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Eine Humboldt-Gastgeberin zwischen den Disziplinen: Silvia Vignolinis Weg in der Wissenschaft

Silvia Vignolini ist eine preisgekrönte italienische Wissenschaftlerin und Humboldt-Gastgeberin, die sich neben ihrem interdisziplinären Forschungsansatz vor allem durch eines auszeichnet: den Mut, neue Wege zu gehen und bestehende Strukturen aufzubrechen.

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Silvia Vignolini lächelt in die Kamera. Sie hat lange braune Haare und grüne Augen und trägt eine schwarze Jacke. Im Hintergrund ist ein Labor zu sehen.
Porträt von Silvia Vignolini

Von Italien über England nach Deutschland: Silvia Vignolinis wissenschaftliche Laufbahn wurde von zahlreichen Forschungsumgebungen geprägt. Ihre interdisziplinäre Expertise führte sie schließlich an das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam. Seit Januar 2023 ist sie dort Direktorin und leitet die Abteilung „Nachhaltige und Bio-inspirierte Materialien“. Zugleich betreut sie vier Humboldt-Forschungsstipendiat*innen aus China, die seit Anfang 2026 Teil ihrer internationalen Forschungsgruppe sind.
 
An der Schnittstelle von Chemie, Physik der weichen Materie, Optik und Biologie untersucht Vignolini, wie natürliche Materialien in lebenden Organismen zu komplexen Architekturen zusammengesetzt werden und wie diese Strukturen die Eigenschaften und Reaktionen der Organismen beeinflussen. Langfristig verfolgt sie das Ziel, neue umweltfreundliche Funktionsmaterialien zu entwickeln, die ausschließlich auf natürlichen Ressourcen und Umweltbedingungen basieren.

Von Sternen zu Blumen

Der Grundstein für Vignolinis wissenschaftlichen Werdegang wurde an der Universität Florenz gelegt, wo sie von 2000 bis 2005 Physik studierte. Inspiriert hatte sie ein Buch aus ihrer Gymnasialzeit: Eine kurze Geschichte der Zeit von Stephen Hawking. „Ich neige dazu, mich auf etwas zu fixieren, aber auch wieder meine Meinung zu ändern. Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, dachte ich: Das muss ich machen, ich muss Astrophysik studieren“, erinnert sie sich.
Die Realität des Studiums entsprach jedoch nicht ganz ihren Erwartungen. Schnell stellte sie fest, dass Astrophysik zu einem großen Teil daraus bestand, in dunklen Räumen zu sitzen und Daten auszuwerten, anstatt Sterne zu beobachten. 

Auch wenn sich ihre wissenschaftlichen Interessen in den folgenden Jahren in andere Richtungen entwickelten, bereut Vignolini ihre Studienwahl nicht. Im Gegenteil: „Ich bin froh, dass ich Physik studiert habe. Ich halte es für sehr wichtig, sich in ein Fachgebiet zu vertiefen, denn dadurch lernt man, sich Wissen gründlich anzueignen.“ Diese fundierte Ausbildung bildet bis heute die Grundlage ihrer interdisziplinären Forschung.

„Ich halte es für sehr wichtig, sich in ein Fachgebiet zu vertiefen, denn dadurch lernt man, sich Wissen gründlich anzueignen.“
Silvia Vignolini, Gastgeberin für Humboldt-Forschungsstipendiat*innen

Nachdem Vignolini im Jahr 2009 ihre Promotion in Physik erfolgreich abgeschlossen hatte, standen ihr verschiedene berufliche Möglichkeiten offen. Keine davon begeisterte sie jedoch wirklich oder vermittelte ihr das Gefühl, an etwas Sinnvollem zu arbeiten. Dies änderte sich, als sie an die Universität Cambridge ging und dort den Polymerphysiker Ullrich Steiner kennenlernte. Sie beschreibt ihn als einen „fantastischen Menschen und Wissenschaftler“ und fühlte sich auch in seiner Forschungsgruppe sehr wohl. Diese Zeit war für sie sehr prägend und hat nicht nur ihre zukünftige Forschungsausrichtung beeinflusst, sondern auch ihre Vorstellung davon, wie Forschung betrieben werden sollte.

