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Deutschland im Blick

Der Kommunikationsboom

Politik, Wissenschaft und Medien wollen die Wissenschaftskommunikation verbessern. Neue Ideen und Initiativen haben Konjunktur.

  • vom 
  • Text: Georg Scholl
Person mit einem mit politischen Parolen beschrifteten Karton auf dem Kopf

Was man als Wissenschaftler*in tun muss, damit die Leute zuhören und einen verstehen? Das Rezept hierfür klingt einfach. „Tu so, als wärst du mit einem guten Freund zu Besuch in einem Pub, ihr steht am Tresen und du erzählst ihm eine Geschichte.“ Das sagt Alok Jha vom Magazin The Economist, einem Aushängeschild des britischen Journalismus.

Tu so, als wärst du mit einem guten Freund zu Besuch in einem Pub, ihr steht am Tresen und du erzählst ihm eine Geschichte.
Alok Jha, Journalist bei The Economist

Jha ist Gastjuror beim Humboldt Communication Lab, einer Veranstaltungsreihe, bei der Wissenschaftler*innen und Journalist*innen aus den Netzwerken der Humboldt-Stiftung und des Internationalen Journalisten-Programms zusammenkommen, um voneinander zu lernen. Dabei entstehen in mehrtägiger Tandemarbeit journalistische Stücke über die eigene Forschung. Am letzten Tag wird es ernst und die Teams stellen ihre Projekte vor. Alok gibt Feedback. Vieles gefällt ihm schon richtig gut. Manches begeistert ihn. Doch immer hat er auch Nachfragen, versteht etwas nicht, gibt Tipps, wie sich etwas verbessern ließe.

So redet man eigentlich nicht als Forscher*in

Gerade das Bild vom Pubbesuch ist für viele Wissenschaftler*innen ein Augenöffner. Sich auf wenige Aussagen oder sogar nur eine einzige konzentrieren, alles andere weglassen, die eigene Forschung als Geschichte erzählen, am besten noch mit sich selbst als Person im Mittelpunkt. So arbeitet man als Wissenschaftler*in eigentlich nicht. Und umgekehrt wird auch den meisten Journalist*innen, von denen die wenigsten auf Wissenschaft spezialisiert sind, klar, wie speziell Forschende ticken und wie schwierig es oft ist, Texte über ihre komplexe Arbeit so zu verdichten, dass sie für Lai*innen interessant und verständlich sind.


Welche Erwartungen gibt es aneinander? Wie gelingt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit? Und was macht gute Wissenschaftskommunikation aus? Gegenseitiges Lernen steht im Zentrum des Communication Lab for Exchange between Research and Media, das die Humboldt-Stiftung 2020 mit Mitteln des Auswärtigen Amts ins Leben gerufen hat. Solche Angebote sind Teil eines aktuellen Booms rund um das Thema Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Die Vorgeschichte begann freilich schon vor 25 Jahren. Damals fanden sich Akteur*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu einer ersten Initiative zusammen und verabschiedeten das Memorandum „Public Understanding of Sciences and Humanities“, das für mehr, professionellere und vor allem stärker auf einen Dialog setzende Wissenschaftskommunikation sorgen sollte. Vieles wurde seither erreicht. Doch immer noch hapert es auch in Deutschland an einer breiten Kommunikationsqualifikation im Wissenschaftsbetrieb und schlüssigen Antworten auf die Herausforderungen der sozialen Medien und den Medienwandel, der Redaktionen ausgedünnt und den Wissenschaftsjournalismus massiv geschwächt hat.

Es wurde also Zeit für neue Konzepte und Initiativen. Dazu zählen neben einer Vielzahl von Konferenzen und Aufsätzen ein 10-Punkte-Plan (PDF) der Allianz der Wissenschaftsorganisationen Deutschlands, zu der auch die Humboldt-Stiftung gehört, sowie die #FactoryWisskomm, eine Denkwerkstatt des Bundesforschungsministeriums. Die brachte 2021 wohl alle Akteur*innen, die in Deutschland zum Thema etwas zu sagen haben, zur Diskussion und Erarbeitung von Empfehlungen an einen Tisch, von Wissenschaftsjournalist*innen über Vertreter*innen von Stiftungen und Förderorganisationen wie der Humboldt-Stiftung bis hin zu Universitäten und Kommunikationsforscher*innen.

