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Deutschland im Blick

Aufsteigen schwer gemacht

Wenn es ein Arbeiterkind in Deutschland zu akademischen Weihen bringt, ist das eine Ausnahme. Erfahrungen von einem, der es geschafft hat.

  • vom 
  • Text: Uwe Schütte
Großer Hoersaal der Universität voll mit Studenten, die eine Pruefung machen.
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

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Man muss es so drastisch sagen: Gleichheit für alle, dieses Kernelement jeder sich als demokratisch verstehenden Gesellschaft, ist nur ein leeres Versprechen. Die beständig aufgehende Schere zwischen armen und vermögenden Bevölkerungsschichten spricht eine deutliche Sprache. Dieselbe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit kennzeichnet insbesondere das bildungspolitische Versprechen der Chancengleichheit. Eigentlich sollen Bildungsinstitutionen – vom Kindergarten bis zur Universität – soziale Unterschiede beseitigen helfen. In Wahrheit jedoch reproduzieren sie diese.

„Gleichheit für alle ist nur ein leeres Versprechen.“
Uwe Schütte, Reader in German an der School of History, Languages and Translation der Aston University in Birmingham

Wie sich das im speziellen Fall meines Heimatlandes Deutschland gestaltet, kann man im unlängst erschienenen Sammelband „Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft“ nachlesen. Der Band ist ein Beispiel für autobiografische Bücher, in denen vom eigenen Aufstieg aus dem Arbeiter- und Kleinbürger-Milieu in die höheren Weihen einer akademischen oder künstlerischen Karriere berichtet wird. Ein Sujet, das in letzter Zeit auf dem Buchmarkt durchaus Konjunktur hat, wie auch die Werke der Autor*innen Didier Eribon und Annie Ernaux aus Frankreich zeigen. Der soziologische Sammelband „Vom Arbeiterkind zur Professur“ vereint wissenschaftliche Analyse und subjektive Erfahrungsberichte. Rund zwanzig Professor*innen geistes- wie naturwissenschaftlicher Fachbereiche aus Deutschland blicken auf ihren Bildungsweg zurück. Die Lektüre habe ich in mancher Hinsicht als augenöffnend empfunden. Dass ich einmal eine akademische Karriere an einer britischen Universität machen würde, war angesichts meiner Herkunft kaum zu erwarten. Meine Mutter war ein politischer Flüchtling aus Slowenien, mein Vater entstammte einer Kleinbauern- und Arbeiterfamilie vom Land. Beide Eltern haben keinen Schulabschluss, mein Vater arbeitete lange als einfacher Dreher in einer Armaturenfabrik. Bücher gab es in unserem Haushalt nahezu keine, dafür aber soziale Aufstiegsambitionen für den Sohn – auch wenn diese kaum auf eine Karriere als Literaturwissenschaftler abzielten.

Saturn-ähnliches Dekortationsbild

PD DR. UWE SCHÜTTE, geboren 1967 in Menden, ist Reader in German an der School of History, Languages and Translation der Aston University in Birmingham, Vereinigtes Königreich. Er studierte Neue Deutsche Literaturwissenschaft, Anglistik und Geschichte an der LMU München und wechselte 1992 nach Großbritannien. Er wurde 1997 beim Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald an der University of East Anglia, Norwich, promoviert. Als Humboldt-Forschungsstipendiat verbrachte Uwe Schütte Gastaufenthalte an der Humboldt-Universität zu Berlin (2008 / 2009) und der Universität Paderborn (2011). Er wurde 2017 extern an der Universität Göttingen habilitiert. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutsche Gegenwartsliteratur (insbesondere W.G. Sebald) und Popmusik (insbesondere Kraftwerk). Als Literaturkritiker und Kulturessayist veröffentlicht er regelmäßig in deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen.

Die Paranoia, als Hochstapler*in enttarnt zu werden

Uwe Schütte
Uwe Schütte

So unterschiedlich die einzelnen Geschichten über den soziokulturellen Aufstieg aus unteren Schichten jeweils ausfallen, stößt man doch immer wieder auf dieselben Punkte. Gefühle und Prägungen nämlich, die auch Eribon und Ernaux ins Zentrum ihrer Erinnerungen stellen: das Gefühl etwa, Verräter*in am Herkunftsmilieu zu sein, begleitet von einer gewissen Scham darüber, Aufsteiger*in zu sein, sowie paranoide Anwandlungen, auf einer wissenschaftlichen Spitzenposition womöglich als Hochstapler*in enttarnt zu werden. Professor*innen aus dem Arbeitermilieu verbindet zudem das grundsätzliche Bewusstsein – besonders bei informellen Zusammenkünften unter Fachkolleg*innen –, sozial Unzugehörige zu sein. Denn, so brachte es der französische Soziologe Pierre Bourdieu schon auf den Punkt, es ist eben alles eine Frage der feinen Unterschiede.


