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Von Argentinien nach Deutschland: Paula Tribellis Humboldt-Forschungsstipendium mit Kind

Die argentinische Wissenschaftlerin und ehemalige Humboldt-Forschungstipendiatin Paula Tribelli wusste schon früh, welchen beruflichen Weg sie einschlagen will: Eine Karriere in der Mikrobiologie, mit Fokus auf Infektionen. Zahlreichen Herausforderungen zum Trotz schaffte sie es, ihren Traum zu verwirklichen.

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Das Portrait-Foto zeigt Paula Tribelli in der Universität Buenos Aires. Sie hat dunkles, mittellanges Haar und trägt ein hellblaues Oberteil.
Paula Tribelli an der Universität Buenos Aires

Die Mikrobiologin Paula Tribelli erforscht, wie Infektionen entstehen und verlaufen – insbesondere im Zusammenspiel mit verschiedenen Bakterien. Dank der Förderung durch die Alexander von Humboldt-Stiftung konnte sie ihre wissenschaftliche Karriere mit ihrer Familienplanung in Einklang bringen – etwas, das für sie alles andere als selbstverständlich ist.

Ein Mädchen und ein Traum

Bereits als Kind zeigte Paula Tribelli Interesse an Infektionen und ihrer Bekämpfung. Mit fünf oder sechs Jahren sah sie im Fernsehen, wie ein Impfstoff angewandt wurde – und sagte daraufhin zu ihrer Mutter, dass sie beruflich gerne in eine ähnliche Richtung gehen würde, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Ihre Mutter reagierte sehr erstaunt auf die Ambitionen ihrer Tochter. Als Enkelin von italienischen Einwanderer*innen wuchs Tribelli in einer kleinen Nachbarschaft außerhalb von Buenos Aires auf. Ihre Familie war Teil der unteren Mittelschicht in einem Land, dessen wirtschaftliche, soziale und politische Krisen immer wieder Unsicherheiten in die Karrierepläne der aufstrebenden Forscherin brachten. Doch mit viel harter Arbeit und familiärer Unterstützung schaffte sie es, ihren Traum zu verfolgen – und als Erste in ihrer Familie an die Universität zu gehen. 

Zu Beginn ihres Bachelorstudiums in Biologie an der Universität Buenos Aires dachte Tribelli zunächst, sie würde sich auf Krebsforschung spezialisieren. „Gefühlt tat das jeder in den frühen 2000er Jahren, es gab zu dieser Zeit einen Boom in der Molekularbiologie. Aber dann wählte ich Mikrobiologie als Fach – und die Liebe, die ich als Kind dafür entwickelt hatte, kehrte zurück“, so Tribelli. 
Auch in den folgenden Jahren blieb sie dem Feld der Mikrobiologie treu: Ihre Doktorarbeit in Biotechnologie befasste sich mit der kälteangepassten Bakterienart Pseudomonas extremaustralis und wie ein globaler Regulator dessen Physiologie beeinflusst.

 

Bewerbung fürs Stipendium und Schwangerschaft

Paula Tribelli war gerade an einem Punkt in ihrer Karriere, an dem sie sich nach Veränderung sehnte, als sie das erste Mal vom Humboldt-Forschungsstipendium erfuhr. Sie hatte bereits zwei kurze Forschungsaufenthalte in Dänemark und in den USA absolviert und arbeitete als Postdoc im Bereich der Biotechnologie. „Ich wollte unbedingt etwas anderes machen, das länger dauert und einen größeren Einfluss auf meine Karriere hat. Und dann legte mir eine Humboldt-Alumna dieses Stipendium ans Herz. Sie schickte mir jede Menge Informationen und ich begann, auch selbst zu recherchieren.“
Ein ausschlaggebender Faktor, weshalb sich Tribelli für das Humboldt-Forschungsstipendium entschied, war die umfassende Unterstützung für Familien, denn zum Zeitpunkt ihrer Recherche war sie bereits schwanger. Ihr Mann, der ebenfalls Forscher ist und den Tribelli als sehr unterstützend beschreibt, bestärkte sie in ihrem Vorhaben.

