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Vom Umweltrechtler zum Generalkontrolleur Chiles: Was die Laufbahn des Humboldtianers Jorge Bermúdez Soto besonders prägte. Ein Interview.

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Wissenschaftler, Umweltrechtler, Generalkontrolleur der Republik Chile und seit diesem Jahr Vorsitzender des United Nations Board of Auditors – in der Laufbahn des Humboldt-Alumnus Jorge Bermúdez Soto spielen persönliche Entwicklung und Gerechtigkeit eine bedeutende Rolle. Mit seiner Arbeit will er etwas für die Gesellschaft tun. Im Kampf gegen Korruption und zum Schutz der Demokratie seines Landes, das sich derzeit in einem historischen Prozess der Verfassungsänderung befindet. Wie die Forschungsaufenthalte in Heidelberg und Gießen seinen Karriereweg beeinflussten, was sich Bermúdez Soto für Chiles Wissenschaft und Forschung wünscht, erzählt er im Interview.

Generalkontrolleur der Republik Chile Jorge Bermúdez Soto bei einer Rede. Er steht vor einer chilenischen Fahne.
Der Generalkontrolleur der Republik Chile Jorge Bermúdez Soto bei einer Rede.
Professor Bermúdez Soto während eines Online-Meetings an seinem Schreibtisch in Santiago de Chile.
Professor Bermúdez Soto während eines Online-Meetings an seinem Schreibtisch in Santiago de Chile.

Humboldt-Stiftung: Herr Bermúdez Soto, wenn Sie an Ihre Zeit in Deutschland zurückdenken, welches Bild, welcher Geruch oder besondere Moment kommt Ihnen dabei als Erstes in den Sinn?
Jórge Bermúdez Soto: Das herrliche Grün und der erfrischende Duft des Sommerregens, den wir in meiner Region in Chile sehr vermissen. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch die von der Humboldt-Stiftung organisierte Studienreise durch Deutschland. Gemeinsam mit vielen anderen Stipendiat*innen aus aller Welt wurden wir im Schloss Bellevue beim damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau empfangen.

Sie waren Anfang der 2000er-Jahre für ihren Postdoc in Umweltrecht an den Universitäten Gießen und Heidelberg. Warum haben Sie Deutschland für Ihren Forschungsaufenthalt gewählt?
Ich promovierte in Madrid und erkannte den Einfluss des deutschen öffentlichen Rechts auf die spanische Rechtswissenschaft und damit auf die Entwicklung des Rechts in Lateinamerika. Dies gilt insbesondere für das Umweltrecht, wo ein Großteil der rechtlichen Grundlagen aus Deutschland stammt. Ende der 90er-Jahre lernte ich dann Deutsch. Damals begegnete ich auch meiner jetzigen Frau, die Deutsche ist. Sowohl beruflich als auch privat war es für mich immer wichtig, die Verbindung zu diesem Land aufrechtzuerhalten.

Ist Deutschland ein beliebtes Ziel unter chilenischen Nachwuchswissenschaftler*innen?
In meinem Umfeld war das damals so. Die deutsche Wissenschaft genießt in Chile ein besonderes Ansehen. Wer in Deutschland studiert oder geforscht hat, hat einen Wettbewerbsvorteil. Trotzdem sind heutzutage eher Länder wie England, USA und in letzter Zeit auch Australien und Neuseeland beliebt.

Woran liegt das?
Vielleicht, weil die Sprachbarrieren dort niedriger sind. Ich ermutige meine Doktoranden grundsätzlich zu Auslandsaufenthalten – auch in Deutschland, denn internationale Mobilität ist wichtig. Ohne meine Auslandserfahrung wäre ich niemals dort, wo ich jetzt bin.

Welche Erfahrungen haben Sie dabei besonders geprägt?
Meine Forschungsaufenthalte in Heidelberg und Gießen haben mich nicht nur fachlich vorangebracht, ich bin durch sie auch offener und selbstsicherer geworden. Auch menschlich waren sie eine Bereicherung. Professor Arndt Schmehl, mit dem ich viele Jahre deutsch-chilenische Forschungsprojekte im Bereich Umweltgerechtigkeit durchführte, wurde einer meiner besten Freunde. Leider verstarb er 2015 viel zu früh.

