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Stille Nacht

Die Corona-Pandemie hält alle Welt auf Abstand und nimmt uns etwas, das uns im Kern ausmacht: menschliche Nähe und soziale Interaktion. Bundeskanzler-Stipendiatin Diana Raiselis arbeitet an zukunftsfähigen Konzepten für die Wiederbelebung der Nachtkultur.

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Menschenleere Tanzflächen, stumme Boxen, verwaiste DJ-Pulte, stillstehende Discokugeln – so dunkel und leise war es an Silvester in den Clubs weltweit vermutlich noch nie. Auch die Bundeskanzler-Stipendiatin Diana Raiselis konnte nicht ins neue Jahr tanzen. Derzeit tut sie alles dafür, dass sich die Situation möglichst bald wieder ändert und arbeitet an sicheren und zukunftsfähigen Konzepten für die Nachtwirtschaft. Seit Oktober 2019 ist die US-Amerikanerin, die in Chicago als Theaterregisseurin arbeitete und den Clubkultur-Verband Los Angeles Nightlife Alliance mitgründete, im Rahmen ihres Stipendiums zu Gast bei Lutz Leichsenring, dem geschäftsführenden Vorstand und Pressesprecher der Clubcommission Berlin, einer Interessenvertretung für Clubkultur. Ihr ursprünglicher Plan: das Berliner Nachtleben mit Blick auf die UN-Nachhaltigkeitsziele, etwa in puncto ökologischer Verantwortung zu erforschen und zu analysieren.

Relevanter Wirtschaftsfaktor

Als am 13. März 2020 die Lichter in den rund 300 Clubs der deutschen Hauptstadt bis auf Weiteres erloschen, geriet eine ganze Branche über Nacht in existenzielle Not. Trotz angelaufener Hilfsprogramme sind viele Clubbetreiber*innen und Veranstalter*innen aufgrund hoher Mieten und ausbleibender Einnahmen finanziell bedroht. Laut einer Studie, die 2019 im Auftrag des Berliner Senats durchgeführt wurde, arbeiten rund 9.000 Menschen in der Nachtwirtschaft. Sie erzielen einen jährlichen Gesamtumsatz von 170 Millionen Euro und ziehen rund 3 Millionen Clubkultur-Tourist*innen pro Jahr an. Insbesondere in Metropolen wie Berlin stellt die Nachtkultur einen relevanten Wirtschaftsfaktor dar, der eng mit anderen Sektoren wie der Tourismus-, Hotel- oder Gastronomiebranche verknüpft ist.

„Uns war von Anfang an klar, dass Clubs die Ersten sein würden, die schließen müssen und die Letzten, die wieder öffnen können. Wir mussten schnell handeln“, sagt Diana Raiselis. Initiiert von ihrem Humboldt-Gastgeber Lutz Leichsenring und dem ehemaligen Amsterdamer Nachtbürgermeister Mirik Milan entwickelte Raiselis gemeinsam mit Menschen aus über 30 Städten weltweit – darunter Gesundheitsexpert*innen, Wissenschaftler*innen, Akteur*innen aus der Nachtwirtschaft – den „Global Nighttime Recovery Plan“ (GNRP).

Safety First

Bei allen Überlegungen spielte für die Initiator*innen neben der Existenzsicherung von Anfang an der Infektionsschutz die größte Rolle. Wie Lutz Leichsenring in einem Twitter-Post betont: „Bei aller Not, die die Clubkultur in Berlin gerade durchlebt, und bei aller Sehnsucht nach zwanglosem Zusammensein bei Musik und Tanz, stehen auch für uns die Einhaltung der Corona-Regeln und der Kampf gegen die Pandemie an oberster Stelle.“

Entstanden ist ein kollaborativer Leitfaden und eine praktische Erste Hilfe für Städte und Akteur*innen der Nachtwirtschaft, der stetig weiterentwickelt wird. Der Plan enthält kurz-, mittel- und langfristige Überlegungen und Strategien, wie das Nachtleben während und nach der Pandemie so sicher wie möglich reaktiviert werden kann. Wie lassen sich Veranstaltungen coronakonform Open-Air oder digital umsetzen? Welche Formen von Outdoor-Events haben sich bisher als praktikabel erwiesen? In welche Richtung lässt sich das eigene Geschäftsmodell für die Zeit des Lockdowns neu interpretieren? Und mit welchen Strategien können Städte ihre Nachtkultur auch langfristig unterstützen?