Steiner bot ihr an, Teil eines Projekts zu werden, bei dem er und seine Forschungsgruppe die Strukturen von Blumen untersuchten. Vignolini gab ihm eine Zusage, war jedoch nicht vollständig von dem Projekt überzeugt. Stattdessen hoffte sie darauf, zusätzlich an einem seiner anderen Projekte mitarbeiten zu können, das sich mit der Herstellung von Nanostrukturen durch Selbstorganisation von Polymeren beschäftigte. Im Vergleich zu den aufwendigen Lithografie- und Reinraumverfahren, die sie während ihrer Promotion genutzt hatte, erschien ihr dieser Ansatz revolutionär: Komplexe Nanoarchitekturen konnten durch das Mischen von Materialien nahezu von selbst entstehen.

Auch wenn Vignolini dem Forschungsprojekt über Blumen zunächst mit Skepsis begegnete, sollte es sich als wegweisend für ihren weitere wissenschaftliche Karriere herausstellen. Durch diese Arbeit setzte sie sich erstmals intensiv mit den Konzepten der Biomimetik und den optischen Eigenschaften biologischer Systeme auseinander. Mit der Zeit entwickelte sie eine wachsende Faszination für die Vielfalt natürlicher Strukturen und konnte sich sogar vorstellen, Botanikerin zu werden. Dieser Berufswunsch änderte sich zwar später wieder, dennoch blickt sie mit großer Begeisterung auf diese drei Jahre als Postdoc zurück. „Wenn man an einen Ort wie Cambridge geht, hat man natürlich Zugang zu Ressourcen, die einem zuvor nie wirklich zur Verfügung standen. Man hat Zugang zu exzellenten Leuten mit einem ganz anderen Maß an Engagement. Man ist auf so engem Raum von so vielen guten Leuten umgeben, dass es fast unmöglich ist, nicht besser zu werden“, reflektiert die Wissenschaftlerin.

 

Forschung zwischen Disziplinen

Auch wenn Vignolini ihre Einblicke in verschiedene Fachgebiete und Forschungsumgebungen als bereichernd empfindet, waren diese Erfahrungen nicht frei von Herausforderungen. Ihr Postdoc-Stipendium fühlte sich für sie an, als würde sie erneut promovieren – diesmal jedoch in einem anderen Fach. „Es war frustrierend, denn man beginnt an einem Punkt, an dem man alles im Griff hat und weiß, wie man die Dinge anpackt, wie man im Labor effektiv arbeitet – und dann kehrt man zum Ausgangspunkt zurück, wo man quasi hilflos ist. Ich glaube, das ist die prägendste Erfahrung, denn genau dann eignet man sich wirklich eine Menge Wissen an.“

Nachdem sie 2013 ihren Postdoc abgeschlossen hatte, begann Vignolini als Universitätsdozentin (engl.: Lecturer) zu arbeiten – erst für Physik am University College in London, etwa ein halbes Jahr später für Chemie an der Universität Cambridge.
Auch die folgenden Jahre arbeitete die Wissenschaftlerin an der Universität Cambridge: Von 2017 bis 2020 als Universitätsdozentin (engl.: Reader) für Chemie und Biomaterialien, von 2020 bis 2022 als Professorin für Biomaterialien und Nachhaltigkeit. 

Das Foto zeigt Silvia Vignolini mit über 20 Studierenden, die lächelnd vor einem Gebäude der Universität Cambridge auf einem grünen Rasen stehen. Das Gebäude zeichnet sich durch seine klassische Architektur und eine Skulptur in der Mitte aus.
Silvia Vignolini und ihre Studierenden an der Universität Cambridge (2022)

