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Pressemitteilung

Vermeidung von Karriereabbrüchen im deutschen Wissenschaftssystem in Folge der Pandemie

Erklärung der Allianz der Wissenschaftsorganisationen

  • vom
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Die Pandemie und ihre Eindämmung haben eindringlich gezeigt, von welch existenzieller Bedeutung ein gutes Wissenschaftssystem für die Gesellschaft ist und wie wichtig es ist, durch breit aufgestellte Forschung für künftige Krisen und Probleme gerüstet zu sein. Dafür ist Bildung in allen Bereichen eine wesentliche Voraussetzung. Eine „Generation Corona“ gilt es im gesamten Bildungswesen zu vermeiden (Schule, Hochschule, berufliche Bildung), auch in der Wissenschaft.
Die Politik hat hier in dankenswerter Weise mit hilfreichen und wichtigen Unterstützungsmaßnahmen bereits dazu beigetragen, deutlich erkennbare Probleme unbürokratisch und zeitnah abzumildern. Dennoch haben die veränderten Arbeitsbedingungen existierende Chancenungleichheiten und systemische Benachteiligungen verschiedener Gruppen im deutschen Wissenschaftssystem in der Pandemie noch verstärkt (OECD, 2020; Myers et al., 2020). Dafür sind vornehmlich Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems sowie teilweise eingeschränkte Forschungsmöglichkeiten verantwortlich. Überdurchschnittlich betroffen sind Wissenschaftler*innen, die sich noch in einer frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Karriere befinden. Mit Fürsorgeaufgaben und einer ausländischen Herkunft verschärfen sich die Probleme.
In der Folge sind Karrierebrüche zu befürchten bei einer Gruppe Hochqualifizierter, die bereits mehrere Jahre gefördert wurde und zu großen Hoffnungen berechtigt. Es wird diese Generation von Wissenschaftler*innen sein, die die Bedeutung des Wissenschaftsstandorts Deutschland im globalen Wettbewerb als Institutsleiter*innen, Forschende und Lehrende richtungsgebend mitbestimmen wird.
Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen unternimmt daher weitere Maßnahmen, um negative Auswirkungen der Pandemie auf die Karriereentwicklung der genannten Gruppen von Wissenschaftler*innen – und damit langfristig auch auf den Wissenschaftsstandort Deutschland – einzudämmen. Sie sieht in der Schaffung und/oder dem Erhalt fairer und gleicher Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Wissenschaftskarriere während und nach der Pandemie eine wichtige Aufgabe, deren Bewältigung in der gemeinsamen Verantwortung aller Wissenschaftseinrichtungen liegt. Sie bittet die Politik um weiterführende Unterstützungsmaßnahmen, die im Folgenden konkretisiert werden, damit ihre Maßnahmen eine stärkere Wirkung sowie größere Reichweite erlangen und möglichst flexibel, den jeweiligen Umständen sinnvoll angepasst, eingesetzt werden können.

