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Warum sich der Aufwand lohnt

Prof. Ulrike Freitag und Prof. Arnulf Quadt betreuen als Mentor*innen Philipp Schwartz Fellows. Hier sprechen sie über ihr Selbstverständnis als Betreuende, aber auch über Herausforderungen und bürokratische Hürden, die es zu überwinden gilt.

Doppelporträt: Prof. Dr. Ulrike Freitag und Prof. Dr. Arnulf Quadt
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

Philipp Schwartz-Initiative

Die Philipp Schwartz-Initiative ermöglicht seit 2016 deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen, ausländische Wissenschaftler*innen, denen in ihren Heimatländern Krieg oder Verfolgung drohen, für zwei Jahre bei sich aufzunehmen.

Dossier für Presse und Medien
Programmwebsite für Bewerbungen

Humboldt-Stiftung: Frau Freitag, Sie leiten das Leibniz-Zentrum Moderner Orient und lehren Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Was hat Sie dazu bewogen, gefährdete Forscher*innen an Ihrer Hochschule aufzunehmen?
Das hat sich durch das politische Engagement eines türkischen Kollegen ergeben, der in den Netzwerken der türkischen Friedensinitiative aktiv war. Der Kollege bekam sehr schnell mit, welche Forscher*innen aus seiner Heimat bedroht sind, und hat sie unserem Institut vorgestellt. Wir haben ihn dann gebeten, die Curricula der Forschenden und möglicherweise auch einen Projektvorschlag zu schicken. Bevor es etwa die Philipp Schwarz-Initiative gab, haben wir die Wissenschaftler*innen durch eigene Mittel unterstützt.

Wie war es bei Ihnen, Herr Quadt?
Ich bin als experimenteller Elementarteilchen-Physiker an der Georg-August-Universität Göttingen in einem sehr international geprägten Umfeld tätig. Im Laufe der Zeit ergab es sich über die Forschungsaktivitäten automatisch, dass ich mit Doktorand*innen sowie Postdocs zusammengearbeitet habe, die aus politisch instabilen Ländern stammten. Zudem habe ich als Erasmus-Beauftragter Studierende aus aller Welt betreut. Dadurch war ich bei den Nachrichten immer wieder persönlich betroffen und habe mich gefragt, ob die Kolleg*innen und ihre Familien in Sicherheit sind.

Das Arbeiten ist vor allem eine kulturelle und wissenschaftliche Herausforderung.
Ulrike Freitag, Direktorin des Leibniz-Zentrum Moderner Orient und Lehrstuhlinhaberin am Institut für Islamwissenschaften der Freien Universität Berlin

Wie entscheiden Sie, ob Sie jemanden an Ihrem Institut betreuen können, Frau Freitag?
Wir unterstützen vorzugsweise diejenigen, mit denen wir bereits in der Vergangenheit wissenschaftliche Kontakte gepflegt haben. Denn unserer Erfahrung nach erhöht das die berufliche Perspektive im Anschluss an die Förderung durch die Philipp Schwartz-Initiative dramatisch. Die wissenschaftlichen Arbeitsweisen und Fragestile unterscheiden sich in den verschiedenen Ländern nämlich doch erheblich voneinander. Wir haben hier beispielsweise eine Kollegin aus Libyen betreut, die den schmerzhaften Prozess durchlaufen hat, eine arabische Doktorarbeit nicht nur ins Englische übersetzen zu müssen. Sie musste die Arbeit auch so umgestalten, dass sie den hier üblichen wissenschaftlichen Standards genügte. Das war nicht in erster Linie eine sprachliche, sondern vor allem eine kulturelle und wissenschaftliche Herausforderung. Wenn jemand ausschließlich an einer ostanatolischen Universität auf Türkisch gelehrt hat, fehlt mir, jenseits einer möglicherweise erfolgreichen Bewerbung für die Philipp Schwartz-Initiative, das Zutrauen in die Vermittlung einer langfristigen Perspektive. Ich weiß nicht, wie es in der Physik ist, aber in unserem Bereich kann es schon sehr schwierig sein, den Anschluss zu finden.

