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Schwerpunkt

Das heiße Thema

Die Erde wird wärmer, das Virus grassiert und Wissenschaft soll mehr denn je erklären und Lösungen anbieten. Wenn Zusammenhänge komplex, Antworten unsicher und die Sorgen groß sind, ist gute Wissenschaftskommunikation gefragt – und doch so schwierig. Woran das liegt und was helfen kann.

  • vom 
  • Text: Kilian Kirchgessner
Symbolbild: Grafische Darstellung einer Frau, die Papierblätter aufsammelt

Die Drohung kam in einem wattierten Umschlag. Ein kleines Plastikfläschchen steckte darin, dazu die maschinengeschriebene Botschaft „trink das – dann wirst du immun“. Adressat der Botschaft war Christian Drosten, jener Virologe von der Berliner Charité, der in Deutschland während der Coronapandemie Politik und Öffentlichkeit berät und mit seinen Mahnungen zum Symbol für einen vorsichtigen Kurs geworden ist. Drohungen und Hassbotschaften, so berichtete er, bekam er schon früh. Der amerikanische Immunologe Anthony Fauci, der seit den 1980er Jahren Berater der US-Präsidenten ist, stieß ebenfalls auf ablehnende Reaktionen. Seine Zusammenarbeit mit dem früheren US-Präsidenten Donald Trump, der seine Warnungen und Ratschläge zumeist ignorierte und ihn öffentlich anfeindete, fasste er lapidar in einem Satz zusammen, der legendär geworden ist: ,,Ich war das Stinktier beim Picknick.“

Für viele Wissenschaftler*innen ist es eine neue Erfahrung, dass ihnen Ablehnung so offen und aggressiv entgegenschlägt. Mit Gegenargumenten umzugehen, vielleicht auch mit Skepsis, das gehört zu ihrem Handwerkszeug. Aber pauschale Ablehnung, gar Morddrohungen? ,,Technik und Wissenschaft greifen immer stärker in Bereiche ein, die sehr lebensnah sind“, sagt Martin Carrier, Wissenschaftsphilosoph von der Universität Bielefeld: „Das Higgs-Boson hat von der öffentlichen Meinung nicht viel zu fürchten. Aber wenn es um das Klima geht, um Ernährung und Gesundheit, dann tritt die Wissenschaft vielen Leuten auf die Füße.“ Und je aufgeheizter eine gesellschaftliche Diskussion ist, desto mehr Reaktionen bekommen Wissenschaftler*innen, die sich zu ihren Forschungsthemen öffentlich äußern.

Werden Sie Humboldt-Gastgeber*in! Nutzen Sie die Möglichkeit, Forschende aus aller Welt in Ihr Team an einer Forschungseinrichtung in Deutschland aufzunehmen. 

Ein neues Phänomen seien Anfeindungen gegen Forschende indes nicht, sagt Carrier und geht zur Illustration weit zurück: „Als Darwin 1859 sein Hauptwerk ‚On the Origin of Species‘ veröffentlichte, riss das die Leute regelrecht aus den Stühlen.“ Die Evolutionstheorie warf die religiös geprägten Vorstellungen von der Entwicklung des Lebens über den Haufen. Darwin wurde zur Zielscheibe, nicht nur von Fanatiker*innen. ,,Seitdem sind weltanschauliche Fragen beim Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen immer weniger wichtig geworden“, sagt Carrier. Stattdessen mündeten Forschungserkenntnisse heute oftmals in konkrete Handlungsempfehlungen, von der Gesundheits- bis zur Klimaforschung – und da würden sie vielen Menschen unbequem. Verändert hätten sich also vor allem die Motive für die Anfeindungen. Und wenn Teile der Öffentlichkeit dann noch Diskussionen unter Wissenschaftler*innen mitbekämen, das Hinterfragen und Überprüfen, dann schimpften viele gern, die Forschenden hätten ja selbst keine Ahnung. „Dabei gibt es nichts Schlimmeres als Konsens unter Bedingungen der Unsicherheit“, sagt Carrier, der der Humboldt-Stiftung als wissenschaftlicher Gastgeber, Gutachter und einstiger Teilnehmer des TransCoop-Programms verbunden ist.

