutschland gekommen wäre. „Diese Zeit war für mich ein eye opener. Ich rate allen Stipendiaten, diese Zeit zu genießen und die damit verbundenen Chancen zu nutzen.

Ein Mannschaftsspieler hört auf

Nach Stationen in den USA und Südafrika kehrte van Eldik 1980 zunächst nach Frankfurt am Main zurück und wechselte von dort an die Universität Witten/Herdecke. Ein großer Teil seines Wittener Teams folgte ihm 1994 schließlich nach Erlangen. Ein besonderer Erfolg für den Mannschaftsspieler, dessen Forschungsschwerpunkte die Aufklärung anorganischer, bioanorganischer und metallorganischer Reaktionsmechanismen sowie die Hochdruckmethodenentwicklung sind. Dieses Team bald auflösen zu müssen, ist ein Wermutstropfen für den Chemiker, der montags bis freitags von 6 Uhr bis 21 Uhr im Institut ist und auch samstags arbeitet. Wenn er im Herbst in den Ruhestand verabschiedet wird, wird es auch „seinen“ Arbeitskreis nicht mehr geben. Van Eldik hofft, dass an der Universität Erlangen trotzdem weiter gezaubert wird. So, wie es schon jetzt an zahlreichen Schulen und an anderen Universitäten geschieht, wo seine Zuschauer oder Weggefährten voller Begeisterung für Schüler, Kollegen oder Studenten zaubern.

Die Zuschauer der Zaubervorlesung wollen ihren Star sehen – bis zur Vorstellung sind es noch 90 Minuten.
Die Zuschauer der Zaubervorlesung
wollen ihren Star sehen – bis zur
Vorstellung sind es noch 90 Minuten.

Foto: Marion Wolf

Van Eldik hat an seinem Institut zahlreiche Humboldtianer betreut. Dabei habe er nur gute Erfahrungen gemacht, so der Chemiker. Jeder seiner ausländischen Gäste sei eine Bereicherung für sein Team und seine Forschungen gewesen. Er ist froh, auf dem Höhepunkt seiner Karriere aufhören zu können. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im April 2009 war eine ganz besondere Wertschätzung für ihn, die er nicht für sich allein in Anspruch nehmen will. Er habe sie zu einem nicht unerheblichen Teil der Zaubervorlesung zu verdanken und damit „ist das auch eine Anerkennung für das Team, das die Zaubervorlesung in den letzten 15 Jahren gestaltet hat“, betont er. In diesem Sinne beendet „Magic Rudi“ seine letzte Show mit Sinatras „I did it my way“ in überarbeiteter Fassung: Unter stehenden Ovationen seiner Studenten singt der Erlanger Edutainer: „We did it our way."

Rudi van Eldik Rudi van Eldik
Foto: Marion Wolf

Professor Dr. Rudi van Eldik lehrt Anorganische und Analytische Chemie und ist seit 1994 Ordinarius an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1977 ging er als Humboldt-Forschungsstipendiat an die Universität Frankfurt. Seit 1980 lebt und forscht van Eldik dauerhaft in Deutschland und war Gastgeber zahlreicher Humboldt-Stipendiaten.

 

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