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Schwerpunkt

Man kann es nicht kalkulieren

Kommunikationswissenschaftler Hektor Haarkötter im Gespräch über die Regeln der Online-Kommunikation – und darüber, wie man am besten auf einen Shitstorm reagiert.

  • vom 
  • Interview: Kilian Kirchgessner
Hektor Haarkötter hält eine Rede
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

HEKTOR HAARKÖTTER

Prof. Dr. Hektor Haarkötter lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Der frühere Journalist und Humboldt-Gastgeber ist Herausgeber und Autor mehrerer wissenschaftlicher Bücher, etwa „Shitstorms und andere Nettigkeiten. Über die Grenzen der Kommunikation in Social Media“ (2016) oder jüngst erschienen: „Notizzettel. Denken und Schreiben im 21. Jahrhundert“.

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KOSMOS: Herr Haarkötter, gab es so etwas wie Shitstorms auch schon vor der Erfindung der Sozialen Medien?
HEKTOR HAARKÖTTER: Sie scheinen mir tatsächlich eine Erscheinung der digitalen Welt zu sein. Sie kamen aber schon vor Facebook, Twitter und Co. auf, beispielsweise bei Mailinglisten, in denen es bereits rabiate Formen der Auseinandersetzung gab, die kaskadenhaft stattfanden. Genau dieses Kaskadenhafte ist ein wichtiges Kennzeichen von Shitstorms – ein Wort gibt das nächste und die Stimmung heizt sich in unfassbarem Tempo auf.

Ihr Buch über Shitstorms ist 2016 erschienen. Hat sich das Phänomen seither verändert – sind Shitstorms häufiger geworden oder radikaler?
Das lässt sich schwer sagen, weil es ja nicht einmal eine Definition gibt, ab wann wir von einem Shitstorm reden – sind es 50 sehr negative Kommentare oder müssen es eher 500 000 sein? Was sich meiner persönlichen Meinung nach verändert hat, ist, dass Shitstorms heute immer öfter von professionellen Akteur*innen kalkuliert werden – Akteur*innen, die es von vornherein darauf anlegen, die Kommunikation zu vergiften. Trolle, Boulevardzeitungen, aber auch etwa populistische Parteien versuchen dadurch, größtmögliche Aufmerksamkeit für ihr Thema zu generieren. Aber das Erstaunliche ist: Man kann es nicht kalkulieren. Manchmal postet man etwas, das man selbst für kontrovers formuliert hält, und es kommt keine einzige Reaktion. Und ein andermal schreibt man etwas scheinbar Harmloses, aber ausgerechnet das bekommt jemand in den falschen Hals.

Die digitalen Kanäle sind zur Wissenschaftsvermittlung ganz hervorragend geeignet.
Hektor Haarkötter, Kommunikationswissenschaftler und Humboldt-Gastgeber

Welche Lehren ziehen Sie daraus für die Wissenschaft – lieber gar nicht in den sozialen Medien kommunizieren?
Ganz im Gegenteil: Wissenschaftsvermittlung ist heute wichtiger denn je. Und dazu sind natürlich diese digitalen Kanäle ganz hervorragend geeignet.

Können Sie Forschenden ein Rezept an die Hand geben, mit dessen Hilfe sich Shitstorms vermeiden lassen?
Wenn mein ganzes Bestreben darauf hinausläuft, keinen Shitstorm hervorzurufen, dann sollte ich mich in den sozialen Medien nur auf Lateinisch oder Altgriechisch äußern. Aber ganz im Ernst: Ich würde raten, so neutral und so wenig polarisierend wie möglich zu kommunizieren – so wie es ohnehin ein Gebot des guten Benehmens ist.

Und wenn man dann doch in einen Shitstorm gerät: stillhalten und warten, dass das Gewitter vorüberzieht?
Nein, genau das auf keinen Fall! Ein Shitstorm kann fatale Konsequenzen juristischer, beruflicher und privater Natur haben. Man sollte die Sache auf jeden Fall wieder einfangen: mit einer Entschuldigung, wenn man etwas gesagt hat, mit dem man jemandem zu nahe getreten ist. Und in allen anderen Fällen mit einer öffentlichen Erklärung – warum also hat man zum Beispiel so gewertet, wie man gewertet hat? Im Falle der Wissenschaftskommunikation erklärt man am besten seine wissenschaftliche Analyse noch einmal, und in der Öffentlichkeit erreicht man damit im Regelfall auch diejenigen Adressat*innen, die einen nicht absichtlich falsch verstehen wollen.

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