Nachgefragt

Was kann sie aufhalten, Herr Guck?

Kürzlich war der 30. Jahrestag meines Unfalls. Ich sitze nun schon fast doppelt so lange im Rollstuhl, wie ich laufen konnte. Ich war in der elften Klasse, als der Unfall passierte. Nach einem halben Jahr im Krankenhaus konnte ich zurück zur Schule, mein Abitur machen. Während meines Physikstudiums bin ich in die USA nach Austin, Texas, gegangen; ursprünglich für ein Jahr, aber ich bin da hängen geblieben. Dort habe ich mich zur Biophysik hin orientiert und begonnen zu erforschen, wie sich biologische Zellen mit Laserstrahlen einfangen lassen. Wie und warum verformen sich Zellen, insbesondere Krebszellen? Das ist bis heute mein Forschungsthema.

  • vom 
  • Text: Teresa Havlicek
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

PROFESSOR DR. JOCHEN GUCK ist Direktor am Max- Planck-Institut für die Physik des Lichts, Erlangen, und Professor für Biologische Optomechanik an der FAU Erlangen-Nürnberg. Zuvor forschte er mit einer Humboldt-Professur an der Technischen Universität Dresden.

Die Illustration zeigt Professor Dr. Jochen Guck
Jochen Guck

Nach fünf Jahren wurde es in den USA zunehmend unangenehm. George W. Bush war Präsident, nach 9/11 wurde das Klima insgesamt deutlich unfreundlicher und aggressiver. Also bin ich als Postdoc nach Leipzig. Dort blieb ich fünf Jahre, bis mir das Cavendish Laboratory in Cambridge eine eigene Forschungsgruppe anbot. Zurück nach Deutschland bin ich 2012 gewechselt, als ich mit einer Humboldt-Professur an die Technische Universität Dresden kam. Dresden war dabei, sich neu zu erfinden. Man baute dort eine neue, interdisziplinäre Life Science auf – ich dachte, dort werde ich alt. Doch dann entstand der Kontakt zum Erlanger Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts, wo ich seit 2018 Direktor bin.

Saturn-ähnliches Dekortationsbild

Machen Sie mit!

Wir wollen das Thema Diversität über das Magazin Humboldt Kosmos hinaustragen. Lassen Sie uns diskutieren! Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Meinung oder eigene Geschichte teilen unter #ProgressDiversity.

#ProgressDiversity auf Twitter

Vorbehalte wegen des Rollstuhls sind mir in dieser ganzen Zeit nie begegnet, eher Unwissenheit und Übervorsicht. Ein einziges Mal ist der Rollstuhl in den Vordergrund gerückt: Im Chemiepraktikum während meines Vordiploms gab es Bedenken, ich könnte mir etwas über die Beine kippen und nicht schnell genug reagieren können. Stattdessen sollte ich pro Labortag eine Theorieprüfung machen, 20 insgesamt. Ich habe mich damals an den Behindertenbeauftragten der Uni gewandt, dann durfte ich das Praktikum machen. Die Wissenschaft erlebe ich als ideale Umgebung für Diversität. Forschung hinterfragt permanent die gängigen Denkmuster. Das sorgt für Offenheit und macht es leichter, alle einzuschließen, schräge Vögel und bunte Hunde inbegriffen.

Für mich ist klar: Durch das Leben im Rollstuhl habe ich gelernt zu erkennen, was wirklich wichtig ist und was nur aufhält. Was andere denken und für normal halten? Die Frage stelle ich mir nicht. Mein Normal sieht ohnehin anders aus. Genauso wenig interessiert mich, was gerade populäre Forschungsthemen sind. Ich habe immer gemacht, was mich selbst interessiert hat. Und das war dann schlussendlich das, was gesucht wurde – woran aber niemand sonst gearbeitet hat.

vorheriger Artikel Bloß keine Monokultur
nächster Artikel Frau Mekonnen, wie wurden Sie die erste Professorin Äthiopiens?