Nachgefragt

Wie steinig war der Weg in die Höhen der Mathematik, Frau Pyakurel?

Ich bin in dem kleinen Dorf Kalika 3 aufgewachsen. Es liegt auf einer Ebene im Himalaja, rund 70 Kilometer östlich von Nepals Hauptstadt Kathmandu. Vom Dorf aus blickt man auf das Gebirgsmassiv Jugal Himal; ins Tal hinunter erstreckt sich ein Wald zum Fluss Sunkoshi. Wir lebten völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Es gab weder Strom noch eine Verkehrsanbindung. Wenn ich abends lesen wollte, musste ich mir mit einer Kerosinkerze behelfen. Es war wahrlich nicht vorherzusehen, dass ich einmal eine akademische Karriere machen würde.

  • vom 
  • Text: Mareike Ilsemann
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

PROFESSORIN DR. URMILA PYAKUREL forscht und unterrichtet am Central Department of Mathematics der Tribhuvan University in Kathmandu, Nepal. Sie war von 2017 bis 2019 Humboldt-Forschungsstipendiatin an der TU Bergakademie Freiberg.

Die Illustration zeigt Professorin Dr. Urmila Pyakurel
Urmila Pyakurel

Meine Eltern Mana Maya und Devi Nath Pyakurel bauten Gemüse, Reis und Hirse an. Wir hatten zehn Ziegen, fünf Büffel und drei Kühe sowie vier Ochsen für den Pflug, die Kaluwa, Bichya, Tare and Phurke hießen. Wir lebten von dem, was die Farm hergab. Nur manchmal verkauften wir etwas Ghee oder Ziegenfleisch, um Kleidung oder Medikamente zu kaufen. Als jüngstes von zwölf Kindern blieb mir die Hofarbeit erspart. Aber samstags, wenn keine Schule war, hütete ich im Wald die Kühe und Ziegen.

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Dann saß ich den ganzen Tag am Fluss und gab mich meinen Tagträumen hin. Ich war ungefähr elf oder zwölf Jahre alt und spürte eine große Dunkelheit in meinem Leben. Ich wollte weg, weiter zur Schule gehen und die Welt sehen. Aber zu dem Zeitpunkt waren meine Eltern auf der Suche nach einem Jungen für mich. Kinderehen waren damals noch üblich. Doch meine Brüder überzeugten meinen Vater, mich weiter zur Schule gehen zu lassen. Doch das sollte nicht die letzte Hürde gewesen sein.

Zur weiterführenden Schule waren es zwei Stunden Fußweg in die Berge. Hinaufzusteigen war anstrengend, der Abstieg aber lebensgefährlich, vor allem, wenn es regnete. Ich war ab der vierten Klasse jedes Jahr Klassenbeste. In der achten Klasse durfte ich als einzige*r Schüler*in aus meinem Bezirk an einer Studientour nach Japan teilnehmen. Zum ersten Mal war mein Vater beeindruckt. Von da an ermutigte und unterstützte er mich. Nur als ich an die Universität wollte, musste ich noch einmal kämpfen. Wieder hätten es meine Eltern lieber gesehen, wenn ich geheiratet hätte. Diesmal hat sich mein Cousin für mich eingesetzt.

Die Mathematik faszinierte mich schon als Schülerin. Einen besonderen Ansporn bekam ich auch vom Mathelehrer. Nicht, dass er mir etwas beibringen konnte; er strafte mich mit Missachtung: Ein Mädchen, das gut in Mathe ist, das konnte nicht sein. Damit hat er mich erst recht motiviert. Heute ist die Mathematik mein Leben. Es hätte nicht besser laufen können.

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