Echt
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Stammzellen lassen sich mit Zitronensäure umprogrammieren: Heilung von Krebs in Sicht?
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Rechenfehler in internationaler Klimastudie: Arktis schmilzt nur langsam
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Echt oder unecht?
Deutscher Erfinder kann aus Katzen Benzin machen
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Schlagzeile vom 13.9.2005 (Bild-Zeitung)

Ein Schlagzeilen-Klassiker, der damals für viel Empörung unter Tierfreunden sorgte: Der sächsische Wissenschaftler Dr. Christian Koch hatte bereits 2003 eine effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: Diverse Medien berichteten damals zeitnah über die sogenannte katalytische drucklose Verölung (KDV) als Möglichkeit Bio-Diesel herzustellen – kein Benzin. Und: Auch wenn rein theoretisch die Möglichkeit bestünde, Kadaver dafür zu nutzen, so hat Koch das nie in Betracht gezogen und Katzen niemals beispielhaft erwähnt.

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Schlagzeile vom 13.9.2005 (Bild-Zeitung)

Ein Schlagzeilen-Klassiker, der damals für viel Empörung unter Tierfreunden sorgte: Der sächsische Wissenschaftler Dr. Christian Koch hatte bereits 2003 eine effektive Alternativmethode zur Treibstoffgewinnung entwickelt: Diverse Medien berichteten damals zeitnah über die sogenannte katalytische drucklose Verölung (KDV) als Möglichkeit Bio-Diesel herzustellen – kein Benzin. Und: Auch wenn rein theoretisch die Möglichkeit bestünde, Kadaver dafür zu nutzen, so hat Koch das nie in Betracht gezogen und Katzen niemals beispielhaft erwähnt.

Echt oder unecht?
Forscher verbieten Urlaubsreisen – erste Hotels müssen schließen
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DNA-Wahnsinn: Klonschaf wird 100 Jahre alt
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Forscher entwickeln nachhaltigen Satelliten aus Holz
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Echt oder unecht?
Wissenschaftler behaupten: Aliens wollen über Twitter mit uns kommunizieren
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Schlagzeile vom 22.07.2010 (Bild.de)

Diese kuriose Schlagzeile fußt auf einem Zitat des Physikers Dr. James Benford. Der hatte gegenüber der britischen The Daily Mail darlegen wollen, in welcher Form Kommunikationssignale von Außerirdischen ins All gesendet werden könnten. Laut Benford wäre es für Aliens ökonomisch sinnvoller, kurze Nachrichten zu versenden, aber damit möglichst viele potenzielle Empfänger zu erreichen. Um dies darzustellen, sagte Benford: „This approach is more like Twitter and less like ‘War and Peace’“.

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Diese kuriose Schlagzeile fußt auf einem Zitat des Physikers Dr. James Benford. Der hatte gegenüber der britischen The Daily Mail darlegen wollen, in welcher Form Kommunikationssignale von Außerirdischen ins All gesendet werden könnten. Laut Benford wäre es für Aliens ökonomisch sinnvoller, kurze Nachrichten zu versenden, aber damit möglichst viele potenzielle Empfänger zu erreichen. Um dies darzustellen, sagte Benford: „This approach is more like Twitter and less like ‘War and Peace’“.

Echt oder unecht?
Verhaltensforscher: Frauen ohne Kinder oder Ehepartner glücklicher
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Schlagzeile vom 19.6.2019 (Bild.de u. a.)

Die Schlagzeile bezieht sich auf Aussagen des Verhaltensforschers Paul Dolan. Der behauptete mit Blick auf Daten des “American Time Use Survey” (ATUS): „Married people are happier than other population subgroups, but only when their spouse is in the room when they’re asked how happy they are. When the spouse is not present: fucking miserable.” Für eine solche Aussage lagen aber gar keine Daten vor. Die Variable “Spouse absent” zielte auf Verheiratete, die getrennt lebten. Die Studie ergab das Gegenteil der Schlagzeile: Verheiratete Frauen (und Männer) lagen auf der Glücklichkeits-Skala über den Nie-Verheirateten.

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Die Schlagzeile bezieht sich auf Aussagen des Verhaltensforschers Paul Dolan. Der behauptete mit Blick auf Daten des “American Time Use Survey” (ATUS): „Married people are happier than other population subgroups, but only when their spouse is in the room when they’re asked how happy they are. When the spouse is not present: fucking miserable.” Für eine solche Aussage lagen aber gar keine Daten vor. Die Variable “Spouse absent” zielte auf Verheiratete, die getrennt lebten. Die Studie ergab das Gegenteil der Schlagzeile: Verheiratete Frauen (und Männer) lagen auf der Glücklichkeits-Skala über den Nie-Verheirateten.

