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„Wir müssen einfach gewinnen“: Hilferuf aus dem Netzwerk in Myanmar

Wie geht es den Humboldtianer*innen in Myanmar? „Die Situation wird jeden Tag schlimmer“, schreibt Humboldtianerin Chaw Pa Pa Oo aus Yangon und appelliert an die Solidarität Deutschlands und der internationalen Gemeinschaft.

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Flagge von Myanmar, gehalten von Demonstrantinnen
Saturn-ähnliches Dekortationsbild

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Aufgezeichnet von Mareike Ilsemann

„Wir müssen gewinnen, wir müssen gewinnen, wir müssen gewinnen“, mit diesen Sätzen schließt Humboldtianerin Chaw Pa Pa Oo jede ihrer Mails aus Yangon, der Wirtschaftsmetropole und größten Stadt Myanmars. Es klingt, als wolle sie sich und der Bevölkerung Myanmars Mut zusprechen, den Widerstand gegen die Militärherrschaft nicht aufzugeben.

Mein Volk leidet sehr. Die Leute trauen sich nicht aus dem Haus. Sie riskieren, jederzeit von den Militärs erschossen zu werden. Die nutzen alles, Gummigeschosse, scharfe Munition und Granaten. Außerdem können jederzeit Soldaten in die Häuser eindringen und uns verhaften. Wen es erwischt, kann schon am nächsten Morgen tot auf der Straße liegen. Brutal umgebracht. Manche Familien haben noch nicht einmal den Leichnam ihrer Angehörigen zurückbekommen.

Seit sich am 1. Februar 2021 das Militär erneut an die Macht geputscht hat und Friedensnobelpreisträgerin und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi sowie weitere Politiker der Regierungspartei Nationale Liga für Demokratie (NLD) in Gewahrsam genommen worden sind, sind laut Angaben von Hilfsorganisationen rund 600 Zivilisten in Myanmar getötet worden. Die Humboldtianerin und Mathematikerin Dr. Chaw Pa Pa Oo war ab 2009 Humboldt-Forschungsstipendiatin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Ihre Schwester Dr. Chaw Loon Thu ist Physikerin und verbrachte ihr Georg Forster-Forschungsstipendium ab 2014 an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz. Beide sind seit Wochen in der Bewegung des Zivilen Ungehorsams (Myanmar Civil Disobedience MCD) in Myanmar aktiv und leisten gewaltlosen Widerstand.

Widerstand im Alltag

Vor meinem Haus befindet sich eine Polizeistation, die seit drei Tagen von Soldaten bewacht wird. Wir  trommeln zur Mahnung auf Pfannen und Töpfen. Das ertragen sie nicht, also haben sie uns beschimpft und auf uns geschossen. Die Menschen in Myanmar weigern sich aus Protest Steuern zu zahlen, also berauben sie uns, stehlen Motorräder, Handys, Geld und auch Nahrungsmittel. Meine Schwester unterrichtet an der Universität, Mandalay, und leistet dort zivilen Ungehorsam. Sie musste sich verstecken und hatte keinen Zugang zum Internet. Aber sie hat mich angerufen, sie ist in Sicherheit und gerade auf dem Weg nach Yangon. Sie wird an den Checkpoints ihre Identität als Universitätsdozentin verleugnen müssen. Denn Lehrkräfte stehen auf einer Schwarzen Liste. Viele Lehrer haben trotz der Covid-19-Pandemie beim Auszählen der Stimmen geholfen und sind direkte Zeugen des Wahlbetrugs geworden.  

Chaw Pa Pa Oo selbst hat in Yangon eine Vorschule geführt, die aber wegen der Pandemie geschlossen werden musste. Sobald die Situation stabiler ist, will sie sie wieder öffnen.  Nach dem Ende der Militärherrschaft will sie unbedingt in den Bildungssektor zurückkehren und sich für Demokratie in ihrem Land einsetzen. Dank des Zuratens ihres Doktorvaters Professor Myo Thein Gyi hatte sie sich damals auf ein Humboldt-Stipendium beworben. Der DAAD-Alumnus war im Moment des Umsturzes Bildungsminister gewesen und für drei Tage in Gewahrsam genommen worden. Nun sei er wieder zu Hause, aber quasi unter Hausarrest, schreibt Chaw Pa Pa Oo. Viel habe sie am Telefon nicht über seinen Zustand in Erfahrung bringen können. Die Militärs hören die Telefone ab. Auch Facebook-Posts werden überwacht, aber das Internet sei sicher, glaubt Chaw Pa Pa Oo, die uns ausdrücklich erlaubt, ihren Namen zu nennen.

Wenn wir jetzt aufgeben, haben wir die Demokratie für immer verloren. Unsere Verzweiflung ist so groß, dass wir davon träumen, dass die UN, die USA, Großbritannien, Deutschland, Korea Truppen schicken, um mit uns gegen die Militärjunta zu kämpfen. Wir glauben an R2P, Responsibility to Protect, an die Schutzverantwortung der internationalen Gemeinschaft und des Völkerrechts. Wenn ein Staat die Sicherheit seiner Bürger*innen nicht gewährleisten kann, geht die Verantwortung auf die internationale Gemeinschaft über. Wir werden nicht aufhören, Widerstand zu leisten und zu streiken. Die Feierlichkeiten zum Wasserfest, dem Neujahrsfest diese Woche, werden wir boykottieren. Wir streiken, so wie wir Ostern gestreikt und mit den Ostereiern zum Protest aufgerufen haben. Ich appelliere an alle Menschen in Deutschland, meiner zweiten Heimat, ihre Stimme für uns zu erheben. Wir müssen gewinnen, wir müssen gewinnen, wir müssen gewinnen!

 

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