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„Die freie Wissenschaft in Belarus ist tot. Das Regime führt Krieg gegen alle Andersdenkenden.“

Jetzt schlägt die Stunde der Wissenschaftsdiplomatie: Die Unterstützung für belarussische Akademiker*innen ist eine Investition in die Zukunft.

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Eine Person hält einen pinken Ballon und ein Schild auf dem steht "end the dictatorship"
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Seit Beginn der Protestbewegung nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im August 2020 haben insbesondere auch Studierende und Forschende unter den Repressionen durch das Regime Alexander Lukaschenkos gelitten. Der Soziologe Ilya Sulzhytski gehört mit seinem Fachkollegen Vasil Navumau zu den ersten Stipendiat*innen aus Belarus, die mithilfe der Philipp Schwartz-Initiative ihre Forschung im Exil in Deutschland fortsetzen können. Hier berichten sie, wie es ihren Landsleuten ergeht und wie wichtig die Unterstützung durch das Ausland und die Wissenschaftsdiplomatie ist. Es geht um die Zukunft ihres Landes.

Humboldt-Stiftung: Herr Shulzhytski, was haben Sie in Belarus erlebt?
Ilya Sulzhytski: Ich möchte eines betonen: Das, was ich im Herbst 2020 erlebt habe, ist nichts im Vergleich zu dem was heute passiert. Heute reicht schon ein wertender Blick in Richtung eines Polizisten oder ein Post in den Sozialen Medien, um verhaftet zu werden. Ich bin damals nach den Präsidentschaftswahlen von der Univerwaltung unter Druck gesetzt worden, ständig wurde ich überprüft, erhielt Verweise wegen Nichtigkeiten  alles reine Schikane. Und meine Studierenden wurden vom Komitee für Staatssicherheit über mich und andere Mitglieder des Streikkomitees ausgefragt. Ich begann, mir ernsthaft Sorgen zu machen, als die ersten Kollegen zu Verhören einbestellt wurden. Es wurde unmöglich für mich an der Uni zu bleiben, man verwehrte mir die Beförderung zum Assistenzprofessor, obwohl ich alle Bedingungen erfüllte.

Wie reagierten Sie?
Ilya Sulzhytski: Die Universität versuchte „illoyale“ Mitglieder zu zwingen, die Uni „auf eigenen Wunsch“ zu verlassen. Eine gängige Praxis damals, denn die Betroffenen können dann nicht mehr beweisen, dass sie aus politischen Gründen gefeuert wurden, was es schwierig macht, sich an Hilfsprogramme wie die Philipp Schwartz-Initiative oder das polnische Konstanty Kalinowski Stipendienprogramm zu wenden. Ich wusste, dass mein Vertrag nicht verlängert wurde, weil ich auf der Schwarzen Liste stand. Also verließ ich das Land, weil ich mir Sorgen um meine Eltern machte, und unter dem ständigen Druck an der Uni zu arbeiten, war nicht auszuhalten. Ein Übergangsstipendium in Polen hat das möglich gemacht.

Saturn-ähnliches Dekortationsbild
Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Forschende

Herr Navumau, warum haben Sie Belarus verlassen? Welche waren ihre Gründe?
Vasil Navumau: Mich hat die Verhaftung meines Kollegen Stas Gorelik, eines Politikwissenschaftlers, im August 2020 alarmiert. Wir arbeiten zu ähnlichen Themen. Mir war klar, es kann jeder Zeit jeden treffen. Etliche Lehrende und Studierende wurden verhaftet, wie zum Beispiel die Jura-Studenten Ekaterina Vinnikova. Sie hatte in einer Rede auf einer Graduiertenfeier ihre Solidarität mit zwei gefeuerten Professoren zum Ausdruck gebracht. Akademiker*innen werden kriminalisiert und des Aufruhrs der Öffentlichkeit bezichtigt. Ich konnte nach Litauen gehen, hatte Kontakte nach Bochum und Bremen, meine Familie erhielt Visa für Deutschland. Dank der Unterstützung durch die Philipp Schwartz-Initiative werde ich in Bochum untersuchen, wie sich der Populismus in der Kommunikation der Oppositionsbewegung von dem Populismus des Regimes unterscheidet und wie er entstanden ist.

