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„Perspektivenvielfalt macht den Unterschied“

Mit ihrer Kampagne #ProgressDiversity arbeitet die Humboldt-Stiftung daran, Diversität in der Wissenschaft und bei der Förderung exzellenter Forschungstalente zu stärken. Ein Gespräch mit Judith Wellen, Leiterin der Abteilung Strategie und Außenbeziehungen, über die Suche nach internationalen Talenten, die Kraft der Vielfalt und das Exzellenznetzwerk der Stiftung.

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Humboldt-Stiftung: Frau Wellen, wo sehen Sie Talent, das es noch zu entdecken gilt?
Judith Wellen: Talent ist grundsätzlich ja gleich verteilt. Dennoch müssen – und das gilt auch für uns als knowledge system – manche Menschen, die nicht über bestimmte Privilegien verfügen, signifikant weiter laufen und sich stärker anstrengen, um ans gleiche Ziel zu kommen. Wir sind als Gesellschaft und vielleicht gerade als Wissenschaftssystem aber angewiesen auf die besten Köpfe – unabhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft, Ethnie, Alter oder Lebensmodell. Die Frage ist also: Wollen wir es uns – um es einmal wettbewerblich zu formulieren – tatsächlich leisten, Talente zu verlieren? Ich denke, nein.

Welche Rolle kann die Humboldt-Stiftung dabei haben?
Die Stiftung pflegt ein Netzwerk aus mehr als 30.000 Geförderten, allesamt exzellente Wissenschaftler*innen aus über 140 Ländern und den verschiedensten Fächern. Als Netzwerkorganisation macht das Einholen von Ideen, Erkenntnissen und Wissen aus den unterschiedlichsten internationalen Diskursen; das gemeinsame Vordenken seit jeher den Kern der Stiftung aus. Kurzum: Unsere Aufgabe als Stiftung ist es, Knotenpunkte zwischen brillanten Köpfen weltweit zu setzen, damit aus der Vielfalt von Hintergründen und Denkweisen eine Vielfalt von exzellenten Ideen entstehen kann. Um das zu ermöglichen, ist unser Anspruch, allen Geförderten die jeweils optimalen Rahmenbedingungen für ihre Forschung zu bieten. Da gehört es für uns ganz selbstverständlich dazu, dass Geförderte in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften während eines Forschungsaufenthalts die gleichen Stipendienzulagen erhalten wie Hetero-Paare auch – um hier nur ein Beispiel zu nennen. Aber auch die Humboldt-Stiftung kann und will sich nicht darauf ausruhen, nur den Status quo zu replizieren.

Wo ließe sich ansetzen?
Es ist doch unbestritten, dass Perspektivenvielfalt den entscheidenden Unterschied ausmacht, wann immer wir uns mit komplexen Problemen befassen. Dafür stehen wir auch als Organisation mit unserem globalen Netzwerk aus Spitzenforschenden. Diese Vielfalt zu leben, bedeutet zunächst einmal, viele hoffentlich kluge Fragen zu stellen, sich gegenseitig zuzuhören – und dann passgenaue Lösungen zu finden. One size does not fit all.

Wie meinen Sie das?
Uns ist es wichtig, dass wir uns stetig kritisch prüfen: Erwischen wir wirklich alle Talente? Dahinter steckt für mich auch die Frage, ausgehend von welcher und wessen Normalität wir festlegen, was Talent ist und was wir unter Qualität verstehen. Wir als Wissenschaftssystem definieren uns als Meritokratie. Da gehört es dazu, sich kontinuierlich mit der Frage zu beschäftigen, was genau die Meriten sind, auf die wir uns berufen, um Chancen gerecht zu verteilen. Auch hier hilft uns der enge Austausch mit unseren ganz unterschiedlichen Geförderten und damit natürlich auch der Blick in andere Wissenschaftssysteme weltweit.

Was heißt das konkret?
Wir haben uns die Förderung von Diversität in unserer Stiftungsstrategie klar zum Ziel gesetzt. Exzellenz und Diversität gehören für uns untrennbar zusammen. Dazu gehört es auch, mit Kampagnen wie #ProgressDiversity dem Thema Vielfalt in der Wissenschaft insgesamt Sichtbarkeit zu geben und dafür zu werben sowie Vorbilder zu zeigen – und gemeinsam über die besten Ideen zu streiten.


Was bedeutet das?
Uns ist nicht zuletzt wichtig, Diversität international zu denken und zu diskutieren. In Deutschland beispielsweise konzentriert sich der Diskurs stark auf den Aspekt Gender – der unbestritten absolut wichtig ist. Mit Blick auf unser internationales Netzwerk zeigt sich aber nochmal deutlich: Diversität hat viele Facetten. Die Vielfalt der Disziplinen etwa, die Vielfalt des Alters, der sexuellen Identität oder der sozialen Herkunft können von Region zu Region ganz unterschiedlichen Stellenwert haben. Solche Einblicke sind extrem wertvoll, wenn wir als Stiftung beispielsweise konkret daran arbeiten, unsere Angebote für alle Talente attraktiv zu machen und mit Blick auf Diversitätsaspekte mit innovativen Ideen systematisch zu erweitern. Ziel ist es, noch stärker neue Zielgruppen ins Auge zu nehmen und anzusprechen, in unserer Rolle als Arbeitgeberin ebenso wie als Förderorganisation.

Wie wollen Sie dabei vorgehen?
Ich halte es für wichtig, neue Zugangswege zu schaffen und sich wirklich aktiv auf die Suche zu machen. Frauen etwa schätzen ihre eigene Qualifikation und Exzellenz mitunter weniger forsch ein als Männer. Ähnliches ist bei Menschen zu beobachten, die als sogenannte „firstgen“ ohne familiären akademischen Background eine Forschungslaufbahn einschlagen. Mit unserem Henriette Herz-Scouting-Programm beispielsweise gehen wir bereits neue Wege: Hier schlagen ausgewählte Forschende aus Deutschland als Scouts bis zu drei internationale Wunschpartner*innen direkt für ein Humboldt-Forschungsstipendium vor und holen sie für eine Zusammenarbeit in ihre Teams. Dabei soll der erste Vorschlag einer Wissenschaftlerin gelten. Mit dem Programm wollen wir Talente für unser Netzwerk gewinnen, die ansonsten womöglich nie auf die Idee gekommen wären, sich bei uns zu bewerben. Umgekehrt können die Scouts durch die nähere Kenntnis der Personen und ihrer Biografien Talente entdecken, die wir ansonsten vielleicht nicht auf dem Radar gehabt hätten. Daneben arbeiten wir an einer Reihe von Maßnahmen und Projekten zu Diversitätsthemen. Beispielsweise lassen wir in einer Genderpotenzialanalyse die Situation von Frauen in verschiedenen Ländern in Bezug auf Fallstricke und Hindernisse bei wissenschaftlichen Karrieren und internationaler Mobilität untersuchen. Ausgehend davon können wir unsere Angebote datengestützt künftig hoffentlich noch genauer auf die jeweiligen Bedürfnisse anpassen.

Wann ist für Sie das Ziel in Sachen Diversität erreicht?
Mir geht es nicht nur darum, alle Talente zu entdecken, anzusprechen und idealerweise zu gewinnen. Wir – als Wissenschaftssystem, als Gesellschaft – müssen auch dafür sorgen, dass die Vielfalt der Stimmen tatsächlich gehört wird. Perspective matters: Es reicht nicht, alle an einen Tisch zu setzen, damit das Bild stimmt. Wir sollten erst zufrieden sein, wenn sich alle wirklich am Gespräch beteiligen und einbringen können.

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