Diese feinen Unterschiede aber vermitteln nicht öffentliche Bildungseinrichtungen, erlernt werden sie im Herkunftsmilieu. Die deutsche Journalistin Anna Mayr, selbst aufgewachsen als Kind sogenannter Langzeitarbeitsloser, macht in ihrer Streitschrift „Die Elenden“ den kategorialen Unterschied fest an der inneren Sicherheit der Bürgerkinder und ihrer quasi naturgemäßen Überzeugung, ein Anrecht auf einen gehobenen Platz auf der Karriereleiter und in der Gesellschaft zu haben. Eine Frage der Lebenseinstellung, der Selbstsicherheit also. Just dieses Bewusstsein aber fehlt jenen begabten jungen Menschen, die eine akademische Laufbahn einschlagen möchten, aber aus einem sogenannten bildungsfernen Haushalt kommen. Das trägt bei dazu, dass sie an den in Deutschland entscheidenden Gelenkstellen jeweils ausgesiebt werden: Gymnasialempfehlung, Abitur, Bachelor, Master, wissenschaftliche Hilfskraftstelle, Promotion, Postdoc, Habilitation, Ruf auf einen Lehrstuhl – das ist der nahezu unüberwindliche Hürdenlauf, den ein Arbeiterkind in Deutschland auf dem Weg zur Professur bewältigen muss. Denn nicht zuletzt traut man es ihnen nicht zu, weil sie es sich selbst nicht zutrauen.

„Die Professor*innen bevorzugten jene Kommiliton*innen, deren Nachnamen sie als adelig auswiesen.“
Uwe Schütte, Literaturkritiker und Kulturessayist

Im Studium änderte sich auf einmal alles

In Vielem habe ich mich wiedererkannt in den Berichten in „Vom Arbeiterkind zur Professur“. Anderes traf nicht zu. Aufgewachsen in den 1970er- und 1980er-Jahren, legte mir das deutsche Schulsystem keine Steine in den Weg; nicht einmal, als ich als Externer ein renommiertes bayerisches Internat besuchte. Als Student der Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München änderte sich alles. In den überfüllten Seminaren war sofort klar, welche Studierenden es durch ihr Auftreten verstanden, sich die Aufmerksamkeit der Professor*innen zu sichern.

Diese wiederum machten keinen Hehl aus der Bevorzugung jener Kommiliton*innen, deren Nachnamen sie als adelig auswiesen oder mit denen bekannter Intellektueller übereinstimmten. Zwischen Vertrauensdozent* innen und Stipendiat*innen der Studienstiftung wurden offen Abmachungen getroffen, um den Prüfungserfolg Letzterer zu sichern. Wollte man promovieren, musste man sich bei den Professor*innen bewerben. Einige meiner Freunde scheiterten daran. Ich habe es aus Mutlosigkeit erst gar nicht versucht.

Stattdessen organisierte ich mir selber ein Auslandsjahr in England, das mich an die University of East Anglia führte. Dort lehrte ein deutscher Germanist namens W. G. Sebald, dessen herausragende Essays über österreichische Literatur für mich den Ausschlag gaben, nach Norwich zu gehen. Nach einem Jahr dort zog mich nichts zurück nach München; ich promovierte bei Sebald, der zu dieser Zeit mit der englischen Übersetzung seines Erzählungsbandes „Die Ausgewanderten“ und dem Prosawerk „Die Ringe des Saturn“ kometenhaft zum wohl bedeutendsten deutschen Schriftsteller des späten 20. Jahrhunderts avancierte. In Birmingham an der Aston University fand ich schnell eine Dozentur und lehre seitdem dort.

Dass meine „Auswanderung“ nach England mir als Arbeiterkind vielleicht keine Professur, sehr wohl aber die ersehnte Universitätskarriere ermöglichte, ist also meine Variante der Aufstiegsgeschichten. Ich habe England daher viel zu verdanken. Nicht nur die Möglichkeit, bei einem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen, beeindruckenden Doktorvater promovieren zu können, der zu Beginn der 1960er-Jahre ebenso keine Chancen für eine Universitätskarriere in Deutschland für sich gesehen hatte. Auch konnte ich mich hier – was mir in Deutschland nicht möglich gewesen wäre – produktiv der Forschung widmen ohne existentielle Sorgen über die Verlängerung von unterbezahlten, befristeten Projektstellen oder die nagende Ungewissheit, ob man als unbezahlter Privatdozent je eine der raren Germanistikprofessuren zu ergattern vermag.

Der Humboldt-Stiftung wiederum habe ich zu verdanken, dass sie mich seit 2008 wiederholt gefördert hat. Ich empfinde ihr meritokratisches Prinzip, Förderentscheidungen ohne Rücksicht auf soziale Herkunft oder Geschlecht zu treffen, sondern allein im Hinblick auf die akademische Exzellenz, als zutiefst fair. Nur ein solch egalitärer Ansatz vermag jene Diversität in den Wissenschaften herzustellen, die sich nicht nur als moralische Notwendigkeit angesichts ungleicher sozialer Chancenverteilung ergibt. Besonders mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaften ist soziale Gerechtigkeit von allergrößter Bedeutung.

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