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Familie forscht

Noch weiß niemand, wie sich die Pandemie auf die Karriere von Nachwuchsforschenden auswirken wird. In einer dreiteiligen Serie porträtieren wir Feodor Lynen-Stipendiat*innen und zeigen, wie sie mit den Herausforderungen umgehen.

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Eine Slawistin, zwei Kinder, ein Jahr Wissenschaft im Ausnahmezustand – die Feodor Lynen-Stipendiatin Gesine Drews-Sylla ging mit ihrer Familie nach Prag. Dann kamen Corona und die Erkenntnis, dass Loslassen hilft und unerwartete Herausforderungen Forschung voranbringen können.

Denkt Lynen-Stipendiatin Gesine Drews-Sylla an ihr Homeoffice im Prager Stadtteil Jinonice, denkt sie an den Weitblick von ihrem riesigen Balkon. An die Moldau, die unten durchs Tal fließt, und an die grüne Seite der tschechischen Metropole. Die habilitierte Slawistin kam im Spätsommer 2019 für ein Jahr mit ihrer achtjährigen Tochter und ihrem 12-jährigen Sohn nach Prag, um als Gast ihres Kooperationspartners Václav Petrbok am Institut für Tschechische Literatur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften zu forschen. Ihr Mann blieb aus beruflichen Gründen in Tübingen, ursprünglich plante die Familie zu pendeln und sich an den Wochenenden abwechselnd in Prag und Tübingen zu treffen. Das Jahr, von dem sich die Wissenschaftlerin vor allem neue Blickwinkel auf ihre Forschung erhoffte, brachte ihr einen gänzlich unerwarteten Perspektivwechsel – auf die Stadt und auf ihr wissenschaftliches Arbeiten. „Kaum hatte ich das Gefühl, jetzt sitzen die Kinder und ich im Sattel, da kam Corona“, sagt Gesine Drews-Sylla. „Montags war ich noch auf einer Stadtführung, mittwochs schlossen die Schulen und sonntags waren die Grenzen zu. Das ging Schlag auf Schlag.“

Die Sehenswürdigkeiten waren geschlossen, aber die berühmteste Touristenattraktion ist zum Glück immer auf und gratis: Prags Brückenpanorama

Obwohl die Familie jederzeit hätte ausreisen können, blieb sie erst einmal im Land. „Anfang März 2020 gab es kaum Coronafälle in Prag, wir fühlten uns sicher. Ich wollte vor Ort sein, um Materialien zu sammeln, noch besser Tschechisch zu lernen und um Kontakte aufzubauen“, sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Drews-Sylla. Ihr ursprüngliches Vorhaben: Sie wollte im Rahmen einer Monografie erforschen, wie Roma und Romnija in der zeitgenössischen tschechischen Kultur repräsentiert werden und welche Rolle die Themen Rassismus und Partizipation im kulturellen Gesamtkomplex einnehmen.

Flexible Anpassung

Als sich ihre Prager Wohnung im März von heute auf morgen in ihr Büro und gleichzeitig auch ins Klassenzimmer ihrer Kinder verwandelte, musste Drews-Sylla sowohl das Familienleben als auch ihr wissenschaftliches Arbeiten umstrukturieren. Durch die Grenzschließung konnte ihr Partner nicht wie geplant an den Wochenenden bei der Familie sein. Die Anforderungen von Kinderbetreuung und Homeschooling gerieten punktuell mit ihrer Forschungsarbeit in Konflikt. Doch Drews-Sylla passte wie so viele andere Mütter und Väter weltweit ihre Arbeit so gut wie möglich der neuen Situation an. Da das Arbeiten in Bibliotheken nicht wie gewohnt möglich war, kaufte sie viele Bücher online. „Natürlich waren auch alle Sehenswürdigkeiten geschlossen, so dass wir unsere Freizeit anders organisieren mussten. Daraus erwuchs unverhofft ein ganz neuer Blick auf die Stadt. Wir kauften uns Second-Hand-Fahrräder und entdeckten damit Ecken Prags, in die wir ohne Corona nie gekommen wären.“ Für ihre zwei Kinder war das Jahr in Prag spannend und herausfordernd zugleich. Rückblickend finden beide, dass es sich gelohnt hat. Sie konnten eine andere Sprache erleben, ihren Horizont erweitern und neue Freundinnen und Freunde finden. „Anfangs musste ich sehr viel Energie dafür aufwenden, dass die beiden gut in der neuen Stadt ankommen und sich zu Hause fühlen. Zum Glück haben wir über die Schule sehr bald eine Familie kennengelernt, mit der wir dann eng befreundet waren“, sagt Drews-Sylla.

