Forschung hautnah

„In fünf Minuten hat man eine Briefkastenfirma“

Brooke Harrington tauchte bei ihren Forschungen in eine Welt ein, zu der nur wenige Menschen Zugang haben: Sie hat Vermögensmanager studiert, die den Reichen helfen, ihr Geld zu verstecken. Sie sprach mit Menschen, die nur selten Interviews geben oder gar ihre Steuertricks verraten. Um ganz nah an sie heranzukommen, beschloss die Wirtschaftssoziologin, selbst einer von ihnen zu werden.

  • Interview: Katrin Langhans
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

Professorin Dr. Brooke Harrington ist seit 2010 Associate Professor für Soziologie an der Copenhagen Business School in Dänemark. Sie studierte zunächst englische Literatur an der Stanford University und anschließend Soziologie in Harvard. Als Humboldt-Forschungsstipendiatin war sie am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Über ihre Recherchen in der Offshore-Welt erzählt sie in ihrem Buch „Capital without Borders: Wealth Managers and the One Percent“, das 2016 bei Harvard University Press erschienen ist.

Als Offshore-Sparschwein für Reiche dienen Steuerparadiese wie die Bahamas. Die echten Bahamas-Schweine wurden dort vor 200 Jahren ausgesetzt und belustigen heute Badegäste.

Kosmos: Sie haben acht Jahre lang die Offshore-Welt erforscht. Was haben Sie gelernt?
Harrington: Wer das spezielle Wissen hat, kann sein Geld fast überall verstecken. Man muss nur in der Lage sein, die Schlupflöcher der Finanzsysteme zu nutzen. An diesem Punkt kommen Vermögensmanager ins Spiel: Es ist ihr Geschäft, den Reichen zu helfen, ihr Geld zu verstecken.

Kosmos: Aus welchen Gründen verstecken Reiche ihr Vermögen?
Harrington: Der häufigste Grund ist eine Kombination aus der Vermeidung von Steuern, den Ansprüchen von Gläubigern und dem Versuch, legale Urteile zu umgehen. Oft betrifft das die Familie, zum Beispiel bei Unterhaltszahlungen oder Erbschaften.

Nachrichten aus der Stiftung 

Kosmos: Sind es immer schlechte Absichten?
Harrington: Wenn Leute in instabilen Ländern leben, kann man verstehen, dass sie sich und ihre Familie davor schützen wollen, gekidnappt oder erpresst zu werden. Ihr Interesse ist es, so viel wie möglich zu verheimlichen, um nicht verfolgt zu werden.

Kosmos: Um die Arbeit von Vermögensmanagern zu studieren sind Sie selbst einer geworden. Warum?
Harrington: Es gab keinen anderen Weg, um genug über den Beruf zu erfahren, als an einem Trainingsprogramm teilzunehmen. Die Arbeit von Vermögensmanagern ändert sich so schnell, weil sich die Steuergesetze so schnell ändern.

Kosmos: Kann jeder an dem Kurs teilnehmen?
Harrington: Ja, wenn man bereit ist, 25.000 Pfund zu investieren für die zwei Jahre Training inklusive Reisekosten, um Workshops zu besuchen, in denen man die Gesetze von Fonds, Stiftungen und Aktiengesellschaften lernt: wo sie herkommen und wie man sie nutzen kann, um Vermögen zu verstecken.

Kosmos: Wie kommt es, dass sie eine Wissenschaftlerin akzeptiert haben, ihren Geheimnissen zu lauschen?
Harrington: Ich denke, weil sie von Anfang an wussten, wer mich finanziert. Ich habe immer ein Namensschild getragen, so wie alle anderen. Darauf stand klar, dass ich Mitglied eines Forschungsinstituts bin. Das Max-Planck-Institut und die Alexander von Humboldt-Stiftung haben mir in den ersten zwei Jahren meiner Recherchen einen Lohn gezahlt. Ohne diese Unterstützung hätte ich die Studie nicht machen können. Insgesamt habe ich 65 Interviews mit Vermögensmanagern in 18 Ländern geführt.

