Nachgefragt

Herr Murayama, warum sollten wir öfter mal dem Nichtstun frönen?

Ab und an mal nicht das Handy zücken, etwa wenn man auf den Bus wartet. Stattdessen einfach nur dasitzen und den Gedanken freien Lauf lassen. Diese Form der Beschäftigung – oder eher Nicht-Beschäftigung – wird heutzutage völlig unterschätzt, sagt der Psychologe Kou Murayama.

  • vom 
  • Text: Jan Berndorff
Foto von Kou Murayama in einer Hängematte
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

KOU MURAYAMA

Der japanische Psychologe Professor Dr. Kou Murayama forscht zur menschlichen Motivation. Im April 2021 wechselte er mit einer Alexander von Humboldt-Professur von der britischen University of Reading an die Universität Tübingen.

Humboldt-Professor Kou Murayama
Alexander von Humboldt-Professur

Vielmehr hätten die meisten Menschen Angst, sich zu langweilen, sobald sie einmal Leerlauf haben. Murayama untersucht das Nichtstun in Experimenten: So ließ er beispielsweise Proband*innen 20 Minuten in einem dunklen, leeren Raum ohne Beschäftigungsmöglichkeit sitzen. Sie wurden vorab befragt, was sie von der Ruhephase erwarten, und sollten sie im Anschluss beurteilen. „Die meisten befürchteten, dass es eher unangenehm werden würde, waren dann aber überrascht, dass sie es gar nicht so schlecht fanden“, sagt der Forscher. So hätten sie zum Beispiel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was sie an dem Tag noch zu erledigen haben.

In einem anderen Experiment stellte er die Teilnehmenden vor die Wahl, ob sie die Ruhephase mit Nichtstun oder mit Internetsurfen verbringen wollten. Die meisten entschieden sich fürs Internet. Doch in den Bewertungen im Anschluss gab es zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede. Murayama schließt daraus: Wir unterschätzen, wie viel Freude wir aus dem Nichtstun ziehen können und vermeiden es deshalb. Dadurch verpassen wir jedoch auch den Nutzen, wie etwa durch Nachdenken auf kreativere Lösungen für Aufgaben zu kommen oder uns effektiv zu entspannen. „Wer seine Gedanken öfter mal schweifen lässt, trifft oft bessere Entscheidungen im Leben“, so Murayama.

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