Nach über einer Dekade in England entschied sich Vignolini schließlich dafür, eine Stelle in Deutschland anzunehmen: Anfang 2023 wurde sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam, wo sie seitdem die neu gegründete Abteilung „Nachhaltige und Bio-inspirierte Materialien“ leitet. 
Die Wissenschaftlerin hat mit dem Institut einen Ort gefunden, an dem sie mit ihrem fächerübergreifenden Forschungsansatz sehr gut hineinpasst. „Es gibt in Deutschland zwar interdisziplinäre Forschung, aber ich glaube, die Leute konzentrieren sich viel stärker auf einen einzelnen Aspekt. Wir sind natürlich absolute Expert*innen im Bereich der Zellulosematerialien, aber mir gefällt es sehr, dass wir verschiedene Dinge ausprobieren können. Manchmal interessiert es mich zum Beispiel, eine spannende Forschungsfrage zu finden. Und es ist mir ziemlich egal, ob es dabei um Chemie geht oder nicht. Ich mag es, Zusammenhänge zu entdecken, bei denen man ein Problem löst und dieser Aspekt sich auch in einem anderen System wiederfindet. Das ist für mich wirklich zufriedenstellend.“

Als Frau in der Wissenschaft

Auf die Frage, wie sie es als Frau erlebt hat, sich in verschiedenen Forschungsumgebungen zu bewegen und die akademische Karriereleiter zu erklimmen, antwortet Vignolini, dass sie erst vor Kurzem zum ersten Mal ausführlich darüber gesprochen und ihre Gedanken dazu sortiert habe.

In Florenz studierte Vignolini mit vielen anderen Frauen Physik: Den Anteil ihrer weiblichen Kommilitoninnen schätzt sie auf etwa 40 Prozent, gegen Ende des Studiums auf rund 30 Prozent. Auch unter den Lehrenden gab es zahlreiche Frauen, allerdings hatte keine von ihnen eine ordentliche Professur inne. Dass es unterschiedliche Abstufungen bei akademischen Positionen gab, war Vignolini während ihres Bachelorstudiums und ihrer Promotion noch nicht geläufig. „Ich war wahrscheinlich naiv, weil ich nicht aus einer Akademikerfamilie stamme. Ich war die Erste in meiner Familie, die an die Universität ging. Ich wusste nicht, was eine ordentliche oder eine außerordentliche Professorin ist. Deshalb habe ich diesen Unterschied damals gar nicht wahrgenommen.“ 

Heute ist sich Vignolini dieser strukturellen Ungleichheit sehr bewusst, die ihrer Ansicht nach ihren Ursprung in der Gesellschaft hat und sich daher zwangsläufig auch im akademischen Umfeld widerspiegelt. Sie begegnet nach wie vor nur selten Frauen in leitenden akademischen Positionen und ist fest davon überzeugt, dass Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter unerlässlich sind, um mehr Chancen für Frauen und andere unterrepräsentierte Gruppen zu schaffen. Diesbezüglich verweist sie auf die Bemühungen der Max-Planck-Gesellschaft, eine größere Chancengleichheit zu fördern.

Gastgeberin im Humboldt-Netzwerk

Von der Humboldt-Stiftung hörte Vignolini das erste Mal während ihrer Zeit in Cambridge, als ein Doktorand ihres Gastgebers sich erfolgreich um ein Humboldt-Forschungsstipendium bewarb. Als die Wissenschaftlerin in das Institut für Chemie wechselte, lernte sie dort einen Professor kennen, der Gastgeber für Humboldt-Stipendiat*innen war. „Als er mir das erzählte, dachte ich: ‚Ach, ich wäre auch gerne eine Humboldt-Stipendiatin, zusammen mit all den anderen‘“, so die Italienerin.

Doch es sollten nicht ihre letzten Berührungspunkte mit der Humboldt-Stiftung bleiben: 2025 fungierte sie als Fachgutachterin für die Stiftung, seit Januar 2026 ist sie Gastgeberin von vier chinesischen Humboldt-Forschungsstipendiat*innen.
Vignolinis Forschungsgruppe ist insgesamt sehr international aufgestellt: Die Mitglieder stammen unter anderem aus China, Großbritannien, dem Iran, der Türkei, Kanada, den USA, Spanien, Italien und Lateinamerika.

