Zukunft Wissenschaft 2035 - Ein strategischer Foresight-Report

Wie sieht die internationale Wissenschaft im Jahr 2035 aus? Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat im Auftrag der Humboldt-Stiftung Zukunftstrends analysiert und zeigt, was sie für Forschende und Wissenschaftsorganisationen wie die Humboldt-Stiftung bedeuten. Das Ziel: die Zukunftsfähigkeit der Stiftung und der Wissenschaft insgesamt zu stärken.

Wie wird sich das internationale Wissenschaftssystem bis 2035 verändern? Welche Entwicklungen beeinflussen die internationale Zusammenarbeit von Forschenden – und was bedeuten sie für die Arbeit von Wissenschaftsorganisationen wie der Alexander von Humboldt-Stiftung? Der Foresight-Report „Zukunft Wissenschaft 2035“ untersucht zentrale Faktoren, die die internationale Wissenschaftskooperation in den kommenden Jahren prägen werden. Betrachtet werden insbesondere Wissenschaftsfreiheit und freiheitliche Werte, geopolitische Konflikte und Machtverschiebungen, Veränderungen internationaler Mobilität sowie die wachsende Bedeutung digitaler Technologien und künstlicher Intelligenz.

Der Report zeigt: Das globale Wissenschaftssystem befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Offenheit und internationale Zusammenarbeit bleiben zentrale Grundlagen wissenschaftlichen Fortschritts, geraten jedoch verstärkt unter geopolitischen, politischen und technologischen Druck. Länderübergreifende Kooperationen verschwinden dabei nicht; sie werden selektiver, stärker reguliert und zunehmend durch geopolitische Interessen geprägt.

   

Methodik

Foresight (dt. “strategische Vorausschau”) ist ein strukturierter Prozess in der Strategieentwicklung, um mögliche zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, unterschiedliche Zukunftspfade zu betrachten und daraus handlungsrelevantes Wissen für heutige Entscheidungen zu gewinnen. Anders als klassische Prognosen versucht Foresight nicht, ein bestimmtes Zukunftsszenario vorherzusagen, sondern erweitert den Blick auf verschiedene plausible Entwicklungen und definiert entsprechend mehrere mögliche Szenarien. Diese sollen helfen, strategische Handlungsspielräume auch unter Unsicherheit zu sichern und die Resilienz von Organisationen, Unternehmen, aber auch politische Entscheidungsträger*innen gegenüber möglichen Veränderungen und Krisen zu stärken. Foresight geht entsprechend davon aus, dass die Akteure proaktiv an der Umsetzung wünschenswerter Zukunftsbilder mitwirken können.

Der Foresight-Report Zukunft Wissenschaft 2035 verbindet dazu verschiedene wissenschaftlich fundierte Methoden, z.B. aus der empirischen Sozialforschung. Ein KI-gestütztes Horizon Scanning in wissenschaftlichen Datenbanken identifizierte relevante Zukunftsthemen und Trends. Eine zweistufige Delphi-Befragung mit externen Expert*innen diente dazu, diese Entwicklungen einzuordnen und hinsichtlich ihrer möglichen Wirkung zu gewichten. Bibliometrische Netzwerkanalysen machten Veränderungen globaler Forschungs- und Kooperationsstrukturen sichtbar, während Länderanalysen regionale Entwicklungen und mögliche zukünftige Wissenschaftszentren untersuchten. Ergänzend wurden die Perspektiven und zukünftigen Bedarfe in einer Befragung von Gastgebenden von Geförderten der Humboldt-Stiftung an Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland erfasst.

Zukunft Wissenschaft 2035 – Ergebnisse im Überblick

Im Foresight-Prozess wurden vier zentrale Szenarien für das Wissenschaftssystem im Jahr 2035 abgeleitet. Sie zeigen, wie sich Rahmenbedingungen für internationale Wissenschaftskooperationen verändern könnten – und welche strategischen Herausforderungen, aber auch Optionen sich daraus für Organisationen wie die Humboldt-Stiftung ergeben.

Die wichtigsten Punkte:

  • GEOPOLITIK VERDRÄNGT OFFENHEIT: Akademische Isolation, instrumentalisierte Kooperationen und Sicherheitsaspekte gehören zu den wirkungsmächtigsten Trends. Kooperationen werden selektiver, regulierter und geopolitisch gerahmt. 
  • SCHWÄCHUNG AUTONOMER GOVERNANCE-STRUKTUREN UND SELBSTZENSUR: Politische Vereinnahmung von Hochschulen und messbare Selbstzensur werden systemische Realitäten, auch in demokratischen Wissenschaftsnationen.
  • DIGITALE MACHTASYMMETRIEN: Wer KI-Modelle und Forschungsinfrastrukturen kontrolliert, kontrolliert zunehmend wissenschaftliche Standards und Zugänge.
  • MOBILITÄT FOLGT WERTEN: Zugehörigkeit, institutioneller Schutz und die normative Passung zwischen individuellen Überzeugungen und dem akademischen Freiheitsklima am Zielort werden zu eigenständigen Mobilitätstreibern.
  • WEITERE MACHTVERSCHIEBUNG IN DER WISSENSPRODUKTION: China bildet zunehmend das Zentrum eines asiatischen Forschungsnetzwerks. Die euro-atlantische Struktur des globalen Wissenschaftssystems bekommt einen starken Mitspieler, der Standards, Netzwerke und Prioritäten zunehmend eigenständig setzt.