Besondere Risiken der betroffenen Gruppen
In einem frühen Karrierestadium befinden sich der Großteil der Doktorand*innen und Postdocs in befristeten Vertragsverhältnissen. Sie stehen also unter dem zeitlichen Druck, ihre Qualifikationen erfolgreich fortzusetzen und abzuschließen. Das ist aber durch die Pandemie und die Eindämmungsmaßnahmen stark erschwert: Labore sind zeitweise geschlossen oder nur eingeschränkt nutzbar, Geräte sind nicht zugänglich, Langfristuntersuchungen müssen unterbrochen werden, Feldforschung im Ausland ist wegen Reiserestriktionen unmöglich, Quellen und gedruckte Literatur sind unzugänglich wegen geschlossener Archive und Bibliotheken, Ergebnisse können nur eingeschränkt auf Konferenzen präsentiert werden, Forschungszeit wird durch Fürsorgeaufgaben oder – bei Hochschulpersonal – durch vermehrten Zeitaufwand für Aufgaben in der Lehre stark beschnitten, arbeitsteilige Projekte stehen unter erschwerten Bedingungen, Personalrekrutierungen können nur verzögert stattfinden
(Subramanya, Lama & Acharya 2020; OECD 2020). Die Projekte, die für den nächsten Karriereschritt eine wesentliche Voraussetzung darstellen, können vielfach gar nicht oder nicht im geplanten Zeitraum durchgeführt bzw. abgeschlossen werden (Rusconi, Netz & Solga; WZB Mitteilungen 2020, Heft 170). Massive Einschränkungen der Mobilität beeinträchtigen zusätzlich die für die Karriereentwicklung wichtige Netzwerkbildung im nationalen und internationalen Rahmen.
Verschiedene Studien belegen einen Rückgang der Publikationsraten von Wissenschaftlerinnen seit Beginn der Pandemie (Rusconi, Netz & Solga; WZB Mitteilungen 2020, Heft 170). Das betrifft Frauen sowohl mit wie auch ohne Kinder und Fürsorgeaufgaben. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Folgen sind aber nicht nur für die Wissenschaftlerinnen, sondern für das Wissenschaftssystem als Ganzes noch nicht abschätzbar. Erwartbare negative Folgen sollten daher frühzeitig abgewendet werden. Denn die ohnehin nur langsam voranschreitende Gleichstellung von Männern und Frauen in der Wissenschaft würde durch diesen Einbruch der Karrieren einer ganzen Kohorte um Jahre zurückgeworfen.
Besonders schwierig ist auch die Situation von ausländischen Wissenschaftler*innen durch ihre ebenfalls häufig befristeten Verträge, durch fehlende finanzielle Spielräume und derzeit erschwerte oder fehlende Integrationsmöglichkeiten sowie restriktive Einreisebestimmungen. Besonders stark sind sie betroffen, wenn mehrere dieser Faktoren aufeinandertreffen. Haben sie außerdem noch eine Fürsorgeaufgabe, so steigern sich die Probleme, da lokale Familienstrukturen und Betreuungsnetzwerke zumeist fehlen und eine Integration durch die aktuellen Kontaktbeschränkungen zusätzlich erheblich erschwert wird.

Vermeidung langfristiger Folgen für Karriere und Wissenschaftslandschaft
Die beschriebenen Entwicklungen könnten langfristige Auswirkungen auf die Karriereentwicklungen und -chancen in der Wissenschaft für die genannten Gruppen haben, das sollte möglichst abgewendet werden. Die beschriebenen Herausforderungen bergen die Gefahren von Nachteilen nicht nur bei der Vergabe und Fortführung von Forschungsaufträgen oder (Langzeit- und Drittmittel-) Projekten, sondern auch bei der Personal- und Führungskräfteauswahl sowie karriererelevanten Beförderungen. Das könnte dazu führen, dass Karrieren abgebrochen werden und infolgedessen der Personalpool für das Wissenschaftssystem stark schrumpft, wobei dieser Verlust nur auf externe Faktoren (Pandemiebedingungen) und nicht auf schwächere Qualität der Forschungs- und Lehrleistungen zurückzuführen wäre.
Alternative berufliche Perspektiven z.B. in der Industrie können sich aufgrund derzeit fehlender Projektakquisen und Netzwerkbildung gar nicht oder nur eingeschränkt entwickeln und führen so zu weiteren Einschränkungen bei den Berufsaussichten.
Zusätzlich sind gesundheitliche wie z.B. psychische Folgen zu befürchten, denn „Homeoffice und Homeschooling, Einschränkungen im Wirtschaftsleben und bei privaten Kontakten, Infektionen mit SARS-CoV-2 und die landesweiten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben vor allem junge bis mittelalte Menschen psychisch belastet“. (NAKO Gesundheitsstudie, Interdisziplinäres Vorhaben von Universitäten und Universitätsmedizinen, Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft und weiteren Forschungsinstituten sowie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), verschiedener Bundesländer und der Helmholtz-Gemeinschaft). In einem solchen Kontext steigt zunehmend die Gefahr, dass diese wissenschaftlichen Gruppen die Wissenschaft und ggfs. auch Deutschland dauerhaft verlassen.
Solche Langzeitfolgen schaden nicht nur den Karrieren Einzelner. Auch die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse und damit die Leistungsfähigkeit und Innovationskraft des Wissenschaftsstandorts Deutschlands wird durch die eingeschränkte Diversität, Innovationskraft und Partizipation dieser Gruppen im Forschungsbetrieb und in der Hochschullehre nachhaltig beeinträchtigt. So sollte daher z.B. ein vermehrtes Ausscheiden der genannten Gruppen aus der Wissenschaft möglichst vermieden werden.

