Sofja Kovalevskaja-Preis 2019 – Die Preisträger

Tonni Grube Andersen

Zell- und Entwicklungsbiologie der Pflanzen

Das verborgene Leben der Pflanzen
Äste, Blätter, Früchte: Pflanzen bestehen in der allgemeinen Wahrnehmung aus ihren oberirdisch wachsenden Teilen, die als Nahrung, Energieträger oder zur Samenproduktion dienen. Doch gerade was unter der Erde passiert, ist für die landwirtschaftliche Nutzung essentiell. Hier entscheidet sich, wie viel Wasser und Nährstoffe die Pflanze aufnehmen kann und welche nützlichen Verbindungen sie zu im Boden lebenden Mikroorganismen aufbaut – kurz, wie gut sie wächst.
Tonni Andersen hat bereits wichtige Beiträge zur Pflanzenphysiologie geliefert und konnte zum Beispiel zeigen, wie Transportmechanismen innerhalb von Pflanzen ablaufen und sekundäre Pflanzenstoffe von der Mutterpflanze zu ihren Samen geleitet werden. Als Sofja Kovalevskaja-Preisträger wird Andersen in Köln untersuchen, wie Pflanzen mit ihren Wurzel-Mikroben interagieren. Wenn wir verstehen, wie diese Prozesse auf zellulärer Ebene ablaufen, könnte zum einen gezielt die Nährstoffaufnahme von Pflanzen optimiert werden. Zum anderen könnte die Nährstoffmobilisation, das ist die gezielte Freisetzung von Nährstoffen durch spezifische Ausscheidungen von Mikroorganismen im Wurzelraum, gefördert und so der Einsatz künstlicher Düngemittel reduziert werden.

Gastinstitut: Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung, Köln, Abteilung Pflanze-Mikroben Interaktionen
Gastgeber: Prof. Dr. Paul Schulze-Lefert

Tonni Grube Andersen
Foto: privat
  • Dr. Tonni Grube Andersen
    geboren in Dänemark, wurde 2012 an der Universität von Kopenhagen promoviert. 2013 gewann er als Mitglied des Forschungsteams um Professorin Barbara Ann Halkier den University of Copenhagen Innovation Award. Als Postdoc wechselte er 2014 mit einem Marie-Curie „Intra-European fellowship for career development“ an die Universität von Lausanne, Schweiz, wo er seitdem forscht.

Joshua P. Barham

Organische Molekülchemie/Elektrochemie

Neue Wege in der Synthesechemie
Wie entstehen die Moleküle der Zukunft? Der Chemiker Joshua Barham will hier neue Wege gehen. Er erforscht die sogenannte Einelektronenübertragung (single electron transfer = SET), die bei bestimmten organischen Reaktionen stattfindet: Durch Anlagerung oder Abgabe eines Elektrons wird aus einem neutralen Molekül ein negativ oder positiv geladenes Radikal. Die SET-Technologie ist interessant für die organische Synthesechemie, weil sie zu neuartigen Bindungen und Zwischenprodukten führt. Neue Moleküle werden in Industrie und Alltag ständig gebraucht, zum Beispiel als Bausteine für neue Wirk-, Farb- oder Duftstoffe. Die Einelektronenübertragung kann mithilfe von Photochemie oder Elektrochemie erfolgen, beide Methoden haben jedoch jeweils spezielle Nachteile.
Als Sofja Kovalevskaja-Preisträger will Joshua Barham in Regensburg daran arbeiten, Photo- und Elektrochemie zu kombinieren – ein vielversprechendes Verfahren, das wegweisend für die Organische Chemie werden könnte. Es soll verbesserte Synthesewege liefern und letztlich zum Beispiel die Entwicklung und Innovation in der pharmazeutischen Industrie erheblich unterstützen. Durch geplante Kooperationen sollen auch die beteiligten Arbeitsgruppen im bestehenden Graduiertenkolleg „Chemische Photokatalyse“ stärker untereinander vernetzt werden.

Gastinstitut: Universität Regensburg, Institut für Organische Chemie
Gastgeber: Prof. Dr. Burkhard König

Joshua P. Barham
Foto: privat
  • Dr. Joshua Philip Barham
    wurde geboren im Vereinigten Königreich. Nach dem Masterabschluss am University College London, Vereinigtes Königreich, hat er seine Dissertation bis 2017 in einem Kooperationsprojekt der University of Strathclyde im schottischen Glasgow und der Firma GlaxoSmithKline verfasst. Anschließend wechselte er nach Japan, zunächst an die University of Shizuoka, 2018 als JSPS Postdoctoral Fellow an das National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) in Tsukuba.