Natürlich standen die Diskussionen unter dem Eindruck der aktuellen Pandemie, die dem Thema eine zusätzliche Brisanz gegeben hat. So erhielt etwa der Berliner Virologe Christian Drosten, gewissermaßen der wissenschaftliche Cheferklärer der Pandemie und zurzeit wohl der bekannteste Forscher in Deutschland, Morddrohungen. Auf das Robert Koch-Institut – ebenfalls seit Beginn der Coronazeit in deutschen Medien sehr präsent durch die beinahe tägliche Kommunikation der Infektionszahlen – gab es einen Brandanschlag. Auch die wichtigste deutsche Wissenschaftsakademie, die Leopoldina in Halle, wurde bedroht und von Hacker*innen attackiert.

In dieser Situation überlegt man es sich als Wissenschaftler*in dann doch, wem man im Pub eine Geschichte erzählt. Wer weiß, ob nicht am Ende eine wüste Kneipenschlägerei daraus entsteht.

Christian Drosten, der unter anderem in einem vielgehörten Podcast regelmäßig neueste Forschungserkenntnisse zum Coronavirus und zu Entwicklungen der Coronapandemie erklärt, lässt sich nicht einschüchtern und begreift Wissenschaftskommunikation als Teil seiner Aufgaben. Doch er hat Verständnis für eine gewisse Kontaktscheu mancher Kolleg*innen im Umgang mit Wissenschaftsthemen, die öffentlich kontrovers sind oder werden könnten. „Mit öffentlichen Reflexen umzugehen, sind die meisten Wissenschaftler*innen nicht gewohnt. Das ist nicht Teil ihrer Ausbildung, auch nicht Teil ihrer Alltagserfahrung“, sagt er bei der Abschlussveranstaltung der #FactoryWisskomm.

Drostens Credo ist Transparenz. Das gilt gerade auch bei unklaren Lagen, in denen man sich im Zweifel auf die eigene oder die in Gremien versammelte Berufserfahrung verlassen müsse. „Dann müssen wir sagen, auch wenn wir im Moment keine Evidenz haben, schätzen wir die Lage so und so ein.“

Verständnislose Politik

Solche Vorläufigkeiten sorgten während der Pandemie wiederholt für Verständnislosigkeit – auch bei Politiker*innen, die sich teilweise öffentlich über das Hin und Her der Wissenschaft beklagten. Wenig hilfreich waren in diesem Zusammenhang Medien, die in einer falschen Ausgewogenheit unterschiedliche Stimmen aus der Wissenschaft wie gleichberechtigt nebeneinander stellten, ohne zwischen breitem wissenschaftlichem Konsens auf der einen und einer Mindermeinung auf der anderen Seite zu unterscheiden. Der Eindruck bei den Rezipient*innen: Die Wissenschaft ist zerstritten. In den Medien müsse dringend eine Nachbetrachtung und Selbstreflektion zur Kommunikation während der Pandemie stattfinden, mahnt deshalb Drosten.

Die Coronazeit kann bisher aber auch als eine Erfolgsgeschichte gelesen werden.
Georg Scholl, Humboldt Stiftung, Leiter Kommunikation

Unterm Strich kann die Coronazeit bisher aber auch als eine Erfolgsgeschichte gelesen werden, die durchaus Mut macht. So dürfte die Scientific Literacy der Bevölkerung einen gewaltigen Sprung gemacht haben. Es scheint, die Deutschen sind zu einem Volk von Expert*innen für Infektionsforschung geworden. Begriffe wie R-Wert und Inzidenz, Vektor- und mRNA-Impfstoffe sind in aller Munde. Man kennt sich aus mit den Schwierigkeiten, das Infektionsgeschehen zu modellieren und kann souverän die Namen der unterschiedlichen gerade kursierenden Virusvarianten unterscheiden. Der erwähnte Podcast Christian Drostens, der inzwischen im wöchentlichen Wechsel mit der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek aufgenommen wird, wurde bislang über 100 Millionen Mal abgerufen. Die Hörer*innen nehmen sich für jede Folge rund eine Stunde Zeit, um wissenschaftliche Details erklärt zu bekommen und zu erfahren, wie wissenschaftliche Erkenntnisprozesse ablaufen.

Doch die Coronapandemie hat auch die Skeptiker*innen sichtbarer gemacht. Die Leugner*innen des Klimawandels sind nicht verschwunden. Sie wurden nur übertönt von jenen, die gegen das Maskentragen und Impfen Protest schlagen. Die Gruppe solcher selbsternannten „Querdenker*innen“ wittert großangelegte Verschwörungen des „Systems“, zu dem aus ihrer Sicht nicht nur der Staat, sondern auch Medien und eben weite Teile der Wissenschaft gehören.