Auf der Suche nach einer geeigneten Institution für einen Forschungsaufenthalt stieß sie auf die Eberhard Karls Universität Tübingen, die sie als familienfreundlichen Ort empfohlen bekommen hatte. Sie fand eine dort ansässige, internationale Forschungsgruppe und trat mit dem Leiter Friedrich Götz in Kontakt. Nach einigen Gesprächen mit dem Seniorprofessor sowie der Einreichung eines Forschungsplans mit ihren Ideen, erhielt Tribelli die Forschungsplatzzusage und sie wurde schließlich für das Stipendium der Humboldt-Stiftung zugelassen. In Absprache mit ihrem Gastgeber in Tübingen wartete sie elf Monate, um es zu beginnen. „Wir waren beide der Meinung, dass es für mich besser wäre, wenn das Baby schon etwas älter wäre, auch wegen des Kindergartens. Das war ein entscheidender Punkt. Die Stiftung war in diesen Dingen immer sehr flexibel.“ 
Ihr Mann fand schließlich ein Labor, in dem er als Postdoc in Deutschland arbeiten konnte, und im Oktober 2017 begab sich das Paar mit seinem anderthalb Jahre alten Sohn auf den Weg in ein neues Kapitel – auf der anderen Seite des Atlantiks.

 
Das Foto zeigt Paula Tribelli, wie sie ihr Kleinkind hält. Beide tragen gestreifte Oberteile und lächeln glücklich. Hinter ihnen befindet sich ein Beet mit Tulpen.
Paula Tribelli und ihr Sohn Franco im Botanischen Garten Tübingen

Finanzielle Freiheit und neue Horizonte

Die Forscherin beschreibt das Stipendium als eine Zeit, in der sie sich zum ersten Mal keine Sorgen um Geld machen musste. „Für Menschen, die aus Ländern wie meinem kommen, ist die wirtschaftliche Lage immer ein Thema. Die Hälfte unserer Gedanken ist von finanziellen Problemen geplagt. Als ich das Humboldt-Forschungsstipendium erhielt, konnte ich mich zum ersten Mal ganz auf meine Arbeit konzentrieren und mein wahres Potenzial entfalten.“

Zwei Jahre verbrachte Tribelli an der Universität Tübingen. In dieser Zeit arbeitete sie mit menschlichen Zellen und lernte viel über Infektionen, die durch das Bakterium Staphylococcus aureus ausgelöst werden. Außerdem veröffentlichte sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen – und später auch mit ihrem Gastgeber – mehrere Publikationen. „Wir entdeckten einen menschlichen Rezeptor für ein Protein von Staphylococcus aureus, der es den Bakterien ermöglicht, in die Zellen einzudringen und sich dort festzusetzen. Für mich war es großartig, zusammen mit meinen Kolleg*innen daran zu arbeiten, es hat mir sehr viel Spaß gemacht.“
Die Mikrobiologin empfindet zwei Jahre als einen guten Zeitraum für einen Forschungsaufenthalt, denn sie hätten ihren Horizont stark erweitert und sie eng mit ihrer Forschungsgruppe zusammengeschweißt – auch über die Zeit in Tübingen hinaus.

„Als ich das Humboldt-Forschungsstipendium erhielt, konnte ich mich zum ersten Mal ganz auf meine Arbeit konzentrieren und mein wahres Potenzial entfalten.“
Paula Tribelli, Alumna des Humboldt-Forschungsstipendiums
Das Foto zeigt Paula Tribelli Arm in Arm mit Friedrich Götz an der Universität Tübingen. Beide lächeln; sie trägt ein rotes T-Shirt und er einen schwarzen Pullover über einem hellblauen Hemd.
Paula Tribelli und ihr Gastgeber Friedrich Götz an der Universität Tübingen