Vier mögliche Zukunftsbilder für 2035

Illustration eines Zukunftsszenarios 'Werte als Wettbewerbsvorteil', Vernetzung von Politik und Forschung
Szenario 1 - Werte als Wettbewerbsvorteil: Freiheitliche Werte und Wissenschaftsfreiheit werden zu einem entscheidenden, messbaren Wettbewerbsvorteil und Standortfaktor für Deutschland.
Illustration eines Zukunftsszenarios 'Gemeinsame internationele Verantwortung', internationale Netzwerke und Solidarität in der Wissenschaft
Szenario 2 - Gemeinsame internationale Verantwortung: Science Diplomacy und die aktive Mitgestaltung eines transnationalen Freiheitsraums durch internationale Netzwerke und Solidarität werden zur tragenden Praxis der globalen Wissenschaft.
Illustration eines Zukunftsszenarios 'Wissenschaft unter Regulierung", eingeengter Handlungsspielraum für die Wissenschaft
Szenario 3 - Wissenschaft unter Regulierung: Zunehmende regulatorische Anforderungen, politische Rahmensetzung und schleichende Selbstzensur verengen den Handlungsspielraum für Wissenschaft.
Illustration eines Zukunftsszenarios 'Geopolitische Fragmentierung', Grenzen erschweren internationale Zusammenarbeit in der Wissenschaft
Szenario 4 - Geopolitische Fragmentierung: Geopolitische Blöcke und neue Grenzen erschweren Kooperation und Wissensaustausch zwischen Regionen.

Strategischer Modus: Positionierung und Expansion

Deutschland bleibt freier Wissenschaftsstandort in einer Welt, in der Wissenschaftsfreiheit vielerorts unter Druck gerät. Forschende aus politisch fragilen Systemen wählen Deutschland wegen seiner normativen Verlässlichkeit und digitalen Sicherheit. Freiheitliche Werte und Wissenschaftsfreiheit werden zum messbaren Standortvorteil.

Strategischer Modus: Mitgestaltung und Brückenbau

Wissenschaftsfreiheit ist global eine aktiv gesicherte Grundbedingung. Internationale Netzwerke werden zur Infrastruktur transnationaler Solidarität. Science Diplomacy wird zur tragenden Praxis und die Aufrechterhaltung eines offenen und freiheitlichen Forschungsraums zu einem Ziel internationaler Kooperationen. Neben dem transatlantischen Kern gewinnt ein asiatisches Wissenschaftscluster erheblich an Gewicht; der transnationale Freiheitsraum muss gezielt Brücken in diese wachsenden Wissensregionen schlagen. Strukturell schwach vernetzte Regionen wie das subsaharische Afrika bedürfen besonderer Einbindung. Die Humboldt-Stiftung agiert nicht als Anbieter eines nationalen Sonderwegs, sondern als Mitgestalterin eines transnationalen Freiheitsraums.

Strategischer Modus: Verteidigung und Kohärenz

Deutschland selbst gerät unter regulatorischen Druck: Compliance-Verdichtung, politische Rahmensetzung und schleichende Selbstzensur verengen den Handlungsspielraum – ohne formalen Bruch mit der Wissenschaftsfreiheit. KI-Systeme werden zum Instrument der stillen Steuerung von Forschungsinhalten. Die selbstauferlegten Kooperationseinschränkungen addieren sich zu einem laufenden Prozess relativer Marginalisierung im globalen Wissensnetzwerk. Die Humboldt-Stiftung muss ihre eigene Unabhängigkeit gegenüber dem sie finanzierenden politischen System verteidigen.

Strategischer Modus: Navigation und Anpassung

Das globale Wissenschaftssystem zerfällt entlang geopolitischer Linien: Mobilität wird zum Sortierungsinstrument, Kooperationen werden sicherheitspolitisch gerahmt. KI-Infrastrukturen werden zu geopolitischen Druckmitteln. Wer den Zugang verliert, fällt bei wissenschaftlichem Output und Qualität zurück. Das asiatische Wissenschaftscluster mit China im Zentrum setzt zunehmend eigene normative Standards. Strukturell marginalisierte Regionen – insbesondere das subsaharische Afrika – drohen zwischen entstehenden Blöcken aufgerieben zu werden. Politische Verfolgung, Kriegsdisruption und regulatorische Verengung sind qualitativ verschiedene Krisentypen, die unterschiedliche Antworten verlangen.