Das Aufeinandertreffen von Personen verschiedener Nationalitäten mache laut Vignolini einige Aspekte der Zusammenarbeit zwar herausfordernder, weshalb eine gute Kommunikation und eine respektvolle Haltung gegenüber anderen Kulturen essenziell seien. „Das ist das Erste, was ich ihnen sage, wenn sie zu uns kommen: ‚Du magst die beste Wissenschaftlerin oder der beste Wissenschaftler sein – aber wenn du anderen nicht mit Respekt begegnest und dich nicht um sie kümmerst, dann bist du hier fehl am Platz.‘“
Gleichzeitig beobachtet sie, dass sich die Mitglieder internationaler Forschungsgruppen deutlich stärker gegenseitig unterstützen. Mit der Zeit ist ihre Forschungsgruppe zu einer Art Familie geworden, in der die meisten aufeinander Acht geben – ein Zusammenhalt, der Vignolini besonders wichtig ist. 

Wie zu erwarten bekommt die Wissenschaftlerin zahlreiche Bewerbungen aus aller Welt. Um die passendsten Personen für ihre Forschungsgruppe herauszufiltern, wendet sie gewisse Kriterien an. Sie zieht vor allem E-Mails vor, die kurz sind, aber auch die Persönlichkeit des Menschen erkennen lassen. Als Beispiel nennt Vignolini einen Kanadier, der vor Kurzem Teil ihrer Gruppe wurde: Er hatte sich mit dem Betreff „Chitin-Enthusiast sucht einen Job“ bei ihr beworben.

Ein weiterer essenzieller Aspekt sei für Vignolini ein gutes Forschungsvorhaben. „Manchmal kommen Personen mit einer noch nicht ganz ausgereiften Idee auf mich zu. Und dann fängt man an, das Ganze in der Besprechung ein wenig zu diskutieren, und stellt fest, dass diese Leute Potenzial haben. In diesem Fall sage ich ihnen: ‚Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, das Ganze tatsächlich aufzuschreiben und uns dann für ein Stipendium zu bewerben.‘ So lief es normalerweise bei den Postdocs, die das Humboldt-Forschungsstipendium erhalten haben, denn sie hatten gute Ideen.“
Als Beispiel nennt sie Xiaowen Wu, der ihr eine interessante Projektidee zu Zellulose-Nanokristallen vorstellte. Vignolini schlug vor, am Max-Planck-Institut gemeinsam an der Bewerbung für das Stipendium zu schreiben. Kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist machte Wu in seinen Experimenten eine unerwartete Entdeckung, woraufhin sie die ursprüngliche Projektidee noch einmal umwarfen. „Das Projekt hat sich zwar geändert, aber ich finde, das Endergebnis war viel besser als der ursprüngliche Plan. Dank des Humboldt-Forschungsstipendiums konnten Xiaowen und ich uns voll und ganz auf den von uns vorgeschlagenen Plan konzentrieren.“

Was sie Personen raten würde, die noch abwägen, ob sie Humboldt-Forschungsstipendiat*innen in ihrer Gruppe aufnehmen sollen? „Wenn man jemanden hat, der einen guten Lebenslauf und dazu eine gute Idee vorweisen kann, dann frage ich mich einfach: Warum nicht? Ich halte es für wichtig, sich als Gastgeber*in anzubieten, denn ich bin überzeugt, dass dieses Stipendium Forscher*innen eine wirklich einzigartige Chance eröffnet.“

„Ich halte es für wichtig, sich als Gastgeber*in anzubieten, denn ich bin überzeugt, dass dieses Stipendium Forscher*innen eine wirklich einzigartige Chance eröffnet.“
Silvia Vignolini, Gastgeberin für Humboldt-Forschungsstipendiat*innen

Auch für ihr Kollegium am Max-Planck-Institut wünscht sich Vignolini, dass noch mehr internationale Wissenschaftler*innen Teil des Teams werden. Die Preise der Humboldt-Stiftung sieht sie als eine weitere großartige Möglichkeit dafür. In diesem Jahr hat sie selbst zwei Personen für den Humboldt-Forschungspreis und den Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreis nominiert. „Ich halte diese Programme für wirklich wunderbare Initiativen, und mir gefällt der Ansatz der Humboldt-Stiftung sehr gut, weil er auch wesentlich dazu beiträgt, die wissenschaftliche Gemeinschaft zu prägen.“

Das Foto zeigt Silvia Vignolini mit ihrer rund 30-köpfigen Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut in Potsdam. Die Gruppe steht auf einem Rasen, im Hintergrund sind Bäume und ein Feld zu sehen.
Silvia Vignolini und ihre Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut (2025)

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