Und es sollte nicht bei dem einen Forschungsaufenthalt in Deutschland bleiben: Von Dezember 2023 bis Februar 2024 absolvierte Tribelli einen weiteren – diesmal an der Ruhr-Universität Bochum unter der Leitung von Franz Narberhaus. 
In den Jahren zuvor hatte sie in Argentinien daran geforscht, wie Bakterien auf Temperaturveränderungen reagieren beziehungsweise was mit ihnen passiert, wenn ein Mensch Fieber hat. Hierbei waren die Kontakte hilfreich, die sie während ihrer Zeit in Tübingen geknüpft hatte: So schickte sie eine Postdoktorandin in das Labor von Friedrich Götz, um die Frage weiterzuverfolgen. Gemeinsam veröffentlichten sie eine wissenschaftliche Publikation, in der sie aufzeigten, dass Bakterien virulenter werden, wenn sich die Körpertemperatur von 37 auf 39 °C erhöht. Ein Kollege, den sie im Labor von Götz kennengelernt hatte und der ähnliche Experimente mit Mäusen durchführte, kam zu vergleichbaren Ergebnissen.
Um diesen weiter nachzugehen, nahm sie Kontakt zu Narberhaus auf. Tribelli hatte gehört, dass er Leiter eines sehr guten Labors sei, in dem RNA-Thermometer untersucht werden. Nachdem sie dem Professor die sich deckenden Erkenntnisse von sich und ihren Kolleg*innen geschildert hatte, erhielt sie die Möglichkeit, an die Ruhr-Universität zu kommen. 

Auch in dieser Zeit hatte Tribelli ihre – inzwischen vierköpfige – Familie an ihrer Seite. Da es sich schwierig gestaltete, für ihren dreijährigen Sohn einen Kindergartenplatz in Deutschland zu finden, wechselte sich das Paar mit der Betreuung ab, sodass beide ihren Forschungsarbeiten nachgehen konnten; ihr älterer Sohn ging für die Zeit in Bochum zur Schule.

Eigene Forschungslinie in Argentinien

Die Humboldt-Stipendiatin konnte ihre Forschungsarbeit auch zuhause, an der Universität Buenos Aires, ausweiten. Dort ist sie am Institut für Biologische Chemie tätig, das zur Fakultät für Exakte und Naturwissenschaften (IQUIBICEN-CONICET) gehört. Dank der finanziellen Unterstützung der Stiftung gelang es der Mikrobiologin, sich eine Forschungsgruppe aufzubauen und ihre eigene Laborausstattung anzuschaffen. Diese stellt sie auch anderen zur Verfügung, denn bisher ist es die einzige an der Fakultät, an der man Experimente mit menschlichen Zellen zusammen mit infizierten Bakterien durchführen kann. Für Tribelli ist das eine große Errungenschaft. „Mein Forschungsaufenthalt [in Tübingen] hat mir die Möglichkeit gegeben, Neues zu lernen und meine eigene Forschungslinie zu entwickeln. Wir haben hier fünf Doktorand*innen und Nachwuchswissenschaftler*innen sowie sechs Student*innen, was mich sehr glücklich macht. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Phase meiner Karriere“, schwärmt die Argentinierin.

„Mein Forschungsaufenthalt hat mir die Möglichkeit gegeben, Neues zu lernen und meine eigene Forschungslinie zu entwickeln. […] Ich bin sehr zufrieden mit dieser Phase meiner Karriere.“
Paula Tribelli, Alumna des Humboldt-Forschungsstipendiums

Aktuell beschäftigen sich Tribelli und ihre Forschungsgruppe mit bakteriellen Infektionen. Vor allem interessiert sie die Frage, wie die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Bakterien den Infektionsverlauf bestimmen. „Wir freuen uns sehr darauf, zu untersuchen, wie beispielsweise E-Zigaretten Bakterien beeinflussen, die in den Nasennebenhöhlen vorkommen und auch die Lunge besiedeln können, allerdings bei gesunden Menschen. Was passiert also, wenn man mit Vaping anfängt? Was passiert, wenn die Bakterien an Virulenz gewinnen, oder wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit der Antibiotikaresistenz?“

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Kindern mit bestimmten genetischen Erkrankungen. Dafür arbeiten Tribelli und ihre Forschungsgruppe eng mit Krankenhäusern zusammen, von denen sie regelmäßig Proben erhalten. Diese analysieren sie im Labor mithilfe verschiedener Experimente und Genomsequenzierungen. Ihre Lieblingsaufgabe sei es, nicht nur eine Menge von Daten zu generieren, sondern auch, diese auf allgemeine Muster zu untersuchen – beispielsweise, wenn ein Kind von bestimmten Bakterien besiedelt wird und dann ein weiteres Bakterium hinzukommt.