Jan De Graaf

Neuere und Neueste Geschichte

Die Nachkriegszeit im gesamteuropäischen Blick
Endlich Frieden, gefüllte Schaufenster und Vollbeschäftigung! Nach den traumatischen Kriegserfahrungen setzte man in Westeuropa auf den Wohlfahrtsstaat, gesellschaftlichen Ausgleich und Teilhabe. Unter dem Stichwort Nachkriegskonsens sind vor allem die Fünfziger- und Sechzigerjahre als Ära des gesellschaftlichen Zusammenhalts in das kollektive Gedächtnis und die Geschichtsschreibung eingegangen. Und auch im ehemaligen Ostblock schaut man heute zum Teil nostalgisch auf das Leben im Staatssozialismus zurück. Jenseits des Eisernen Vorhangs strebte man eine egalitäre Gesellschaft unter der Losung „Nie wieder Faschismus!“ gemäß der sozialistischen Ideologie an.
Aber entspricht das Narrativ vom Zusammenhalt in dieser Zeit tatsächlich der historischen Wirklichkeit in ganz Europa? Galten Aufstiegschancen auch für Arbeiter, Frauen und Migranten? Wie erging es Neuankömmlingen in den Kohleregionen des Ruhrgebiets und Oberschlesiens? Welche Gesellschaftsstruktur bildete sich in den idealistisch angelegten Planstädten Großbritanniens, Frankreichs und der Tschechoslowakei ab? De Graaf wagt den paneuropäischen, integrativen Blick: Er will eine Verflechtungsgeschichte der europäischen Nachkriegsgesellschaften vorlegen, die auf Quellenmaterial aus diversen Archiven in Ost und West basiert.

Gastinstitut: Ruhr-Universität Bochum, Institut für soziale Bewegungen
Gastgeber: Prof. Dr. Stefan Berger

Jan De Graaf
Foto: privat
  • Dr. Jan De Graaf
    stammt aus den Niederlanden und studierte Geschichte an der Universität Utrecht. 2015 wurde er an der University of Portsmouth, Vereinigtes Königreich, mit einer vergleichenden Darstellung der sozialistischen Bewegungen der Nachkriegszeit in Ost-und Westeuropa promoviert. Mit einem Post-Doc Stipendium des FWO, des Fonds der Wissenschaftsstiftung Flandern, forschte De Graaf an der Katholieke Universiteit Leuven zu dem paneuropäischen Phänomen der wilden Streiks im Rahmen von Arbeitskämpfen der Nachkriegszeit.

Angelo Di Bernardo

Experimentelle Physik der Kondensierten Materie

Innovative Materialien für die Quantencomputer der Zukunft
Um riesige Datenmengen auf möglichst kleinem Raum abzuspeichern und ohne großen Energieverlust prozessieren zu können, sind Forscher überall auf der Welt auf der Suche nach neuen Technologien und Materialien.
Längst weiß man, dass einzelne Elektronen nicht nur ihre eigene elektrische Ladung transportieren, sondern ihr „Drall“ oder „Spin“ wie ein winziger Magnet wirkt, der ähnlich dem Erdmagnetfeld eine bestimmte Richtung auszeichnet. Der Elektronenspin zeigt entweder aufwärts oder abwärts und eignet sich damit ideal als binärer Informationsträger zum Speichern oder Auslesen von Informationen auf kleinstem Raum.
Di Bernardo bringt in seinen Experimenten das Gebiet der „Spintronik“ mit der Supraleiter-Forschung zusammen. Schon jetzt weiß man, dass durch die Kombination von Ferromagneten und Supraleitern im Prinzip die Information 1 oder 0 energiesparend geschrieben, gespeichert und ausgelesen werden kann. Die praktische Umsetzung gelang aber bisher nicht. Der Sofja Kovalevskaja-Preisträger möchte nun herausfinden, ob unter Verwendung von für diese Zwecke noch unerforschten Stoffen wie Oxiden und atomar dünnen Materialien, vielfältigere, noch energiesparendere „supraspintronische“ Bauelemente und Schaltungen entwickelt werden können. Das könnte der Weg zum Quantencomputer der Zukunft sein.

Gastinstitut: Universität Konstanz, AG Mesoskopische Systeme
Gastgeber: Prof. Dr. Elke Scheer

Angelo Di Bernardo
Foto: privat
  • Dr. Angelo Di Bernardo
    in Italien geboren, hat sowohl einen Masterkurs in Biomedical Engineering an der Università degli studi di Napoli als auch einen Masterkurs an der Arizona State University in Nanowissenschaften absolviert. Für letzteres konnte er sich als einer der besten Universitätsabsolventen Italiens in der Bewerbung um ein Fulbright Stipendium durchsetzen. Seinen Doktortitel erhielt er für eine Arbeit auf dem Gebiet der Supraleiterforschung an der University of Cambridge, wo er seit 2016 am St. John’s College als Junior Research Fellow forscht und unterrichtet.