Kosmos: Was ist Ihr Eindruck: Haben Vermögensmanager ein schlechtes Gewissen, weil sie Reichen helfen, Steuern zu hinterziehen?
Harrington: Manche glauben stark an die Idee des freien Marktes. Sie sehen es als Freiheit eines jeden an, reich zu werden. Ich habe jeden Vermögensmanager im Interview gefragt: „Was ist gut an Ihrem Job?“ Die Mehrheit sagte: „Ich mag es, Familien zu helfen.“

Kosmos: Reichen Familien, die noch reicher werden, während die Armen ärmer werden.
Harrington: Nur wenige haben diese Konsequenz berücksichtigt. Für diejenigen, die es getan haben, war es ein Konflikt. Ich habe eine Steuerberaterin interviewt, die für Greenpeace gearbeitet hat, bevor sie Vermögensmanagerin wurde. Sie sagte, sie sei beunruhigt über die Menge an Privilegien, die ihre Klienten hätten.

Kosmos: Was waren das für Privilegien?
Harrington: Das ganze System der westlichen Staaten war für sie nicht relevant. Sie konnten sich freikaufen. Diese Leute brauchen nicht einmal einen Ausweis, um international zu reisen. Sie haben Privatflugzeuge, es gibt keine Passkontrolle, keine Gepäckkontrolle, sie gehen wohin sie wollen, wann sie wollen.

Kosmos: Gibt es für reiche Menschen immer einen Weg, Gesetze zu umgehen?
Harrington: Wenn man reich genug ist, wahrscheinlich. Es gab zwar bemerkenswerte Fälle, in denen Menschen für ihre Straftaten verurteilt wurden. Allen Stanford zum Beispiel, der ein sehr reicher Hedgefonds-Manager in der Karibik war. Er wurde gefasst, er musste wegen Betrugs ins Gefängnis. Aber ich nehme an, dass auf jede Verurteilung noch viel mehr Fälle kommen, in denen reiche Menschen nicht im Gefängnis landen. Obwohl in den Schlagzeilen von Steuerhinterziehung die Rede ist, ist es mehr eine Frage der Gesetzesumgehung.

Kosmos: Wie umgehen die Reichen das Gesetz?
Harrington: Im Extremfall kaufen sie sich einfach einen neuen Ausweis. Das passiert so oft, dass es mittlerweile einen eigenen Markt von Gesellschaften gibt, die darauf spezialisiert sind, wohlhabenden Menschen zu helfen, ihre Staatsbürgerschaft zu wechseln.

Kosmos: Jonathan Ostry, der Vizedirektor der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds hat mal gesagt, dass Ungleichheit und Wachstum zusammenhängen. Eine Gesellschaft mit einer ausgewogenen Vermögensverteilung wächst schneller, weil Ungleichheit die Chancen der Armen verringert.
Harrington: Vermögensmanager spielen in diesem System folgende Rolle: Indem sie Menschen helfen, Steuern zu umgehen, berauben sie Staaten ihrer Ressourcen, die nötig sind, um ein Bildungs-, Gesundheits- und Transportwesen aufrechtzuerhalten. Und wenn man arm ist, braucht man öffentliche Transportmittel, man braucht ein Gesundheitssystem, um nicht all sein Erspartes bei einer Krankheit zu verlieren, man braucht Bildung, um einmal einen guten Job zu bekommen. Staaten haben weniger Geld, um das alles zu finanzieren, wenn die Reichen massenweise Steuern umgehen.

Kosmos: Die Reichen wälzen die Last nach unten ab.
Harrington: Jeder andere muss mehr zahlen, weil Staaten einfach ein Minimum an Finanzierung brauchen, um zu funktionieren. Die Last müssen diejenigen tragen, die sich Vermögensmanager nicht leisten können, wie Sie und ich.

Kosmos: Wie viel zahlen wir zu viel, weil Reiche sich drücken?
Harrington: In Amerika und anderen Ländern wurde dieser Betrag auf 15 Prozent geschätzt. Das ist ärgerlich für jemanden aus der Mittelschicht wie mich. Aber für einen armen Menschen ist das die Differenz, die darüber entscheidet, ob er in der Lage ist, Geld zu sparen oder ein Business zu starten. Die Länder, die am meisten unter Sparprogrammen leiden, sind diejenigen, die vor der Krise die höchsten Raten an Steuerumgehungen hatten: Griechenland, Spanien, Portugal.