Das Gruppenfoto zeigt Paula Tribelli, ihre Forschungsgruppe und vier weitere Kolleg*innen im Garten der Universität Buenos Aires. Alle lächeln glücklich. Tribelli ist in der Mitte und trägt ein pinkes T-Shirt.
Paula Tribelli, ihre Forschungsgruppe und vier weitere Kolleg*innen an der Universität Buenos Aires

Verbunden mit dem Humboldt-Netzwerk

Auch Jahre nach dem Abschluss ihres Stipendiums erlebt Tribelli immer wieder, wie ihr die Verbindung zum Humboldt-Netzwerk zugutekommt. Beispielsweise öffneten ihr in dieser Zeit geknüpfte, internationale Kontakte neue Türen. So geht es für die Argentinierin bald an das Zentrum für Antibiotikaresistenz in Tokio. Ihr ehemaliger Gastgeber Götz hatte ihr den Leiter des Zentrums vorgestellt, mit dem sie nun zusammenarbeitet. „Dank der Humboldt-Stiftung fügt sich jetzt alles. Das Stipendium ist eine riesige Chance für die Karriere.“

Im April 2026 stattete Tribelli der Universität Tübingen einen weiteren Besuch ab – gefördert von der Humboldt-Stiftung verbrachte sie dort zehn Tage im Labor von Friedrich Götz.

„Dank der Humboldt-Stiftung fügt sich jetzt alles.
Das Stipendium ist eine riesige Chance für die Karriere.“
Paula Tribelli, Alumna des Humboldt-Forschungsstipendiums

Auch bei der Bewerbung um eine wichtige staatliche Förderung, die über das REPARA-Netzwerk (Abkürzung für „Evolución de la resistencia antibiótica en infecciones crónicas polimicrobianas en Argentina“) vergeben wird, bemerkte Tribelli, dass ihr zweijähriger Forschungsaufenthalt in Deutschland einen positiven Unterschied machte. Das Komitee zeigte besonderes Interesse an der Humboldtianerin aufgrund dieser Station in ihrem Lebenslauf. Insgesamt bewarben sich vier Gruppen aus verschiedenen Teilen Argentiniens dafür – und Tribellis Gruppe, die aus ihr und drei weiteren Forscher*innen bestand, bekam schließlich die Zusage. Dank der Förderung ist sie nun stellvertretende Koordinatorin eines Forschungsprogramms zu seltenen Krankheiten an ihrer Fakultät. Laut ihr ist es dort das erste Programm dieser Art. Es ermöglicht unter anderem die Vergabe von Stipendien für Studierende im Grundstudium, die von Unternehmen unterstützt werden. Außerdem können etwa drei- bis viermal im Jahr Bildungsaktivitäten mit Kindern zum Thema Bakterien durchgeführt werden, die sich an die breite Öffentlichkeit richten.

Tribelli betont, dass die Stiftung sich stets für sie und Forscher*innen aus Argentinien eingesetzt hat – vor allem in Zeiten, in denen die Wissenschaft dort unter starkem Druck stand. Die Humboldtianerin erinnert sich an eine Konferenz in ihrem Heimatland, bei der – neben anderen deutschen Wissenschaftsinstitutionen – Vertreter*innen der Humboldt-Stiftung anwesend waren. Diese hätten vor Ort gegenüber argentinischen Politiker*innen die Bedeutsamkeit von Forschenden hervorgehoben. „Für uns argentinische Humboldt-Stipendiat*innen war das sehr wichtig. Denn ich hatte das Gefühl, dass wir immer noch Personen haben, die uns den Rücken stärken – auch wenn sie in einem anderen Land sind.“

Was Tribelli anderen weiblichen Forscherinnen raten würde, die überlegen, sich für ein Stipendium zu bewerben? „Habt keine Angst. Das Stipendium gibt euch die nötige Unterstützung, euer Potenzial auszuleben und euch zu zeigen, dass ihr es könnt. Besonders wenn ihr aus einem Entwicklungsland kommt, weiß ich, dass die Chancen immer weniger und die Schwierigkeiten von Jahr zu Jahr größer werden. Also: Traut euch und bewerbt euch einfach!“

Das Foto zeigt Paula Tribelli mit ihrem Mann, der ihren gemeinsamen Sohn auf dem Arm trägt. Das Ehepaar steht auf dem Rasen vor dem Schloss Bellevue und tragen formelle Kleidung.
Paula Tribelli und ihre Familie bei der Humboldt-Jahrestagung in Berlin (2018)

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