Weiterführende Maßnahmen der Wissenschaftsorganisationen zur Abmilderung der Pandemie-Folgen
In den Mitgliedsorganisationen der Allianz gab und gibt es bereits vielfältige Initiativen und Maßnahmenpakete, um die Folgen der Corona-Krise abzumildern. Diese Bemühungen richteten sich im wissenschaftlichen Bereich bisher vordringlich auf die Verlängerung von Fristen, die Angleichung der Höchstbefristungsgrenze auf Grundlage der pandemiebedingten Ergänzung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes sowie die Bereitstellung zusätzlicher Mittel für Wissenschaftler*innen, um Verzögerungen in Forschungsprozessen und Projekten auszugleichen. Die Wissenschaftsorganisationen bemühen sich aber auch, durch weitere Fördermöglichkeiten, Wissenschaftler*innen und Beschäftigte mit Fürsorgeaufgaben zu entlasten und zu unterstützen.
Die Mitglieder der Allianz sprechen sich dafür aus, auch weiterhin und vermehrt ihre Strukturen auf pandemiebedingte Benachteiligungen für Wissenschaftler*innen in frühen Karrierestadien, Wissenschaftler*innen mit Fürsorgeaufgaben sowie internationale Wissenschaftler*innen zu überprüfen und diese soweit wie möglich anzupassen, um mögliche negative Langzeitfolgen für diese Gruppen zu minimieren.
Es besteht Einigkeit, dass u.a. nachfolgende Maßnahmen in den einzelnen Organisationen im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten geprüft und ggf. eingeführt werden sollten:

  • Berücksichtigung von familiären Fürsorgeaufgaben bei der Verteilung von Arbeitsaufgaben, Festlegung von Fristen und Gestaltung von Projekten.
  • Statusgespräche über die individuelle Situation von Wissenschaftler*innen mit Fürsorgeaufgaben, Wissenschaftler*innen in frühen Karrierestadien und ausländischen Wissenschaftler*innen mit Vorgesetzten, um ggf. individuelle Ausgleichsmaßnahmen zu ermöglichen.
  • Berücksichtigung von pandemiebedingten Ausfallzeiten und Benachteiligungen im Rahmen von wettbewerblichen Auswahl- und Beförderungsverfahren, insbesondere im Fall des Rückgangs von Publikationsleistungen (Details zu möglichen Kriterien finden sich z.B. in: Beschluss des 694. Präsidiums der HRK, Januar 2021, PositionspapierWR, Januar 2021, Positionspapier (Drs. 8834-21)).

Unterstützende Maßnahmen von Bund und Ländern
Die Politik hat vielfältige Unterstützungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Folgen der Pandemie erlassen; hiervon haben auch die Wissenschaftsorganisationen profitiert. Die Allianz bittet wegen der Notwendigkeit weiterer Maßnahmen dennoch um zusätzliche Unterstützung von Bund und Ländern.
Damit die zusätzlich von den Wissenschaftsorganisationen als notwendig identifizierten Maßnahmen Erfolg haben können, müssen die Wissenschaftsorganisationen sie flexibel handhaben können.
Dabei handelt es sich insbesondere um

  • Vertragsverlängerungen einzelner Personen oder auch ganzer Forschungsgruppen (aber auch z.B. die Verlängerung von Großprojekten oder Großvorhaben, beispielsweise Exzellenzclustern) sowie
  • Verlängerung von Stipendien bzw. befristeten Verträgen für internationale Wissenschaftler*innen, die aufgrund der Pandemie ihre Forschungsvorhaben nicht rechtzeitig beenden können.