Doris Hellerschmied

Biochemie

Stress in der Zelle
Veränderte Umweltbedingungen wie Krankheit oder Alter führen zu zellulärem Stress – doch wie schaffen es Zellen, diesen Stress zu überleben? Jeder Zellbestandteil verfügt über ein spezielles Reaktions- und Qualitätssicherungssystem, das vor Stress schützt und die Homöostase, also das zelluläre Gleichgewicht, aufrechterhält. Der Golgi-Apparat ist ein Zellbestandteil, der entscheidend am Zellstoffwechsel beteiligt ist, dessen Reaktion auf Stress bisher jedoch weitgehend unerforscht ist. Doris Hellerschmied will als Sofja Kovalevskaja-Preisträgerin Licht ins Dunkel dieser Thematik bringen. Konkret wird die Biologin an der Universität Duisburg-Essen mit Mitteln der Zellbiologie und der chemischen Biologie den Golgi-Apparat stören und belasten und die zelluläre Reaktion unter anderem durch Bildgebungsverfahren untersuchen. Hellerschmieds Forschung soll nicht nur zu einem tieferen Verständnis der Biologie des Golgi Apparates beitragen. Weil Störungen dieses Zellbestandteils bei neurodegenerativen Erkrankungen häufig sind, kann seine Erforschung zudem entscheidende Hinweise für mögliche Behandlungen solcher Krankheiten liefern.

Gastinstitut: Universität Duisburg-Essen, Zentrum für Medizinische Biotechnologie
Gastgeber: Prof. Dr. Michael Ehrmann

Doris Hellerschmied
Foto: Universität
Duisburg-Essen
  • Dr. Doris Hellerschmied
    stammt aus Österreich und absolvierte ihr Magisterstudium an der Universität Wien, inklusive eines Forschungsaufenthalts in Zagreb, Kroatien. Nach ihrer Promotion 2013 an der Universität Wien forschte sie zunächst als Postdoctoral Associate am Research Institute of Molecular Pathology (IMP) in Wien und wechselte dann 2015 an die Yale University in den USA, wo sie bis heute als Postdoctoral Fellow tätig ist.

Ottaviano Ruesch

Geologie

Wie fing alles an?
Die Erforschung des Sonnensystems beantwortet nicht nur Fragen zur Entstehung der Erde, sondern auch zu den Anfängen des Lebens. Gerade die Erkundung von Planeten wie dem Mars oder bestimmten Asteroiden, die der Erde in Parametern wie Oberflächenstruktur, Schwerkraft oder Gesteinsstruktur ähneln, kann hier entscheidende Hinweise liefern. Für die Entstehung des Lebens sind zwei Stoffe besonders relevant: Wasser und organische Substanz. Der Geologe Ottaviano Ruesch wird deshalb als Sofja Kovalevskaja-Preisträger den sogenannten Regolithen erforschen, also die äußere, durch Verwitterung entstandene Schicht eines Planeten, in die diese Stoffe eingebettet sind. Dazu will er sowohl Messungen von Raummissionen auf dem Mars und auf Asteroiden als auch Laborexperimente unter simulierten Bedingungen nutzen. Bei diesen Untersuchungen kooperiert Ruesch mit zahlreichen internationalen Partnern.
Besonderes Augenmerk wird der Geologe auf den Prozess des Gesteinsabbaus durch Tagestemperaturzyklen legen, der für die Entstehung des Regolithen zwar bekannt, aber noch weitgehend unerforscht ist. Sein Vorhaben soll ein tieferes Verständnis der Entstehung und Entwicklung von Planeten ermöglichen sowie Wissenslücken zur Nutzung von Ressourcen schließen.

Gastinstitut: Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Planetologie
Gastgeberin: Prof. Dr. Harald Hiesinger

Ottaviano Ruesch
Foto: privat
  • Dr. Ottaviano Ruesch
    in der Schweiz geboren, studierte zunächst an der Universität Lausanne, bevor er für seinen Master-Abschluss nach Frankreich, an die Universität Paris-Süd wechselte. Er wurde 2015 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster promoviert und forschte anschließend als Postdoc bei der NASA in Greenbelt, USA, weiter. Seit 2017 ist Ruesch als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Niederlanden bei der ESA in Noordwijk tätig.