Teil des Humboldt-Netzwerks zu sein, spielte in meiner beruflichen Entwicklung eine entscheidende Rolle.
Jorge Bermúdez Soto, Generalkontrolleur der Republik Chile und Vorsitzender des United Nations Board of Auditors

Inwieweit hat das Humboldt-Stipendium ihre Laufbahn beeinflusst?
Teil des Humboldt-Netzwerks zu sein, spielte in meiner beruflichen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Obwohl es in Chile relativ wenige Humboldtianer gibt, ist die Stiftung in Wissenschaftskreisen sehr anerkannt. Auch meine kürzlich angetretene Stelle als Leiter des UN Board of Auditors, das als externer Rechnungsprüfer für UN-Agenturen und Programme wie UN Women oder UNICEF fungiert, ist mit Deutschland und somit indirekt auch mit meiner Zeit als Humboldt-Stipendiat verknüpft.

Auf welche Weise?
2015, zu Beginn meiner Amtszeit als Comptroller General der Republik Chile, eine Position, die in Deutschland dem Präsidenten des Bundesrechnungshofs entspricht, tauschte ich mich mit Kay Scheller, dem deutschen Bundesrechnungshofpräsidenten aus und kam auf die Idee, dass wir uns für das UN Board of Auditors bewerben könnten. Heute teilt sich Chile das Amt mit Deutschland und China.

Zurück zu Ihren Ursprüngen: Sie wuchsen in Valparaíso auf, studierten dort Jura und berieten neben Ihrer Lehrtätigkeit an der dortigen Universität auch Unternehmen, staatliche Stellen und internationale Organisationen im Bereich Umweltrecht. Gibt es eine persönliche Verbindung zum Thema Umwelt, eventuell schon aus Kindheits- oder Jugendtagen?
Nein, aber ich wusste schon mit etwa 12 Jahren, dass ich Jura studieren wollte. Die Erfahrungen während meiner Kindheit unter der Militärdiktatur Pinochets beeinflussten meinen Berufswunsch. Meine Eltern, beide Lehrer und Mitglieder einer linken Partei, durften nicht mehr unterrichten. Eine sehr schwierige Situation. Mein Interesse für Umweltrecht entstand erst in der Zeit meiner Promotion.

Welche Umweltthemen beschäftigen Sie derzeit?
Chile ist sehr stark vom Klimawandel betroffen. Ich sitze gerade in meinem Büro in Santiago und kann von meinem Fenster aus die Anden sehen. Obwohl momentan Winter ist, liegt dort kaum Schnee. Vor zwanzig Jahren war das noch anders. Neben dem Klimawandel gibt es aber auch andere schwerwiegende Umweltprobleme, die eng mit sozialer Ungleichheit verknüpft sind.

Welche Probleme sind das?
Ich denke dabei etwa an den Kupferbergbau, die ungerechte Land-und Wassernutzung sowie an Kohlekraftwerke oder Raffinerien, die vor allem in ärmeren Gebieten angesiedelt sind. Die Zahl der Krebs- oder Atemwegserkrankungen ist in diesen Gegenden viel höher als im Rest des Landes. Es waren unter anderem diese Ungerechtigkeiten, die Ende 2019 zu sozialen Unruhen führten und die Verfassungsänderung einleiteten.

2020 stimmte die chilenische Bevölkerung in einem Referendum für eine historische Änderung der Verfassung, die derzeit von einer direkt vom Volk gewählten, verfassungsgebenden Versammlung erarbeitet wird. 2022 wird in einem weiteren Referendum darüber abgestimmt. Dieser Prozess könnte einen Wandel von einer neoliberalen hin zu einer sozialeren Ausrichtung des Staates bringen. Welche Bedeutung hat Ihre Arbeit in diesem Kontext?
Als oberste Rechnungskontrollbehörde schützen und stärken wir die Demokratie, indem wir die Handlungen der öffentlichen Verwaltung extern und unabhängig kontrollieren und darauf achten, dass öffentliche Mittel ordnungsgemäß genutzt werden. Genau wie überall gibt es in Chile Personen, die mehr an ihre eigenen Vorteile denken als an das Wohl der Allgemeinheit. Das versuchen wir zu verhindern.

