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„Wissenschaftsfreiheit geht uns alle an“ – internationale Konferenz in Berlin

Am 18. und 19. April trafen sich 300 Personen beim Philipp Schwartz und Inspireurope Stakeholder Forum in Berlin. Expert*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik diskutierten über Herausforderungen und berufliche Perspektiven für gefährdete Forschende.

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„Das Regime zwingt die Mitglieder der akademischen Welt, zu Werkzeugen der Kontrolle zu werden. Das ist ein Verbrechen. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Die iranische Performance-Künstlerin und Theaterwissenschaftlerin Azadeh Ganjeh lehrt derzeit mit Förderung der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Hildesheim. Seit 2022 lebt und arbeitet sie im deutschen Exil. In ihrem Heimatland war sie aufgrund ihrer Beteiligung am politischen und sozialen Widerstand nicht mehr sicher. Auf dem Philipp Schwartz und Inspireurope Stakeholder Forum in Berlin erzählt sie von Überwachung, Propaganda und Gewaltaktionen gegen Forschende – und damit einer weitreichenden Gleichschaltung der iranischen Wissenschaftslandschaft. Der Staat untergrabe gezielt das akademische System und säe Misstrauen, besonders gegenüber Minderheiten, so Ganjeh. Es brauche eine breite öffentliche Debatte zum Thema Wissenschaftsfreiheit, denn das Wissenschaftssystem stehe für die Gesellschaft als Ganzes: „Akademische Freiheit ist ein öffentliches Anliegen – nicht nur eine Sache von Staaten oder Regimen. Wir alle müssen uns für sie einsetzen.“

Performance-Künstlerin und Theaterwissenschaftlerin Azadeh Ganjeh

Azadeh Ganjeh beschreibt keinen Einzelfall. Ihre Stimme war eine unter vielen, die in diesen zwei Tagen in Berlin ihre Erfahrungen zum Stand der globalen Wissenschaftsfreiheit teilten. Von Afghanistan über Äquatorialguinea bis hin zur Türkei und der Ukraine: Forschende berichteten von Verfolgung und systematischer Unterdrückung in ihren Heimatländern, aber auch von den Herausforderungen des Lebens im Exil, den bürokratischen Hürden in den Schutzländern sowie der großen Unterstützung der gastgebenden Einrichtungen und Mentor*innen in Deutschland und Europa. Gerade mit Blick auf die anhaltenden Krisen weltweit ging es auch um berufliche Perspektiven: Wie wird es nach der Förderung in Deutschland weitergehen? Welche Möglichkeiten der Vernetzung gibt es? Wie kann man einheitliche und dabei faire Standards und Kriterien der Bewertung akademischer Leistungen schaffen – besonders für Forschende, deren Lebensläufe durch Krieg, Vertreibung und Diskriminierung geprägt sind?

„In diesen schwierigen Zeiten ist unser Engagement für diejenigen, die häufig die mutigsten Stimmen des Dissenses sind und daher am stärksten der Repression ausgesetzt sind, unerschütterlich.“
Anke Reiffenstuel, Beauftragte für Außenwissenschaftspolitik, Auswärtige Bildungs- und Forschungspolitik beim Auswärtigen Amt
Das Publikum bei der Eröffnung des Forums.
Robert Schlögl, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung
Teilnehmende im Gespräch
Anke Reiffenstuel, Beauftragte für Außenwissenschaftspolitik, Auswärtige Bildungs- und Forschungspolitik beim Auswärtigen Amt
Fellows des MSCA4Ukraine Programmes

Anke Reiffenstuel, Beauftragte für Außenwissenschaftspolitik, Auswärtige Bildungs- und Forschungspolitik beim Auswärtigen Amt, plädierte bei der Eröffnung der Veranstaltung für eine solidarische Haltung gegenüber jenen, die ihr Leben und ihre Zukunft riskieren: „In den schwierigen Zeiten, in denen wir leben, mit einem Krieg auf europäischem Boden, großen Bedrohungen für eine auf Regeln basierende Weltordnung und autoritären Tendenzen, die weltweit an Boden gewinnen, ist unser Engagement für diejenigen, die häufig die mutigsten Stimmen des Dissenses sind und daher am meisten der Repression ausgesetzt sind, unerschütterlich.“ Reiffenstuel lobte dabei auch die Arbeit der Alexander von Humboldt-Stiftung und ihrer Verbündeten: „Die Philipp Schwartz-Initiative hat sich zu einem bedeutenden Akteur innerhalb eines globalen Netzwerks gleichgesinnter Partner zum Wohle gefährdeter Forschender und zur Förderung der akademischen Freiheit entwickelt.“ Der Präsident der Humboldt-Stiftung, Robert Schlögl, verwies mit Blick auf die notwendigen Unterstützungsstrukturen auf das Humboldt-Netzwerk und die zentrale Rolle der gastgebenden Institutionen: „Kein einziger Forschender hätte ohne das Engagement der akademischen Gastgeber*innen und Gastinstitutionen in Deutschland und Europa Zuflucht gefunden. Sie spielen eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Forschenden im Exil zu helfen, ihr volles Potenzial in Sicherheit zu entfalten.“

Livestream der Veranstaltung

Eingeladen von der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung in Zusammenarbeit mit Scholars at Risk Europe und dem Inspireurope Konsortium, brachte das hybride Stakeholder Forum mehr etwa 300 Teilnehmer*innen aus 37 Ländern in Berlin zusammen. Forschende, politische Entscheidungsträger*innen und Verwaltungsbeamte tauschten sich in öffentlichen Panels und Workshops über den Zustand der akademischen Freiheit in verschiedenen Regionen der Welt aus.

Zudem diskutierten die Teilnehmenden darüber, inwiefern sich Diversitätsstrategien in Hochschulen vertieft mit Exilerfahrungen befassen sollten. Die Rolle von traumasensitiver und begleitender psychosozialer Betreuung an den Hochschulen, die oft noch zu kurz komme, wurde betont. Auch ging es um die Frage, wie Forschende im Exil und nach ihrer Rückkehr zu funktionierenden akademischen Netzwerken beitragen können und welche Unterstützungsangebote es braucht, um sich nach Fluchterfahrungen beruflich und privat neu zu orientieren. Zu diesen und weiteren Aspekten bot die Veranstaltung Informations-, Trainings- und Vernetzungsmöglichkeiten für Philipp Schwartz- und MSCA4Ukraine-Fellows sowie andere exilierte Forschende, akademische Mentor*innen und Förderorganisationen auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene.

Mehr Informationen zur Philipp Schwartz-Initiative 

Unmittelbar vor Beginn des Forums ging es in einer speziellen Veranstaltung für ukrainische Forschende in Deutschland um die Herausforderungen deutsch-ukrainischer Kooperationen. Die Alexander von Humboldt-Stiftung, der DAAD, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Gerda Henkel Stiftung, die Leopoldina und die VolkswagenStiftung luden ukrainische Forschende in Deutschland zu einem Netzwerkevent ein. Diskutiert wurden mögliche Maßnahmen der Science Diplomacy und Zukunftsperspektiven für Forschende im Exil und das ukrainische Wissenschaftssystem.

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