Arnulf Quadt: Die syrische Wissenschaftlerin, die ich am Institut als Mentor betreut habe, brachte eine Expertise aus dem Bereich der Teilchenphysik mit, über die wir nicht verfügen. Sie konnte dadurch mit ihren Vorlesungen die Ausbildungsqualität an der Universität Göttingen verbreitern, was für uns sehr positiv war. In der Forschung haben wir versucht, sie so schnell wie möglich einzubetten. Das hat gut geklappt, auch wenn es für sie einen thematischen Wechsel bedeutete und das Durchlaufen eines Ausbildungsprogramms, wie es für junge Doktorand*innen vorgesehen ist – nur eben sehr viel schneller. Nach einem Jahr wurde sie Voll-Autorin, anschließend konnte sie Bachelor-, Master- und Ph.D.-Studierende betreuen und Forschungsprojekte federführend vorantreiben. Dass es so wunderbar geklappt hat, halte ich allerdings eher für eine Ausnahme.

Inwiefern kann die Philipp Schwartz-Initiative in den Naturwissenschaften ein Sprungbett in ein Leben nach der Gefährdung sein, Herr Quadt?
Wenn man als Junior Scientist auf Doktorand*innen- oder Postdoc-Niveau zu uns kommt, kann ein Förderprogramm wie die Philipp Schwartz-Initiative durchaus helfen, um mit diesem Rückenwind gleichberechtigt in der Wissenschaft durchzustarten. Kommt ein Kollege oder eine Kollegin jedoch als Senior Scientist auf quasi Professor*innenniveau, dann wird es nach der Förderung schwierig. Denn um sich innerhalb von zwei bis vier Jahren so zu etablieren, dass man sich im System kompetitiv durchsetzen kann im Vergleich zu Wissenschaftler*innen, die 20 Jahre jünger sind, die Sprache beherrschen und mit dem System vertraut sind etwa im Hinblick auf Drittmittel-Finanzierung – das ist wirklich wahnsinnig herausfordernd. Bei uns in der experimentellen Teilchenphysik kommt hinzu, dass Forschungsprojekte vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Hierbei werden ausschließlich die wissenschaftlichen Inhalte unterstützt, ungeachtet der Biografie der Forschenden. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft hingegen gibt es Sonderprogramme für Personen mit Asylstatus, und auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, Wissenschaftler*innen zu beschäftigen, die nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können.

Wie ist es in den Geisteswissenschaften, Frau Freitag?
Natürlich kommen die ausländischen Forschenden mit hohen Erwartungen und müssen dann feststellen, dass der Übergang ohne fließende Deutschkenntnisse in den Geschichtswissenschaften sehr schwierig ist. Wir unterstützen durch ein intensives Coaching etwa für Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder der Humboldt­-Stiftung. Nach Auslaufen der Förderung durch die Philipp Schwartz-Initiative geht es oftmals auch ganz konkret um die Frage nach der Aufenthaltsgenehmigung. Die Forschenden müssen, wenn sie Asyl beantragen, den gesamten Prozess durchlaufen, einschließlich der mehrmonatigen Residenzverpflichtung, während derer sie nicht arbeiten dürfen. Durch diese Auflage wird ein Stück weit das zerstört, was sie sich zuvor während der Förderung aufgebaut haben. Auch hier bemühen wir uns am Institut, die Art von Briefen für die Forschenden zu schreiben, die die Ausländerbehörde inspiriert, den Wissenschaftler*innen einen Aufenthalt zu gewähren, selbst dann, wenn sie aktuell keine Stelle innehaben. Für solche Unterstützungen beschäftigen wir nun eine wissenschaftliche Mitarbeiterin in Teilzeit. Sie begleitet die Forschenden zum Beispiel zum Ausländeramt.

Es ist viel, was auf meinem Schreibtisch landet. Ich erlebe es aber als Teil meiner Verantwortung, dass ich mich kümmere, und mache es sehr gerne.
Arnulf Quadt, Lehrstuhlinhaber für Experimentelle Teilchenphysik an der Georg-August-Universität Göttingen

Es klingt bereichernd und gleichzeitig herausfordernd, sich als Mentor zu engagieren. Wie erleben Sie es, Herr Quadt?
Es geht immer um Einzelschicksale und häufig um Ausnahmen von der Ausnahme – ob jetzt die behördliche Anerkennung eines arabischen Namens Thema ist, der mal so, mal so geschrieben wird, oder ein Kind mit Schwierigkeiten in der Schule. Es ist viel, was auf meinem Schreibtisch landet. Ich erlebe es aber als Teil meiner Verantwortung, dass ich mich kümmere, und mache es sehr gerne. Und entsprechend ist der Alexander von Humboldt-Stiftung für die Philipp Schwartz-Initiative zu danken, weil sie Forschenden, die es fachlich und menschlich verdient haben, Förderung ermöglicht.