Porträtfotos von Ilya Sulzhytski und Vasil Navumau
Ilya Sulzhytski und Vasil Navumau

Als Reaktion auf die EU-Wirtschaftssanktionen nach der erzwungenen Landung eines Passagierflugzeugs in Minsk mussten der DAAD und das Goethe-Institut in der belarussischen Hauptstadt schließen. Was bedeutet das für die belarussische Gesellschaft und die Wissenschaftsfreiheit?
Vasil Navumau: Das ist ein sehr unglücklicher Vorgang. Lukaschenko isoliert das Land immer mehr. Seine Ablehnung des Westens ist über die Jahre immer größer geworden. Er will jeglichen Kontakt unterbinden. Dabei haben DAAD und Goethe-Institut eine so wichtige Arbeit geleistet, die gerade für uns Lehrende von großer Bedeutung war. Dort konnte man Vorträge hören, wurde auf Vortragsreisen ins Ausland eingeladen, es war die einzige Möglichkeit, „frische Luft“ zu schnappen, einen anderen Wind zu spüren.

Ilya Sulzhytski: Man muss es klar sagen, die freie Wissenschaft in Belarus ist tot! Das Land befindet sich faktisch im Besatzungszustand. Das Regime führt Krieg gegen alle Andersdenkenden (Dissidenten) und alle, die sie unterstützen. Und nur die Tatsache, dass wir im Zentrum Europas leben, hält das Regime davon ab, Lager einzurichten oder andere schreckliche Repressionsmaßnahmen des 20. Jahrhunderts wiederzubeleben.

Die EU hat Sanktionen gegen Belarus verhängt. Was kann der Westen dennoch tun, um belarussische Dissidenten und die Zivilgesellschaft zu unterstützten?
Vasil Navumau: Es ist ungeheuer wichtig, dass es Stipendienprogramme wie die Philipp Schwartz-Initiative und andere gibt und dass diese ausgebaut werden, damit Akademiker*innen ihre Forschung fortsetzen können und die Zeit überbrückt werden kann. 

Ilya Sulzhytski: Dem stimme ich absolut zu. Viele Kolleg*innen brauchen Beistand, um in europäischen Ländern unterzukommen. Das ist ungeheuer wichtig und es ist eine Investition in die Zukunft. Denn es wird eine Zeit nach Lukaschenko kommen und dann werden die progressiven belarussischen Akademiker*innen im Exil dafür sorgen, dass sich Belarus nicht am Rande der zivilisierten Welt befindet, sondern die Wissenschaft schnell wieder auf die Beine kommt. Auf offiziellem Weg über die Unis können die Kolleg*innen in Belarus nicht unterstützt werden, das würde nur bei denen landen, die auf Seiten des Regimes stehen und zur Unterdrückung kritischer Akademiker*innen beitragen.

Was ist mit den entlassenen Wissenschaftler*innen? Was kann man der Isolation entgegensetzen?
Ilya Sulzhytski: Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde hat wunderbare Wege gefunden, die Dissident*innen zu unterstützen. Zum Beispiel hat sie Kurse angeboten, wie eigene Online-Seminare gestaltet und umgesetzt werden können. Ich halte es für erforderlich, Netzwerke zwischen deutschen Forschenden und der akademischen Welt im Widerstand in Belarus aufzubauen. Dabei muss Anonymität gewährleistet sein. Wir bräuchten eine Plattform, auf der sich Akademiker*innen aus dem Untergrund in Belarus mit ihren Lebensläufen präsentieren und Kontakte zu Mentor*innen in deutschen Forschungseinrichtungen knüpfen können. Viele würden das Land zum Beispiel mit Hilfe eines Programms wie der Philipp Schwartz-Initiative verlassen, aber es fehlt an Mentor*innen in Deutschland.

Wie sehen Sie denn die Zukunft von Belarus?
Ilya Sulzhytski: Ich versuche, optimistisch zu sein. Allerdings fürchtet jemand wie der belarussische Publizist Artem Schreibman, dass Belarus ähnlich wie die Krim oder Abchasien zu einem sanktionierten, abgeschlossenen Territorium werden könnte, das vollkommen von Russland abhängig ist. Diese Befürchtungen teile ich. Die Frage ist also, was es die Belarussen kostet, dass Lukaschenko verschwindet.  

Vasil Navumau: Ich bin eigentlich ganz optimistisch, aufgrund der EU-Sanktionen wird sich Lukaschenko vielleicht noch ein halbes Jahr halten können, schätze ich. Auch Russland wird es sich gut überlegen, ob es sich offiziell mit einem Diktator solidarisiert. Aber es ist sehr wichtig, den Kontakt zu halten und die Menschen moralisch zu unterstützen.

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