Echt oder unecht?
Soziologe veröffentlicht vorläufige Studie: Laborunfall in russischem Atomzentrum war Absicht!
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Echt oder unecht?
Malariamittel heilt Aids
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Echt oder unecht?
Grippevakzin: Impfschäden um bis zu 100% wahrscheinlicher
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Nationalheld*innen oder Hassfiguren

Tatsache ist: Fragen, zu denen Wissenschaft etwas beitragen kann, werden auch künftig immer näher heranrücken an „lebensnahe Bereiche“, so Carrier – beim Klimawandel etwa, bei sozialen Fragen oder eben bei Pandemien. Wie gehen Forschende mit diesem gewachsenen Interesse um, welche Strategie wählen sie für ihre Kommunikation? Im Netzwerk der Humboldt-Stiftung lassen sich dazu viele Ideen und Ansätze finden – immer abhängig von der Forschungsrichtung und der jeweiligen Herkunftsregion.

„Es war einfach phänomenal“ Was die wissenschaftliche Politikberatung zur Pandemie in Uruguay so erfolgreich machte. Ein Interview mit Rafael Radi. 

Ganz frische Erfahrungen mit der Kommunikation hat beispielsweise Rafael Radi. Der Biochemiker und Humboldt-Forschungspreisträger war der leitende Kopf eines multidisziplinär besetzten Wissenschaftsbeirats (Honorary Scientific Advisory Group) in Uruguay, der in der Pandemie gegründet wurde, um die Regierung zu beraten. „Natürlich gab es negative Reaktionen, aber eher marginal“, berichtet Radi. Er wählte genau aus, wo er auftrat: ,,Wir hielten uns von Diskussionen fern, in denen Feindseligkeit Vorschub geleistet wird.“ Außerdem hatte sein Team „sorgfältig ausgearbeitete öffentliche Stellungnahmen“ verfasst, die exakt belegt und dadurch nur schwer anfechtbar waren. „Wenn wir öffentlich auftraten, bezogen wir uns auf diese Stellungnahmen. Wir versuchten, persönliche Meinungen rauszuhalten“, sagt Rafael Radi. Die Öffentlichkeit habe auch in kritischen Pandemie-Phasen den Wissenschaftsbeirat unterstützt – und sogar die Regierung dafür kritisiert, wenn sie weniger Maßnahmen umsetzte als vorgeschlagen. Von solcher Rückendeckung aus der Öffentlichkeit können Mediziner*innen in anderen Ländern nur träumen: Mancherorts wurden Virolog*innen während der Pandemie zu Nationalheld*innen, in anderen Ländern zu Hassfiguren.

Twittern lohnt sich

Twitter-Verlauf mit Vorurteilen gegen Covid-19-Impfung

Wie unterschiedlich das Kommunikationsverhalten ist, erfährt Katharina Pistor (bei Twitter @KatharinaPistor) immer wieder: Die deutsche Juristin ist Professorin an der renommierten Columbia Law School in New York und begeisterte Twitter-Nutzerin. „Der Ton auf Twitter ist in den USA entspannter“, beobachtet sie, „die Reaktionen sind weniger brüsk und besserwisserisch als beispielsweise in Deutschland.“ In Pistors Beiträgen geht es um aktuelle Gerichtsentscheidungen in ihren Fachgebieten Wirtschafts-, Kapitalmarkt- und Gesellschaftsrecht ebenso wie um die Feier des Abschlussjahrgangs an ihrer Universität und auch mal um den Nachbarshund Cucchi. „Anfangs war ich skeptisch und dachte, Twittern fresse nur meine Zeit“, sagt die Max-Planck-Forschungspreisträgerin. Trotzdem ließ sie sich darauf ein. Drei Jahre ist das her, sie schrieb damals ihr populärwissenschaftliches Buch „Der Code des Kapitals“. ,,Das wollte ich auf Social Media bewerben und nahm mir vor, bis zum Erscheinen bei 1 000 Follower*innen zu sein“, sagt sie. Das Ziel erreichte sie spielend – und wurde zur begeisterten Nutzerin. ,,Man kriegt eine ganze Menge mehr mit; auch von Leuten, mit denen man sonst weniger zu tun hat“, urteilt Pistor. Dank Twitter werde sie auf Kolleg*innen aus anderen Weltregionen aufmerksam, auf Forschende aus anderen Disziplinen, auf lohnende Bücher. Und sie gibt ihre eigenen Gedanken weiter: ,,Wenn man den Luxus hat, in Ruhe über Dinge nachzudenken, sollte man seine Gedanken auch mit einer breiteren Öffentlichkeit teilen“, sagt sie. Gehässige Kommentare seien die Ausnahme. Das liegt sicherlich auch am Thema, schließlich haben juristische Fragestellungen nur selten das Zeug zum Polarisieren – aber bei manchen Posts schlagen selbst auf ihrem Kanal die Emotionen höher: „Wenn ich mich etwa über Bitcoins äußere, merke ich, dass dieses Thema eine aggressivere Zielgruppe anzieht“, berichtet Pistor.