Professor Jorge Bermúdez Soto beim International Anti-Corruption Seminar: "Citizens and the media, their role in the fight against corruption". Er hält eine Rede.
Professor Jorge Bermúdez Soto beim III. International Anti-Corruption Seminar (2019): "Citizens and the media, their role in the fight against corruption".

Was konnten Sie durch Ihre Arbeit bisher aufdecken?
Typische Beispiele sind die Zahlung von Riesengehältern und Abfindungen in den Chefetagen der staatlichen Unternehmen, die Einstellung von Familienmitgliedern oder die Ernennung von Personen mit Interessenkonflikten in Schlüsselpositionen in der Verwaltung. Unsere Arbeit wird auch von der Bevölkerung geschätzt, die uns über neue Verdachtsfälle informiert. Dieses Vertrauen ist enorm wichtig für uns, gerade jetzt.

Warum gerade jetzt?
Eine Krise der politischen Institutionen, in der Bürger*innen den Behörden kein Vertrauen entgegenbringen, ist ein ideales Umfeld für populistische Politiker*innen, die vereinfachende Lösungen für komplexe Probleme vorschlagen. Das wäre eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie. Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit – auf Twitter haben wir über 150.000 Follower – sind wir im ständigen Austausch mit der Zivilgesellschaft.

Welche Hoffnungen verbinden Sie persönlich mit der neuen Verfassung?
Das neoliberale Modell, das Anfang der 80er-Jahre unter Pinochet eingeführt wurde, ist am Ende. Ich bin zuversichtlich, dass die neue Verfassung dem Land mehr Stabilität verleihen und uns eine optimistischere Zukunftsvision ermöglichen würde. Ich hoffe auf mehr Gleichheit, darauf, dass stärkere soziale Rechte garantiert werden, auf ökologische Nachhaltigkeit, die Eindämmung des Klimawandels und die Anerkennung der Vielfalt unserer Gesellschaft inklusive des indigenen Volks der Mapuche.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der chilenischen Wissenschaft und Forschung?
Chile muss sich verändern und von einem Land, das auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen basiert, zu einem Land werden, in dem nachhaltige Innovation die treibende Kraft für den Fortschritt ist. Dabei ist die Förderung von Bildung, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung unerlässlich. Es ist Zeit, dass unsere Wissenschaftler*innen nicht nur ins Ausland gehen, sondern auch mit Tatendrang und guten Möglichkeiten zurückkehren, um Ihre Kenntnisse hier sinnvoll anzuwenden. Es gibt einiges zu tun!

Autorin: Esther Sambale

Porträtfoto Bermúdez Soto

Jorge Bermúdez Soto

Jorge Bermúdez Soto studierte Jura an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso in Chile. Seinen Doktor der Rechtswissenschaften und Master in Europäischem Gemeinschaftsrecht machte er an der Universidad Autónoma de Madrid. Darüber hinaus absolvierte er in Deutschland im Rahmen eines Humboldt-Forschungsstipendiums Anfang der 2000er-Jahre ein Postdoc-Studium in Umweltrecht an der Universität Gießen und der Universität Heidelberg. Seit 2015 ist Bermúdez Soto Comptroller General der Republik Chile und steht der obersten Rechnungskontrollbehörde des Landes vor. 2021 wurde er zum Vorsitzenden des UN Board of Auditors gewählt, das als externer Rechnungsprüfer für UN-Agenturen und Programme wie UN Women oder UNICEF fungiert. Darüber hinaus ist Bermúdez Soto Exekutivsekretär der Lateinamerikanischen und Karibischen Organisation der Obersten Rechnungskontrollbehörden, OLACEFS, wo er auch als Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Geschlechtergleichstellung und Nichtdiskriminierung sowie der Arbeitsgruppe für die Prüfung von öffentlichen Bauvorhaben tätig ist.

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