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„Es war einfach phänomenal“

Was die wissenschaftliche Politikberatung zur Pandemie in Uruguay so erfolgreich machte. Ein Interview mit Rafael Radi, Generalkoordinator des uruguayischen Wissenschaftsrats

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Drei Personen sitzen hinter einem Pult auf einer Pressekonferenz der GACH; in der Mitte: Rafael Radi als Generalkoordinator
Rafael Radi als Generalkoordinator auf einer Pressekonferenz der GACH

Politikberatung in Zeiten der Pandemie ist für die Wissenschaft nicht immer einfach. Virolog*innen beispielsweise in den USA, Brasilien, aber auch teilweise in Deutschland können ein Lied davon singen. In Uruguay dagegen lief das Zusammenspiel zwischen Forschung, Wissenschaft und Öffentlichkeit beispielhaft gut, meint der Humboldt-Forschungspreisträger Rafael Radi, Spezialist für Biochemie und Biomedizin sowie Gründungsmitglied und Generalkoordinator des Wissenschaftsrates GACH. Die Dankesrede des Präsidenten Uruguays für die ehrenamtlichen Wissenschaftler*innen wurde landesweit ausgestrahlt.

Humboldt-Stiftung: Erst kürzlich lobte das Wissenschaftsmagazin Nature die Gründung des uruguayischen Wissenschaftsrats GACH als vorbildhaft. Was war an diesem Gremium so besonders?
Rafael Radi: Im April 2020, zu Beginn der Pandemie, war die Gründung eines Wissenschaftsrats wie des GACH in Uruguay eine völlig neue Sache. Politikberatung durch die Wissenschaft zu institutionalisieren – das hatte es zuvor noch nicht gegeben. Viele andere Organisationen haben sich damals bei uns erkundigt, auch das Robert Koch-Institut, oder das International Network for Government Science Advice (INGSA) der UNESCO und die WHO. Der GACH war eine Innovation für ein Land, in dem es zuvor wenig Dialog zwischen der Wissenschaft, der Politik und der Öffentlichkeit gegeben hatte.

Portät von Rafael Radi in seinem Labor
Rafael Radi in seinem Labor

Was war die größte Herausforderung?
Rein aus der Perspektive der Wissenschaft war es klar, was zu tun ist, um die Pandemie einzudämmen. Aber in der Politik müssen verschiedene Interessen abgewogen werden. Das war teilweise etwas stressig, wir Wissenschaftler*innen, die mit vollem Elan an die Sache herangingen, mussten uns plötzlich mit politischen Spannungen und Diskussionen auseinandersetzen. Unsere Aufgabe war es, die Standpunkte auszubalancieren und etwas zu erreichen, ohne wirklich politische Einflussnahme zu besitzen. So versuchte ich als Generalkoordinator, meine persönliche Meinung etwas zurückzuhalten und einen Konsens aus den Meinungen aller beteiligten Wissenschaftler*innen zu vermitteln. Da wir als Abgesandte unserer Universitäten unabhängig waren und ehrenamtlich arbeiteten, konnten wir jederzeit frei sagen, was wir dachten. Den größten Teil der Zeit war das ein fruchtbarer Prozess, nur in den Monaten März bis Mai 2021 war es schwierig, weil die Regierung wirklich über große Einschränkungen entscheiden musste, als die Inzidenzen aufgrund der P.1- oder Gamma- Variante aus Brasilien stark anstiegen.

Welche Entwicklung hat die Beratungsgruppe durchlaufen?
Zu Beginn ging es bei den Beratungen nur um medizinische Fragen und das Pandemiemanagement. Die Regierung wollte weiterhin allein über soziale und wirtschaftliche Fragen entscheiden. Nach einigen Monaten stellten wir fest, dass auch das Wissen aus anderen Disziplinen wie der Soziologie, Psychologie und der Wirtschaft herangezogen und berücksichtigt werden musste. Es ging darum, Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bringen, dafür mussten wir über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinausschauen. Es ging nicht rein um virologisches Fachwissen, sondern um Interdisziplinarität.

Hintergrund: Die über 90 Papiere der Beratungsgruppe und weitere Informationen finden Sie hier 

Können Sie ein Beispiel geben?
Wichtig war zum Beispiel, von Kolleg*innen aus der Psychologie und Soziologie zu erfahren, wie die Menschen über die Pandemie denken und wie sie das Ansteckungsrisiko wahrnehmen. Wir erfuhren, dass sie dachten, Covid-19 sei etwas, was anderen passiert, aber nicht ihnen und auch nicht ihren Liebsten, und deshalb könnten sie auch Freund*innen treffen. Dabei haben wir gelernt, wie wichtig gute Kommunikation ist. Das Wissen muss nicht nur gebündelt und aufbereitet werden, es muss auch bei den Menschen ankommen. Wir haben an unserer Ausdrucksweise gearbeitet, waren immer so objektiv wie möglich. Bei der Kommunikation hat uns das Wissen anderer Disziplinen geholfen.

Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Für uns war die Kommunikation mit der Gesellschaft eine große Errungenschaft. Uns wurde eine große Glaubwürdigkeit bestätigt, fast 90 Prozent der Bevölkerung standen hinter dem GACH. Wenn wir uns einschalteten, glaubten uns die Leute, wir wurden als objektiv wahrgenommen, auch wenn wir Einschränkungen des öffentlichen Lebens empfahlen. Wir erstatteten Bericht im Senat, unsere Meinung wirkte sich positiv auf die politischen Spannungen aus. Sie müssen wissen, nichts ist in einer Pandemie so schädlich wie politische Uneinigkeiten. Sie sind ein Risiko, sie begünstigen die Pandemie.

Wie lautet Ihr persönliches Fazit zur Arbeit des GACH?
Es gibt zwei Dinge, die ich nicht erwartet hatte und die ich als großen Gewinn sehe: Erstens, der Dialog mit der Gesellschaft. Durch den GACH hat Wissenschaft allgemein Anerkennung erfahren. So ist dieses Jahr die Anzahl der Studierenden, die sich für ein naturwissenschaftliches Studium entschieden haben um 45 Prozent angestiegen. Und der zweite große Schatz sind die Freude und das Glück, die wir aus der interdisziplinären Zusammenarbeite ziehen konnten. Es war sehr zufriedenstellend, dass Mathematiker*innen mit Intensivmediziner*innen, Biolog*innen mit Virolog*innen diskutiert haben, Soziolog*innen mit Biochemiker*innen. Noch nie haben wir einen interdisziplinären Dialog in einem so großen Rahmen geführt. Das ist einfach phänomenal und für mich eine große Bereicherung gewesen. Es war eine Freude zu sehen, wie meine Mathematik-Kolleg*innen so sichtbar geworden sind, sonst arbeiteten sie immer versteckt.

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