Der Ton auf Twitter ist in den USA entspannter.
Katharina Pistor, Deutsche Juristin und Professorin an der Columbia Law School in New York

Für andere Wissenschaftler*innen würde eine zu offene Kommunikation in sozialen Medien indes zum Risiko für ihre Forschung. Ein Beispiel dafür ist Karen Radner, Humboldt-Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie ist eine der renommiertesten Expertinnen für Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens – eine Region, in der die politische Situation angespannt und oft auch unübersichtlich ist. „Zu politischen Fragen äußere ich mich grundsätzlich nicht, weder in Interviews noch in sozialen Medien“, sagt Karen Radner. Eine kritische Bemerkung, selbst eine missverständliche Äußerung könnten eine Kaskade von Folgen haben: Für ihre Grabungen und Feldforschungen ist sie auf die Genehmigungen der zuständigen Regierungen angewiesen, und die durchleuchten die Antragsteller*innen üblicherweise. Hinzu kommt die Gefahr, ins Visier von Fanatiker*innen zu geraten – problematisch könnte das für sie persönlich werden, aber auch für das Team vor Ort. „Ich sage meinen Studierenden und meinen Mitarbeiter*innen immer: Wenn ihr unbedingt posten wollt, dann achtet darauf, dass eure Äußerungen keine negativen Folgen für euch und euer Team haben“, erzählt Karen Radner. Dass Öffentlichkeit zur Wissenschaft gehört, weiß sie indes auch; sie schreibt populärwissenschaftliche Bücher, sie publiziert auf fachspezifischen Internetseiten und leitet einen Online-Kurs für die interessierte Öffentlichkeit. „Ich konzentriere mich ganz darauf, nur über meine Arbeit zu reden“, sagt sie.

Zu politischen Fragen äußere ich mich grundsätzlich nicht, weder in Interviews noch in sozialen Medien.
Karen Radner, Humboldt-Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Humboldt-Forschungsstipendium für Postdoktorand*innen und erfahrene Wissenschaftler*innen 

Mit Gesprächen über ihre Arbeit rennen Klimaforscher*innen derzeit offene Türen ein. Ihr Thema ist hochaktuell, ihre Ergebnisse beeinflussen überall auf der Welt die Politik. Nicht allen gefällt das; immer wieder berichten Klimaexpert*innen von Anfeindungen und Drohungen. Eduardo Queiroz Alves schreckt das nicht ab. Der Geochemiker untersucht als Humboldt-Forschungsstipendiat am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven die Auswirkungen der Permafrost-Schmelze auf das Erdklima. ,,Viele sehen die Forschung zur Klimakrise als eine Art Blackbox. Sie hören Prognosen und Empfehlungen der Wissenschaft, können sich aber einfach nicht vorstellen, wie sie zustande kommen“, sagt der Brasilianer. Er will die Arbeit von Klimawissenschaftler*innen deshalb „entmystifizieren“, wie er es nennt, und Interessierte virtuell in sein Labor mitnehmen. Dafür legt er sich richtig ins Zeug: Er hält Vorträge vor Studierenden und Schüler*innen, er twittert und bloggt. Gerade erst nahm er am Communication Lab for Exchange between Research and Media teil, das die Humboldt-Stiftung gemeinsam mit der Organisation Internationale Journalisten-Programme e. V. (IJP) ausrichtet: Forscher*innen wie Queiroz Alves tauschen sich mit Journalist*innen über die Vermittlung von Wissenschaft aus und erarbeiten gemeinsam journalistische Produkte.