Coronavirus - Berlin
Warteschlange für einen Corona-Schnelltest auf dem Gelände des Berliner Nachtclubs KitKat-Club

Alternative Nutzungen

Auf all diese Fragen sammeln Raiselis und ihre Mitautor*innen Antworten und stellen Fallbeispiele vor. Die Event-Location Village Underground im Herzen Londons etwa wurde zeitweise zu einem Fahrrad-Parkhaus. Wöchentliche Reparaturkurse mit Expert*innen eines Fahrradcafés aus der Umgebung und ein integrierter Getränkemarkt ergänzten das temporäre Geschäftsmodell.
In Berlin verwandelten einige Clubs ihre Außenflächen mit entsprechenden Hygienekonzepten vorübergehend in Biergärten. Der Berliner KitKat-Club wurde vor Weihnachten zum Corona-Schnelltestzentrum und das Berghain präsentierte sich als Ausstellungsraum. Einen langfristigeren Ansatz verfolgen Ideen wie die 24-hour City-Strategie, die aktuell in Sydney umgesetzt wird. Erweitert werden sollen die Fahrzeiten öffentlicher Verkehrsmittel in den späten Abendstunden sowie die Öffnungszeiten und Möglichkeiten für Veranstaltungsorte und Konzert-Locations. So werden dank einiger Gesetzesänderungen der Landesregierung im Bundesstaat New South Wales etwa Verbote für Live-Unterhaltung in Vorstadt-Restaurants und kleinen Bars aufgehoben. Auch Orte wie beispielsweise Buchläden oder Friseursalons können künftig zu Veranstaltungsorten werden.

Menschliches Grundbedürfnis

Die Bedeutung des Nachtlebens geht für Raiselis weit über das reine Feiervergnügen hinaus. Clubs empfindet sie als kulturelle Orte, die Menschen einander nahebringen, die offen und inklusiv sein sollen. Orte, die in der Vergangenheit auch für ihre persönliche Entwicklung wichtig waren. „Salonathon, eine Performancekunst- und Partyreihe in der Chicagoer Beauty Bar, hat mich besonders geprägt. Dort traf ich als junge und frisch geoutete Person zum ersten Mal auf die queere Community Chicagos. Die Gemeinschaft, die ich dort fand, hat meine Entwicklung als Künstlerin und Mensch stark beeinflusst.“ Für Raiselis ist es entscheidend anzuerkennen, wie sehr Menschen das Bedürfnis haben, sozial zu interagieren und sich zu treffen. „Wir vermissen einander. Es ist wichtig, Zusammenkünfte in sicheren Bahnen zu ermöglichen, sobald es wieder vertretbar ist. Verbote führen nur dazu, dass sich Menschen im privaten Raum treffen und so womöglich ein höheres Infektionsrisiko entsteht.“

Daran will sie weiterhin arbeiten. Ihre Vision für die Clubkultur nach Corona: „Ich hoffe, dass wir stabiler, diverser, kreativer und inklusiver aus dieser Krise hervorgehen. Auch wenn digitale Clubnächte, das analoge Erlebnis nicht ersetzen können – sie sind eine wertvolle Ergänzung und ermöglichen vielen Menschen einen barrierefreien Zugang zum Nachtleben.“

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Die Bundeskanzler-Stipendiatin Diana Raiselis
ist Absolventin der Northwestern University in Illinois, USA, und des Coro Fellows Program in Public Affairs. Sie ist Gründungsmitglied des Clubkultur-Verbands Los Angeles Nightlife Alliance und war als Programmentwicklerin und Moderatorin in den Bereichen Non-Profit-Kunst, politische Bildung und Führungsentwicklung aktiv. Als Regisseurin wirkte sie in der Theaterszene Chicagos.
Ihr Projekt im Kontext des Bundeskanzler-Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung konzentrierte sich ursprünglich auf die Frage, inwiefern das Nachtleben zu nachhaltigen Städten beitragen kann und wie die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen die Nachtkultur positiv verändern könnte. Angesichts des Ausbruchs der Corona-Pandemie musste Raiselis ihren Projektfokus jedoch anpassen. Als „Stipendiatin in Residence“ arbeitet sie nun bei der Clubcommission Berlin und dem VibeLab im Rahmen des „Global Nighttime Recovery Plan“ mit anderen Akteur*innen an zukunftsfähigen Konzepten zum Erhalt der Nachtkultur.

Autorin: Esther Sambale

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