Pressemitteilung

Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis für Untersuchungen zu Zensur und Desinformation

Hohe Auszeichnung für die Politologin Margaret Roberts und Medaillen für Vanessa Ogle und Wim Decock

  • vom
v.l.n.r.: Margaret Roberts, Wim Decock, Vanessa Ogle

Der Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis 2022 geht an die Politologin Margaret Roberts von der University of California, San Diego. In ihren Forschungsarbeiten hat sie aufgedeckt, wie der chinesische Staat Informationstechnologien zur Zensur einsetzt. Jeweils eine Max-Planck-Humboldt-Medaille erhalten Vanessa Ogle für ihre historische Forschung zu Kapitalismus und Globalisierung sowie Wim Decock für seine Beiträge zu den geschichtlichen Zusammenhängen von Religion, Recht und Kapitalismus.

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Jede Sekunde verschicken Millionen von Internetnutzern auf der ganzen Welt Kurznachrichten, diskutieren in Online-Foren oder teilen ihre Ansichten auf Social-Media-Accounts mit Hunderttausenden von Followern. Wie kann es trotzdem sein, dass einzelne autoritäre Regimes und Kriminelle wirkungsvoll Falschnachrichten im Internet verbreiten und die Öffentlichkeit manipulieren? Das ist die zentrale Frage der Forschung von Margaret (Molly) Roberts. Die Politologin von der University of California, San Diego, hat dazu in den vergangenen Jahren innovative Analysewerkzeuge entwickelt und wichtige Erkenntnisse gewonnen.
Methodisch hat Roberts auf dem Gebiet des topic modeling Pionierarbeit geleistet: Mit diesem Verfahren lassen sich Textsammlungen, wie beispielsweise Parlamentsreden oder Medienartikel, auf übergeordnete Themenfelder und verborgene semantische Strukturen hin untersuchen. Inhaltlich hat Margaret Roberts weitreichende Erkenntnisse über Zensur und Online-Propaganda in China gewonnen: Demnach nutzt der chinesische Staat das Internet, um Dissidenten immer dann zum Schweigen zu bringen, wenn kollektive Proteste drohen. Das Regime setzt Zensur strategisch ein, um die Öffentlichkeit mit ausgewählten Inhalten zu bespielen. Eine Strategie ist beispielsweise, das Internet mit irrelevanten Inhalten zu fluten, um das Volk zu spalten, sobald Unzufriedenheit oder Kritik aufkommt.

Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis 

Von San Diego nach München und Konstanz

Margaret Roberts studierte Internationale Beziehungen und Wirtschaft an der Stanford University und schloss dort zudem einen Master in Statistik ab. 2014 promovierte sie an der Harvard University in Staatswissenschaften bei Gary King, einem weltweit führenden Spezialisten für quantitative Methoden. Margaret Roberts ist derzeit Professorin im Department für Politikwissenschaft und am Halıcıoğlu Data Science Institute der University of California, San Diego. Außerdem ist sie Co-Leiterin des dortigen China Data Lab am 21st Century China Center.
Die außergewöhnliche Karriere und das innovative Forschungsprofil der Kandidatin haben das Auswahlkomitee des Max-Planck-Humboldt-Forschungspreises überzeugt – zumal Margaret Roberts einen vielversprechenden Vorschlag für das mit dem Preis verbundene Kooperationsprojekt in Deutschland vorgelegt hat: In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und der Universität Konstanz plant sie, die undurchsichtigen Moderationsverfahren von Social-Media-Plattformen zu analysieren. Angesichts der bedrohlichen Auswirkungen dieser Techniken auf unsere Demokratien ist das Thema außerordentlich relevant. Das Preisgeld von 1,5 Millionen Euro wird sie dabei unterstützen, die Forschung in diesem Bereich wesentlich voranzutreiben.

Ein neues Verständnis der Zeit

Neben dem Forschungspreis geht jeweils eine Max-Planck-Humboldt-Medaille an eine Historikerin und einen Historiker: Vanessa Ogle, Associate Professor für Geschichte an der Yale University, hat mit ihrem Buch „The Global Transformation of Time: 1870 - 1950“ ein völlig neues Verständnis geschaffen, wie sich in diesen 80 Jahren die Auffassung von Zeit vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen gewandelt hat. Aktuell arbeitet die gebürtige Deutsche an einem Buch, das die Entstehung von Steuerparadiesen, Offshore-Finanzierung, Billigflaggen und Freihandelszonen nachzeichnet und dieses ausgeklügelte System beleuchtet, das sich häufig dem Zugriff nationaler Regierungen und Regulierungsbehörden entzieht.

An der Schnittstelle zwischen Theologie, Rechts- und Wirtschaftsgeschichte

Die zweite Max-Planck-Humboldt-Medaille 2022 erhält Wim Decock. Der Professor für Römisches Recht, Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung an den Universitäten Louvain-la-Neuve und Lüttich, Belgien, gilt als einer der führenden Historiker seiner Generation. Auf dem Gebiet der Rechtsgeschichte in der Spätscholastik gehört er sogar zur weltweiten Spitze. Decocks wichtigste Publikation ist sein Buch „Theologians and Contract Law“, das die Schnittstellen zwischen Rechts- und Wirtschaftsgeschichte sowie Theologie beleuchtet. Das Buch ist einer der wichtigsten neueren Beiträge zur Geschichte des modernen europäischen Vertragsrechts.

Über den Preis

Die Max-Planck-Gesellschaft und die Alexander von Humboldt-Stiftung verleihen den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis jährlich an eine Forscherin oder einen Forscher aus dem Ausland. Die Auszeichnung wird durch 80.000 Euro persönliches Preisgeld ergänzt. Im Fokus stehen Persönlichkeiten, deren Arbeiten sich durch herausragendes Zukunftspotenzial auszeichnen. So werden mit dem Preis besonders innovative im Ausland tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für einen zeitlich flexibel gestaltbaren Aufenthalt an einer deutschen Hochschule oder Forschungseinrichtung gewonnen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung übernimmt die Finanzierung.
Der Preis wird jährlich abwechselnd auf den Gebieten der Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Lebenswissenschaften sowie der Geistes- und Sozialwissenschaften vergeben. Zudem können bis zu zwei weitere Personen mit der Max-Planck-Humboldt-Medaille ausgezeichnet werden. Diese ist mit einem persönlichen Preisgeld in Höhe von 60.000 Euro dotiert.
Die Verleihung der Max-Planck-Humboldt-Forschungspreise sowie der Max-Planck-Humboldt-Medaillen für die Jahre 2022 und 2021 findet am 3. November 2022 in Berlin statt.

(Pressemitteilung 28/2022)

Jährlich ermöglicht die Alexander von Humboldt-Stiftung über 2.000 Forscher*innen aus aller Welt einen wissenschaftlichen Aufenthalt in Deutschland. In weltweit über 140 Ländern pflegt die Stiftung ein fächerübergreifendes Netzwerk von mehr als 30.000 Humboldtianer*innen – unter ihnen 59 mit Nobelpreis.

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