,,Ich habe bis dahin vor allem für Kolleg*innen geschrieben und finde es sehr schwer, eine Sprache zu finden, mit der ich die Öffentlichkeit ansprechen kann“, sagt er. Dann muss er schmunzeln: ,,Eine Journalistin bat mich während des Programms, eine kurze Zusammenfassung meiner Arbeit zu schreiben. Sie las die paar Zeilen und sagte: ‚Mir wird das überhaupt nicht klar.‘ Also schrieb ich noch mal und noch mal, bis ich den Bogen raus hatte.“ Für seine Posts gewöhnte er sich einen anderen Duktus an, er drehte YouTube-Videos mit einer Wissenschaftsjournalistin, und bald darauf meldete sich seine Schwester aus Brasilien: „Wow, endlich habe ich es verstanden“, schrieb sie ihm. „Ich wusste bis jetzt gar nicht so genau, woran du eigentlich arbeitest!“ Das ist eine Reaktion, die sich viele Forschende wünschen, wenn sie kommunizieren: Sie wollen zeigen, wie es hinter den Labortüren zugeht und vermitteln, wie die Wissenschaft eigentlich arbeitet – und warum sie nicht immer auf alles eine Antwort kennt.

Erkenntnisprozesses in Echtzeit

Titelzeile eines Artikels: "Reprogrammierung von Krebszellen durch den Einsatz von Milchsäurebakterien"

Die Covid-19-Pandemie hat zu Lerneffekten geführt, meint der Präsident der Humboldt-Stiftung Hans-Christian Pape: „Die Öffentlichkeit wurde Zeugin eines wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses in Echtzeit mit seinen Vorläufigkeiten und Hypothesen, die vielfach geprüft, bestätigt oder eben auch widerlegt werden.“ Dass sich wissenschaftliche Empfehlungen änderten, etwa zur Verträglichkeit von Impfstoffen für bestimmte Altersgruppen, führte teilweise zu Unmut in Bevölkerung und Politik. Pape plädiert für einen nüchternen und offenen Umgang mit veränderten Faktenlagen: „Wissenschaft ist in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft für die Bereitstellung des jeweils besten verfügbaren Wissens verantwortlich. Sie darf dabei nicht so tun, als hätte sie endgültige Lösungen parat, sondern muss sich offen auch zu Ungewissheiten bekennen. Sie muss sich hüten vor jeder Art Heilsversprechung gegenüber der Gesellschaft – denn das verleitet zu Selbstüberforderung auf der einen und Hoffnungsüberforderung auf der anderen Seite.“

Sehnsucht nach Lösungen

Doch auch wenn Wissenschaftler*innen bescheiden und realistisch auftreten, treffen sie oft auf große Hoffnungen, die historisch gewachsen sind. „Wissenschaft und Technik waren in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich, das hat die Gesellschaft verwöhnt“, sagt Martin Carrier, der Wissenschaftsphilosoph von der Universität Bielefeld: „Für viele Probleme gab es dank der Forschung sehr schnell auch Lösungen. Da ist es schwierig, mit seinen Erwartungen realistisch zu bleiben, was die Wissenschaft leisten kann.“ Das gelte etwa dann, wenn die versammelte Welt plötzlich ratlos vor einem neuartigen Virus steht und auch die Wissenschaft nicht schlagartig Patentrezepte liefern kann. Martin Carrier geht in seinen Gedanken zurück in die Vergangenheit und muss schmunzeln. „Kennen Sie die Anekdote von Woodrow Wilson?“, fragt er: Der US Präsident berief während des Ersten Weltkriegs einen Physiker in ein Gremium und begründete das mit den legendären Worten, ,,falls wir mal was rechnen müssen“. Wie viel Geringschätzung gegenüber der Wissenschaft drücke dieser historische Satz aus, sagt Carrier – und wie anders sei die Situation heute, trotz aller gelegentlich aufflackernden Wissenschaftsskepsis. „Ich halte es für ein positives Zeichen, dass Wissenschaft in der Öffentlichkeit auf Reaktionen stößt.“

Das zeige schließlich vor allem, dass sie als relevant wahrgenommen wird.


Quelle aller Infografiken: Wissenschaftskommunikation in Deutschland: Ergebnisse einer Befragung von 5 688 Wissenschaftler*innen an deutschen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen durchgeführt von der Impact Unit von Wissenschaft im Dialog, dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation.

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