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Uns fehlte jegliche Perspektive

Jeff Wilkesmann musste sein Heimatland Venezuela 2017 verlassen. Seine Universität war nach einer Militärintervention geschlossen worden. Immer wieder verschwanden Professor*innen im Land. Dank einer Förderung durch die Philipp Schwartz-Initiative konnte er seine Arbeit an der Hochschule Mannheim fortsetzen.

Prof. Dr. Jeff Wilkesmann
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

Philipp Schwartz-Initiative

Die Philipp Schwartz-Initiative ermöglicht seit 2016 deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen, ausländische Wissenschaftler*innen, denen in ihren Heimatländern Krieg oder Verfolgung drohen, für zwei Jahre bei sich aufzunehmen.

Dossier für Presse und Medien
Programmwebsite für Bewerbungen

Es fällt mir schwer, mich an 2017 zu erinnern, das Jahr, in dem meine Familie und ich Venezuela verlassen mussten. Meine Frau Liliana Kurz und ich arbeiteten damals als Biochemiker*in an der Universidad de Carabobo in Valencia. Es gab, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise, überall Proteste gegen die Regierung, die die Polizei im Keim erstickte, zahlreiche Menschen starben dabei. Im Alltag fehlten lange schon Wasser und Elektrizität. Auch an der Hochschule war kein normales Forscherleben möglich. Viele Professor*innen protestierten deshalb für bessere Arbeitsbedingungen. Wir waren in dem Sinne keine politischen Aktivisten, wir haben uns aber in Zusammenhang mit der Hochschule manchmal an Kundgebungen beteiligt. An einem Tag im April, ich war zu Hause, weil ich die Kinder von der Schule abholen wollte, stürmten Militärangehörige die Universität, und ein Feuer brach aus. Meine Frau saß in ihrem Büro gewissermaßen in der Falle und wusste nicht, was los war. Schließlich fotografierte sie die Situation vor ihrem Fenster und leitete die Aufnahme an den Dekan weiter, damit er sich um Hilfe kümmere. Das Bild verbreitete sich unglücklicherweise – vielleicht war das im Nachhinein sogar ganz gut – in den sozialen Netzwerken. Infolge davon fühlten wir uns bedroht und bekamen wirklich Angst. Denn immer wieder verschwanden Professor*innen in Venezuela. An unserer Hochschule galt ein recht bekannter Kollege als verschollen, nachdem er einen regierungskritischen Bericht in einer Zeitung veröffentlicht hatte.

Es war ein Glück, dass uns genau in diesem Moment eine Mail aus Deutschland erreichte. Professor Dr. Peter M. Kunz vom Institut für Biologische Verfahrenstechnik (IBV) der Hochschule Mannheim fragte, ob meine Frau und ich uns gemeinsam mit ihm für die Philipp Schwartz-Initiative bewerben möchten. Natürlich wollten wir das! Zumal unsere Universität nach der Militärintervention geschlossen worden war – wir saßen genau wie jetzt während der Pandemie im Homeoffice. Allerdings fehlte uns 2017 jegliche berufliche und private Perspektive. Professor Kunz kannte ich durch vorherige Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren an der Hochschule Mannheim, zuvor hatte ich an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz promoviert.

Saturn-ähnliches Dekortationsbild

Prof. Dr. Jeff Wilkesmann

Herkunftsland:
Venezuela

Fachgebiet:
Biochemie & Biotechnologie

Gastgebende Einrichtung:
Hochschule Mannheim

Förderzeitraum Philipp Schwartz-Initiative:
08/2018 – 07/2020

Prof. Dr. Jeff Wilkesmann
Jeff Wilkesmann

Wir waren sehr erleichtert über die Zusage der Initiative und hatten im Anschluss genau vier Wochen Zeit, unsere Abreise vorzubereiten. Das Wissen, dass man vermutlich niemals zurückkehrt, belastet. Aber auch meiner damals siebenjährigen Tochter und meinem 14-jährigen Sohn war klar, dass es eine einzigartige Chance ist – allein schon wegen der Aussicht, kontinuierlich Zugang zu Wasser und Strom zu haben. Trotz Straßensperren, geschlossenen Botschaften und gecancelten Flügen konnten wir Venezuela wie geplant verlassen und kamen Anfang August in Deutschland an.

In Mannheim habe ich meine Arbeit am Institut für Biologische Verfahrenstechnik und in Kooperation mit der International Water Aid Organization fortgesetzt. Wir haben Notfall-Wasserkoffer erarbeitet, mit deren Hilfe sich in Katastrophengebieten verschmutztes Wasser zu hygienischem Trinkwasser aufbereiten lässt. Auch als Familie gelang der Start: Unsere Kinder haben schnell Deutsch gelernt, und wir als Eltern haben uns inzwischen daran gewöhnt, sie alleine zur Schule gehen zu lassen – in Venezuela ist das wegen der allgegenwärtigen Entführungsgefahr nicht üblich. Als die Förderung endete, konnte ich als Dozent an der Hochschule Mannheim weitermachen. Außerdem arbeite ich bei EIT Health Germany, einer EU-geförderten Initiative, die sich für mehr Gesundheit in Europa einsetzt. Meine Frau hatte nach der Förderung durch die Philipp Schwartz-Initiative zunächst eine vier Wochenstunden umfassende Stelle an der Hochschule. Augenblicklich sucht sie nach einer neuen Herausforderung und beschäftigt sich im Rahmen eines Praktikums zusätzlich mit der Perspektive, als Krankenschwester zu arbeiten. Seit 2017 sind fünf Millionen Menschen aus Venezuela geflohen. Wir sind dankbar, dass wir in Mannheim so gut angekommen sind.

Aufgezeichnet von Carola Hoffmeister