Empfehlenswerte Hilfen der Politik wären in diesem Kontext beispielsweise

  • Flexibilisierungsmöglichkeiten bei der Mittelübertragung in Folgejahre, insbesondere um internationale Forschungsaktivitäten, die pandemiebedingt bisher nicht stattfinden konnten und keinen Mittelabfluss generiert haben, doch noch zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen;
  • die Möglichkeit zum zeitweisen Einsatz von Doppelbesetzungen bei Qualifikationsstellen bzw. zum zusätzlichen Einsatz von Hilfskräften;
  • die Ermöglichung weiterer Vereinbarkeitsmaßnahmen für im Wissenschaftsfeld tätige Personen mit Fürsorgeaufgaben zumindest in besonderen Not- bzw. Härtefällen, wie z.B. zweckgebundene einmalige Betreuungszuschüsse oder erweiterte „Notbetreuungsmaßnahmen“. Derartige Maßnahmen dienen nicht der Besserstellung, sondern lediglich als Nachteilsausgleich in der wissenschaftlichen Karriereentwicklung in Zeiten der Pandemie und danach;
  • eine Stärkung der Kultur der Diversität und Inklusion, die sich in einer Willkommenskultur widerspiegelt und den Aspekt der Internationalität adressiert. Gerade in Zeiten der Pandemie muss eine für Deutschland angemessene Willkommenskultur als eine grundsätzliche Daueraufgabe der Politik und Wissenschaft angenommen werden, um die Erfolge der bisherigen Maßnahmen nicht zu gefährden. Dabei ist die positive Gestaltung von Vielfalt und Inklusion sowohl eine gesellschaftlich-kulturelle wie auch institutionelle Aufgabe.

Die Wissenschaftsorganisationen sind sich der besonderen pandemiebedingten Schwierigkeiten bewusst. Sie übernehmen Verantwortung und werden alles ihnen Mögliche zur Stärkung des Wissenschaftsstandortes Deutschlands tun.
Ergänzend bitten sie die politischen Entscheidungsträger sowie die Zuwendungsgeber um geeignete Unterstützung durch entsprechende Rahmensetzungen und Ermöglichungen von gezielten Flexibilisierungen. Die Herausforderungen der Pandemie für unsere Wissenschaftslandschaft zu meistern, wird nur durch ein großes und gemeinsames Engagement aller Beteiligten möglich sein!

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ist ein Zusammenschluss der bedeutendsten Wis-senschaftsorganisationen in Deutschland. Sie nimmt regelmäßig Stellung zu wichtigen Fragen der Wissenschaftspolitik. Der Wissenschaftsrat ist Mitglied der Allianz und hat für 2021 die Federführung übernommen. Weitere Mitglieder sind die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Medienkontakt:
Dr. Christiane Kling-Mathey
Geschäftsstelle des Wissenschaftsrats
Scheidtweilerstraße 4
50933 Köln
Telefon +49 221 3776–243
Telefax +49 221 3776–200
kling-mathey[at]wissenschaftsrat.de
www.wissenschaftsrat.de

(Pressemitteilung 6/2021)

Jährlich ermöglicht die Alexander von Humboldt-Stiftung über 2.000 Forscher*innen aus aller Welt einen wissenschaftlichen Aufenthalt in Deutschland. In weltweit über 140 Ländern pflegt die Stiftung ein fächerübergreifendes Netzwerk von mehr als 30.000 Humboldtianer*innen – unter ihnen 57 mit Nobelpreis.

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