Noch immer ist die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere keine Selbstverständlichkeit. Da setzen unsere Programme an.
Monika Lieb, Referatsleiterin in der Abteilung Förderung & Netzwerk der Humboldt-Stiftung

Familienfreundliche Förderung

Dass sie den Forschungsaufenthalt gemeinsam mit ihren Kindern machen konnte, wurde vor allem durch den finanziellen Rahmen im Feodor Lynen-Stipendium möglich. „Ohne die Tatsache, dass die Humboldt-Stiftung die Schulgebühren übernahm und auch Geld für die Kinderbetreuung bereitstellte, wäre es schlichtweg nicht gegangen“, sagt Drews-Sylla. Familienfreundlichkeit ist für die Humboldt-Stiftung ein wichtiger Aspekt. Unter den 142 aus Deutschland geförderten Stipendiat*innen im Frühjahr 2020 hatten 43 Kinder, 30 davon wurden von ihren Kindern ins Ausland begleitet. Neben Familienzuschlägen für Partner*innen und einer pauschalen Kinderzulage sind auch Zuschüsse zu Kinderbetreuungskosten und Verlängerungen als Unterstützung zu Erziehungszeiten möglich. Monika Lieb, Referatsleiterin in der Abteilung Förderung & Netzwerk der Humboldt-Stiftung sagt: „Noch immer ist die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere keine Selbstverständlichkeit. Die Erwartungshaltung, in der Forschung durchgehend in Vollzeit beziehungsweise über die normale Arbeitszeit hinaus beschäftigt zu sein, wird der Lebensrealität von Familien nicht gerecht. Da setzen unsere Programme an.“

Wichtige Sichtbarkeit 

Auch für Drews-Sylla, die in Prag allein für ihre zwei Kinder sorgte, war die Vereinbarkeit von Forschung und Familienleben in der Zeit der Pandemie eine Herausforderung. Ihre wichtigste Erkenntnis: „Auch wenn es zwischendurch immer wieder wahnsinnig stressig war beidem gleichermaßen gerecht zu werden, bin ich mit meiner Arbeit erstaunlich gut vorangekommen.“ Was sie in diesen Monaten ebenfalls lernte: „Dass man manchmal auch loslassen muss. An vielen Tagen musste ich es einfach nur irgendwie laufen lassen.“

In der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Prag konnte Gesine Drews-Sylla wegen der Corona-Pandemie nicht so arbeiten, wie sie es geplant hatte - trotzdem war das Jahr für sie erfolgreich.

Zu Beginn der Pandemie las Drews-Sylla den Facebook-Post eines Kollegen, der schrieb: „Was mache ich denn jetzt mit der ganzen Freizeit? Ich schreibe einen 100 Seiten-Artikel.“ Drews-Sylla: „Ich las das und war schon sehr frustriert. Denn was ich zwischen Homeschooling und Kinderbetreuung nicht machen konnte, war Schreiben“. Drews-Sylla reichte in dieser Zeit keine Artikel ein. So wie ihr ging es weltweit auch vielen anderen Wissenschaftlerinnen, die sich in den sozialen Medien unter dem Hashtag #coronapublicationgap zu Wort meldeten. Inwieweit sich die Pandemie auf die Karriere von Forscherinnen auswirken könnte, ist derzeit noch nicht abzusehen. „Was Covid im positiven Sinne verändert hat: Dass hinter vielen Wissenschaftler*innen Familien stehen und dass Vereinbarkeit noch immer ein Thema ist, ist nun – dank durchs Bild huschender Kinder oder Forscher*innen, die früher aus einem Meeting müssen, um das Mittagessen zu kochen – sichtbar geworden“, sagt Referatsleiterin Lieb.

Für Drews-Sylla war das Pandemiejahr letztlich trotz aller Widrigkeiten erfolgreich. Im Sommer 2020 entschied sie sich, nach Deutschland zurückzukehren. Zum einen sollten ihre Kinder angesichts der Pandemielage zum neuen Schuljahr in ihr altes Umfeld zurückkehren. Zum anderen warb Drews-Sylla eine Heisenberg-Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein, die sie am Slavischen Seminar der Universität Tübingen antreten konnte. Im Frühling 2021 erhielt Drews-Sylla dann den Ruf der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Dort leitet sie nun den Lehrstuhl für Literatur und Kultur Russlands. „Für mich ist dadurch ein Traum in Erfüllung gegangen, nach Jahren existenzieller Unsicherheit endlich anzukommen. Das Feodor Lynen-Stipendium und mein Auslandsaufenthalt haben sicherlich dazu beigetragen“, sagt Drews-Sylla. Die Zeit in Prag vermisst sie sehr, den Kontakt zu ihren akademischen Kolleg*innen der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und zur Romistik der Karls-Universität hält sie aufrecht. Dort lernt sie nun in einem Online-Kurs Romani, die Sprache der Roma. „Ohne Corona wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass das möglich sein könnte“, sagt Drews-Sylla. Auch wenn sie noch nicht absehen kann, in welcher Weise sie ihr Stipendium eines Tages fortsetzen wird, ist sich die Wissenschaftlerin sicher: „Dieses Jahr war der Anfang von etwas. Und Prag ist nicht weit weg.“

Autorin: Esther Sambale

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Prof. Dr. Gesine Drews-Sylla habilitierte 2018 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen im Bereich Slavische Literatur- und Kulturwissenschaft sowie Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft zum Thema „Zwischen Moskau und Dakar: Literarische, filmische und kulturelle Verflechtungen.“ Als Feodor Lynen-Forschungsstipendiatin für erfahrene Wissenschaftler*innen war sie ein Jahr am Institut für Tschechische Literatur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften zu Gast. 2020 wurde sie in das Heisenberg-Programm der DFG aufgenommen. Seit 2021 leitet sie den Lehrstuhl für Literatur und Kultur Russlands an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

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