Kosmos: Sie haben mehr als 60 Interviews mit Menschen auf der ganzen Welt geführt, auf den Cookinseln, den Seychellen und in Südamerika. Was ist Ihr Eindruck dieser Orte?
Harrington: Viele Offshore-Paradiese sind unheimliche Orte. Ich habe mich oft sehr unsicher gefühlt. Das ist untypisch für mich, weil ich oft alleine gereist bin, auch in den Nahen Osten, und mich nie unsicher gefühlt habe. Es gibt diese Idee, dass alles anfängt schiefzulaufen, sobald kleine Länder eine finanzielle Offshore-Struktur schaffen. Die Demokratie bröckelt, die Kriminalitätsrate steigt, und auch die moralische Korruption nimmt zu.

Kosmos: Was bedeutet moralische Korruption?
Harrington: In meiner ersten Nacht auf den Cookinseln wurde ich ausgeraubt, während ich mit meinem fünfjährigen Sohn im Hotel schlief. Der Dieb nahm mein Tabletphone, meine einzige Möglichkeit, mit der Welt zu kommunizieren. Und dann haben die Hotelmitarbeiter gesagt: Schade, Sie können Ihre 3.000 US-Dollar, die Sie schon bezahlt haben, nicht zurückbekommen. Pech, wenn Sie damit nicht umgehen können, ausgeraubt worden zu sein, dann stimmt mit Ihnen was nicht.

Kosmos: Was haben Sie dann gemacht?
Harrington: Rückflüge wären zu teuer gewesen, also bin ich in ein anderes Hotel gezogen. Den Rest meines Aufenthalts habe ich ständig über meine Schulter gesehen. Ich war sehr verängstigt. Nach dem Raubüberfall habe ich einen Fischer getroffen, der sagte: „Wissen Sie was? Das ist der Grund, warum sie uns auch die ‚Crook Islands‘ nennen.“ Die „Diebstahlinseln“.

Kosmos: Die Cookinseln sind auch bekannt für Briefkastenfirmen. Es ist kinderleicht, dort über das Internet eine Firma einzurichten. Warum engagieren reiche Menschen dann überhaupt einen Vermögensmanager?
Harrington: Sie können innerhalb von fünf Minuten eine Briefkastenfirma eröffnen, aber um die Firma zu Ihrem Vorteil zu nutzen, brauchen Sie spezifisches Wissen. Wenn Sie einen Fehler machen, können Sie im Gefängnis landen. Reiche Menschen bezahlen Vermögensmanager dafür, dass sie ihnen dieses Risiko abnehmen. Vermögensmanager wissen genau, wo die Linie zwischen einem legalen und einem illegalen Geschäft liegt – und sie halten ihre Kunden einen Zentimeter auf der richtigen Seite des Gesetzes. Sie können einem auch helfen, Geld sogar in Ländern wie dem Vereinigten Königreich oder Deutschland zu verstecken.

Kosmos: Haben Sie auch einen deutschen Vermögensmanager interviewt?
Harrington: Einer meiner interessantesten Gesprächspartner war sogar ein Deutscher. Ein Mann, der ein „von“ in seinem Namen hatte. Während des Zweiten Weltkrieges hatte seine Familie ihre ganzen Ländereien verloren, er hatte nur wenig Geld. Dieser Typ ist nicht einmal zur Universität gegangen, aber er hat es trotzdem geschafft, 30 Jahre lang eine tolle Karriere zu machen, indem er anderen Menschen half, ihr Geld zu managen.

Kosmos: Wie hat er das geschafft?
Harrington: Er hatte die richtigen Umgangsformen und das, was Soziologen soziales Kapital nennen. Vermögende Menschen wollten mit ihm zusammenarbeiten. Er hat Polo gespielt, ist Skifahren gegangen, hat Opernaufführungen besucht und Champagner getrunken. Er wusste, wie er sich verhalten muss. Eines der Dinge, die er gesagt hat, war: „Sie sprechen einen Klienten niemals direkt auf sein Geld an, Sie warten, bis er das Thema anspricht.“

Kosmos: Gibt es überhaupt einen Ort auf der Welt, der frei ist vom Offshore-Geschäft?
Harrington: Soweit ich weiß, ist Grönland frei von Offshore-Finanzierungen. Das ist eine Art Mysterium. Warum wird ein Land, das nichts hat außer dem Walfang, kein Offshore-Paradies? Niemand scheint eine gute Antwort darauf zu haben. Vielleicht ist es ihnen bisher noch nicht in den Sinn gekommen.

 

aus Humboldt Kosmos 106/2016

vorheriger Artikel Gut Freund trotz Brexit
nächster Artikel Brüder im Geiste