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Die letzte Expedition

Am östlichsten Punkt seines Lebens

In einem Alter, in dem anderen Wissenschaftlern eine gelegentliche Konferenz ausgereicht hätte, suchte Alexander von Humboldt noch das Abenteuer. 1829 brach er zu einer Expedition auf, die ihn an den Hof des russischen Kaisers und an die chinesische Grenze führte.

  • Text: Patrick Wildermann, 10. Mai 2019
Eduard Gaertner, Aquarell von St. Petersburg, 1835

Wenn Alexander von Humboldt in der Ferne eines nicht suchte, dann war es Heimat. Entsprechend gestaltete sich die Russlandreise des Wissenschaftlers zumindest anfänglich eher enttäuschend. Auf der Kurischen Nehrung erblickt er „Unnatur“, ähnlich dem märkischen Sand, und spöttelt, Architekt Schinkel könnte dort aus Backsteinen „ein neues Berlin bilden“. Selbst östlich des Uralgebirges fühlt er sich noch an die Heidelandschaft bei Tegel erinnert.

Und die Landschaft ist nicht das einzige Problem. Permanent muss Humboldt seine Abenteuerlust und Neugier gegen die absichernden Vorkehrungen der russischen Regierung für die Expedition verteidigen, gegen den Aufmarsch von Polizeileuten, Administratoren oder Kosakenwachen auf jeder Station – „kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird“, klagt er im Brief nach Hause.

Dem russischen Finanzminister Georg von Cancrin, der Humboldts Unternehmung im Auftrag von Zar Nikolaus I. sponsert, ist freilich nicht daran gelegen, dass der prominente Forscher auf seine Kosten kommt. Vielmehr soll er Gold- und Platinvorkommen erschließen – man überlegt in Russland, eine Währung aus Platin einzuführen. Der Vorteil: im Gegensatz zur Südamerika-Reise 30 Jahre zuvor muss Humboldt sich für diese Expedition nicht verschulden. Und weil er die Kunst der geologischen Analogie beherrscht und Parallelen zwischen Gebirgen in der Neuen Welt und dem Ural zu ziehen versteht, verspricht er Kaiserin Alexandra in St. Petersburg, nicht nur mit Edelmetall, sondern obendrein mit Diamanten zurückzukehren. Einer der begleitenden Kosaken nennt ihn deswegen den „verrückten Preußen-Prinzen.“ Diamanten sind noch nie außerhalb der Tropen gefunden worden. Aber Humboldt soll Recht behalten. Kommerziell betrachtet ist sein Aufbruch nach Osten also schon mal ein großer Erfolg.

Franz Krüger: Kaiser Nikolaus I. Pawlowitsch, Öl auf Leinwand, 1852
Franz Krüger: Kaiser Nikolaus I. Pawlowitsch, Öl auf Leinwand, 1852

Zwei Veranstaltungen erinnerten 2019 in Berlin an die Russland-Reise, die Humboldt am 12. April 1829 antrat, im Frack mit weißer Halsbinde, begleitet unter anderem von dem Botaniker Christian Gottfried Ehrenberg und dem Chemiker Gustav Rose.

In der Akademie der Künste veranstaltete die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Podiumsdiskussion „Die Macht der Wissenschaft in einer Zeit im Wandel“. Mit einer Reihe von Vorträgen schlug sie die Brücke zwischen der damaligen und heutigen Erforschung Eurasiens-Zentralasiens – und fragte nach den Möglichkeiten von Wissenschaft, die Entwicklung eines Landes mitzugestalten.

In der Humboldt-Universität wiederum berichtete unter dem Titel „Humboldts Russland-Reise – zweihundert Jahre später“ ein deutsch-russisches Forscherteam von einer Expedition auf Alexanders Spuren – zwischen 1994 und 2009 haben sie Etappen der Expedition nachvollzogen und Material zu ihren Umständen und Nachwirkungen gesammelt.

Politisch musste Humboldt, der ein erklärter Gegner der Leibeigenschaft war, sich auf der Reise zurücknehmen. Seine Auftraggeber waren nicht daran interessiert,  das Feudalsystem infrage gestellt zu sehen. Dafür gelingt es dem prominenten Deutschen, die Expedition noch um ein paar Tausend Kilometer auszuweiten. Statt von Tobolsk aus umzukehren, fahren die Kutschen weiter Richtung Altai und chinesische Grenze. Zum Schutz vor Mücken bekleidet mit schwerer Ledermaske nebst Gesichtsvorhang aus Pferdehaar, unter der es unerträglich heiß wurde, stößt der Wissenschaftler zum östlichsten Punkt seines Lebens vor.

Als „Höhepunkt“ bejubelt er gegenüber Bruder Wilhelm dabei den Abstecher zum Kaspischen Meer, dem größten See der Erde – der den frühen Klimaforscher Humboldt wegen seiner unterschiedlichen Wasserstände fasziniert, die nach heutiger Ansicht mit den atmosphärischen Bedingungen in der  Nord-Atlantik-Region zusammenhängen.

Auf der Basis von Vorträgen, die Humboldt 1830 in Paris hielt, erschienen die „Fragmente einer Geologie und Klimatologie Asiens“; das 1844 publizierte Werk „Asie Centrale“ bündelt seine Erkenntnisse zu Rohstoffvorkommen im Südural – und bildet die Basis für die spätere Industrialisierung. Abseits dessen hinterlässt die Reise eine Reihe rekordverdächtiger Zahlen: 15.000 gefahrene Kilometer allein auf russischem Territorium, 53 überquerte Flüsse, 658 passierte Poststationen – und 12.244 gewechselte Pferde.

Es war Alexander von Humboldts letzte Expedition.