Wissenschaftliche Expertise und Wissenschaftskommunikation spielen vor diesem Hintergrund auch eine Rolle für den sozialen Zusammenhalt und den Umgang mit politischen Extremen. Das ist viel zusätzliche Verantwortung für die Wissenschaft, von der sich manche*r überfordert fühlt. Wer sich auf die Kommunikation, besonders zu heißen und gesellschaftlich kontroversen Themen einlässt, braucht neben Kompetenz vor allem Zeit, die nicht jede*r investieren will oder kann. Auch haben nicht alle das nötige Talent. So ist in der Wissenschaft immer wieder die Sorge vor einem Zwang zur Kommunikation laut geworden. Lieber sollte man gezielt diejenigen stärken und sprechen lassen, die gut darin sind und sich für die Aufgabe begeistern.


Viele Ideen zur Stärkung der Wissenschaftskommunikation sind nun im Gespräch, allen voran Schulungsangebote, um die Kommunikationskompetenz von Wissenschaftler*innen zu stärken. Die Anerkennungskultur für Kommunikationsleistungen im deutschen Wissenschaftssystem soll verbessert werden. Eine öffentliche Stiftung könnte qualifizierten Wissenschaftsjournalismus vor allem auf regionaler Ebene fördern. Defence Units an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen könnten Wissenschaftler*innen unterstützen, wenn sie Ziel von Anfeindungen werden. Die Wirksamkeit von Kommunikationsmaßnahmen bei verschiedenen Zielgruppen soll besser erforscht werden, auch um Ressourcen besser einzusetzen. Denn zusätzliche und neue Maßnahmen werden Geld kosten, das womöglich anderswo eingespart werden muss.

Im Gespinst der Verschwörungsmythen

Die Wirkungsforschung ist auch deshalb wichtig, weil es nach vielen Jahren Wissenschaftskommunikation Zweifel gibt, ob und wie man an diejenigen herankommt, die auf wissenschaftliche Fakten pfeifen. Wie also beispielsweise in die Echokammern von Klimawandelleugner*innen hineindringen?

Die Wunderwaffe der Wissenschaftskommunikation, die auch die erreicht, die sich ganz tief ins Gespinst der Verschwörungsmythen zurückgezogen haben, wurde noch nicht gefunden. Doch aufgeben gilt nicht, meint die mit ihrem YouTube-Kanal maiLab in Deutschland erfolgreiche Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim. Wissenschaft müsse sich einmischen, sagt die promovierte Chemikerin zum Abschluss der #FactoryWisskomm. Sonst überlasse sie denen das Feld, die Wissenschaft verdrehen und für politische und ideologische Zwecke instrumentalisieren. Mit ihrem Kanal, den auf YouTube mehr als 1,3 Millionen Personen abonniert haben, hat sie ein Rezept entwickelt, das auch bei Wissenschaftsskeptiker*innen Erfolg haben könnte. „Verschwörungstheorien, die Wissenschaft verdrehen, gehen oft erstaunlich tief ins Detail, auch wenn die Details falsch sind“, hat sie beobachtet. „Der Eindruck bei Laien ist positiv: Hier nimmt sich jemand Zeit und geht in die Tiefe, während anderswo immer mehr verkürzt wird. Unsere Erfahrung ist: Wenn wir hineingehen in Methoden, in Statistik, in Konfidenzintervalle einsteigen, wird das gut aufgenommen. Die Leute wollen es genau wissen. Und nur so hat man am Ende die besseren Argumente.“

Auf Leute, die es genauer wissen wollen, treffen Wissenschaftler*innen, die mehr und besser erklären wollen. Hierauf deuten die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten Online-Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation und der Impact Unit von Wissenschaft im Dialog hin. 80 Prozent der rund 5 700 befragten Wissenschaftler*innen an deutschen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen stimmten der Aussage zu, dass ihnen die Kommunikation Spaß mache und eine Arbeitsbereicherung darstelle. Und 91 Prozent der Befragten meinen, Wissenschaftskommunikation solle zum Ziel haben, die wissenschaftsbasierte Entscheidungsfindung in der Gesellschaft zu stärken.

Nach eineinhalb Jahren Pandemie lassen sich positive Trends für die Wissenschaftskommunikation erkennen – trotz aller strukturellen und individuellen Herausforderungen. Schließlich haben alle Beteiligten viel gelernt: Die Öffentlichkeit darüber, wie Wissenschaft arbeitet, die Wissenschaft, worauf sie bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit achten muss und schließlich die Politik und die Medien, wie sie mit Unsicherheiten und Mindermeinungen in der Forschung besser umgehen können.

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